Ein Bundesrat in der Pampa

Bundesrätlicher Live-Blog in der Ronmühle

Schötz | Bundesrat Moritz Leuenberger in der Ronnmühle

Auf Einladung des Kulturvereins Träff Schötz kam Bundesrat Leuenberger am Freitag in die Ronmühle. Hier redete er über sein Buch «Lüge, List und Leidenschaft» und darüber, wie er Politik lebt und erlebt.

von David Koller

Da sass er nun, auf einer Festbank mitten im Ronmühle-Keller: Bundesrat Moritz Leuenberger. Am Morgen noch hatte er bekannt gegeben, welche Privatradios und -fernsehen eine Konzession erhalten und welche nicht – und musste dafür viel Kritik einstecken. Jetzt sass er lächelnd am Tisch und signierte ein Buch nach dem anderen. Freitagabend, kurz nach zehn. Im Rahmen des Luzerner Tages der Kulturlandschaft war Leuenberger auf Einladung des Kulturvereins «Träff» nach Schötz gekommen, um vor 90 Zuschauern mit WB-Redaktionsleiter Stefan Calivers über sein Buch «Lüge, List und Leidenschaft» sowie über Politik zu diskutieren. Jetzt sass er da und signierte.

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Moritz Leuenberger im Gespräch mit Stefan Calivers. (Foto Mathias Bühler)

Schreiben statt Lastwagen zählen

Der schreibende Bundesrat. In anderen Ländern ist einer kein richtiger Politiker, wenn er nicht mindestens ein Buch verfasst hat. In der Schweiz ernte man Applaus, wen man Fussball spiele oder einen Berg erklimme, so Leuenberger. «Wer aber schreibt, muss sich rechtfertigen.» Scheinbar erwarte man von ihm nur, dass er am Gotthard Lastwagen zähle oder Sendungen von Lokalradios höre, um deren Qualität zu eruieren. Er schreibt trotzdem. Unter anderem in seinem bisweilen heftig kritisierten Internet-Blog. «Heute Abend erleben wir ihn nun in einem Live-Blog», sagte der Luzerner Alt-Regierungsrat Paul Huber. Er hatte es möglich gemacht, dass sein Zürcher Parteikollege die Reise nach Schötz auf sich nahm.

«Welch wunderbarer Ort»

Kurz vor halb acht tauchten die Schweinwerfer von zwei dunklen Limousinen aus dem Nebel auf. Der Bundesrat war da. «Sie stehen da wie eine Ehrengarde», begrüsste er die das draussen wartende Empfangskomitee und schüttelte jedem Einzeln die Hand. Vor der Diskussion im Keller führte ihn der ehemalige Schötzer Gemeindepräsident Kurt Lehmann durch das Ronmühle-Museum. «Welch wunderbarer Ort», verewigte sich Leuenberger im Gästebuch. Darauf angesprochen sagte er später: «Dieses Museum mit seinen unzähligen Sammelstücken ist von nationaler Bedeutung.»

Faule Kompromisse

Moritz Leuenberger, ein Mitglied der in gewissen Kreisen arg verpönten «Classe Politique»? Ein abgehobener Intellektueller ohne Bodenhaftung? Nichts dergleichen war in der Ronmühle festzustellen. Der Bundesrat glänzte mit Volksnähe, nicht zuletzt wegen seines Schalks und seiner feinen Ironie. Konfrontiert mit der  Kompromissbereitschaft als Standbein der Schweizer Politik sagte er etwa: «Es gibt auch faule Kompromisse.» Lange sei beispielsweise darüber diskutiert worden, ob Schnellzüge von Zürich nach Bern in Lenzburg halten sollten. Schliesslich habe man sich für einen Kompromiss geeinigt: «Die Züge fahren jetzt ziemlich langsam durch den Bahnhof.»

Patrons und Manager

«Jetzt, da die Empörung über die Boni ganz allgemein geworden ist, wollen wir uns doch in Erinnerung rufen: Viele Vorstösse der SP sind im heimlichen Traum vieler Menschen gescheitert, dereinst auch zu den ganz grossen Profiteuren zu gehören.» Eingeleitet wurden die einzelnen Diskussionsrunden durch Zitate aus Leuenbergs Buch – vorgetragen durch den Ettiswiler Radiosprecher Silvan Fischer. «Sind wir alle mitschuldig am derzeitigen Desaster?», wollte Stefan Calivers wissen. «Zu Hunderten gingen Leute an die Vorträge von Martin Ebner. Mit dem Wunsch, Multimillionär zu werden», sagte Leuenberger. Damit wolle er aber nichts verharmlosen. Im Gegenteil: Bei Bezügen von 20 bis 30 Millionen Franken – und das sogar bei Abschreibern von 4 Milliarden – fehle «jede Verhältnismässigkeit».

Früher seien die Chefs Patrons gewesen und hätten auch sozial Schwächere beschäftigt. Heute gehe es nur noch um die Profitmaximierung. Die Auswirkungen auf die Volkswirtschaft eines Staats seien nebensächlich geworden. «Gewisse Manager wissen heute nicht mal mehr, in welchem Land sie arbeiten.»

Medialisierung und Personalisierung der Politk

«Leuenberger hasst die Jugend», schrieb am Freitag «Blick-Online». Grund dafür war der Entscheid seines Departementes, dem Zürcher Radio «Energy» keine Konzession zu erteilen. Vor 20 Jahren hätte er mit den Angriffen nicht umgehen können, mit denen er heute regelmässig konfrontiert sei, sagte der Bundesrat. Doch mittlerweile habe er eine ziemlich dicke Haut. Politiker spielten eben auch mit den Medien und stünden «nicht ungern im Mittelpunkt». Auch er – «obwohl ich doch so bescheiden bin» – habe als junger Parlamentarier mit SP-Schürze für den «Sonntagsblick» posiert. Politiker bräuchten die Medien und umgekehrt. «Das  ist nicht gut, aber man muss damit leben.»

Aber der Wagen der rollt

Kurz vor seiner Heimreise darauf angesprochen, ob ein solcher Abend für ihn nun Arbeit oder Vergnügen sei, antwortete der Bundesrat: «Für mich gibt es da keine Abgrenzung.» Arbeit und Freizeit seien miteinander verwoben. «Ich kann aber sagen, dass solche Veranstaltungen wie heute die schönste Seite meiner Arbeit sind.» Auch Bundesrat Moritz löffelte die vom Gasthaus St. Mauritz spendierte Kürbissuppe. Den Keller verliess er mit der Holzskulptur «Der Redner», die der Künstler und Bauer Hanspeter Hunkeler vom nahen Ronmühle-Hof eigens für ihn geschaffen hatte. Ein Werk, das dem Magistraten augenscheinlich gefliel.

«Ich wäre gerne noch geblieben», sagte Leuenberger zu seinen Tischnachbarn, «aber der Wagen der rollt.» Draussen im Nebel warteten zwei dunkle Limousinen.

Willisauer Bote (WB),  4. November 2008
© David Koller, 2008

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