Unser Beitrag zur grassierenden Kolumnitis

Fast ein Jahr ist es her, seit David Koller zum letzten für eine «Carte Blanche» im «Willisauer Boten» in die Tasten griff (siehe Kolumnen). Für die Ausgabe vom 5. Dezember hat er nun endlich mal wieder lustvoll an der in den Schweizer Medien grassierenden Kolumnitis teilgenommen. 

Hier ist sie also, die langersehnte «Carte Blanche»:

 

Der Werbeträger

Wiedersehen macht Freude. Aber bitte nicht so! Stellen Sie sich vor: Ein hinterländer Postauto, wie immer pünktlich auf die Minute und auch im Winter vorbildlich sauber. Täglich überholt es mich auf meinem Fahrrad. Alles ist in bester Ordnung. Doch dann erblicke ich ihn: diesen eingebildeten Geck auf der Seitenwand. Mit überheblichem Gesichtsausdruck hält er eine Kamera in seinen Händen, gerade so als ob er fotografieren könnte. Dabei kann er das mit Sicherheit nicht, denn er ist nur ein Model. Ein brillentragender Schönling, der für eine Zeitung wirbt. Einer der gut aussieht, mehr nicht. Ich rege mich auf, und vergesse ihn wieder.

Doch nur bis zum nächsten Feierabend. Erneut bin ich mit dem Velo auf dem Heimweg. Wieder überholt er mich. Sein Gesichtsausdruck scheint dieses Mal noch arroganter. Wen wunderts? Es regnet in Strömen und ich quäle mich durch den Gegenwind, während er einmal mehr mit dem komfortablen Postauto unterwegs ist. «Du eingebildeter Dandy. Was glaubst du, wer du bist?», schimpfe ich ihm mit erhobener Faust durch den Regen nach.

So geht das weiter. Mit jedem Tag wird meine Verachtung grösser. Schlimmer noch: Neulich erschien er mir gar im Traum. Und dabei war er alles andere als oberflächlich: Mit seiner Freundin, einem französischen Top-Model – wahrscheinlich der Tochter von Carla Bruni – diskutierte er in fliessendem Latein über Kants Kategorischen Imperativ. Danach rettete er ein Kleinkind aus einem brennenden Haus und sanierte binnen 30 Minuten die UBS, um sich anschliessend als Sprengkandidat einstimmig in den Bundesrat wählen zu lassen. Selbst Christoph Mörgeli applaudierte nach der Bekanntgabe des Ergebnisses frenetisch. Alle liebten ihn. Ich nicht.

Spätestens dieser grässliche Albtraum machte mir klar: ich muss dringend Hilfe in Anspruch nehmen, muss mich therapieren lassen. Kriege ich meine Hassgefühle nicht unter Kontrolle, passiert ein Unglück wenn er mich das nächste Mal mit dem Postauto überholt…

Doch genug jetzt! Machen Sie sich keine Sorgen. Es ist alles nur erstunken und erlogen. Die Werbung mit meinem Bild auf dem Postauto gefällt mir ziemlich gut. Aber das kann ich nicht schreiben. Sonst heisst es wieder ich sei ein Narzisst – selbstverliebt und eingebildet. Es wäre nicht das erste Mal.

Willisauer Bote (WB),  5. Dezember 2008
© David Koller, 2008


In der Tat, liebe Leserinnen und Leser: David Koller ist wirklich Werbeträger für seinen Arbeitgeber auf einem lokalen Postauto. Der Beweis dafür wird zu gegebener Zeit auf igosana.ch nachgereicht. 

One comment

  1. Tante Helga

    Also: ich hab das Konterfei des Herrn Koller noch auf keinem Postauto gesehen, ergo kann ich auch nicht sagen, ob er darauf gut aussieht, wiederum ergo kann ich mich auch nicht darüber freuen oder ärgern.
    Liegt wohl daran, dass ich nicht am Nabel der Welt sondern im hinteren Schattengibbeleggtäli wohne. Hier sind die Postautos nämlich noch gelb – frei von jeglicher Werbung. So wies halt sein sollte 🙂

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