Kratzer am serbischen Weltwunder

Als am 26. Januar 1972 eine DC 9-32 der jugoslawischen Fluglinie JAT auf ihrer Reise von Kopenhagen über Zagreb nach Belgrad in der damaligen Tschechoslowakei abstürzte und 27 Menschen mit in den Tod riss, geschah ein kleines Wunder. Die damals 22-jährige serbische Stewardess Vesna Vulovic überlebte den vermeintlichen Sturz aus einer Höhe von 33 000 Fuss (10 000 Meter) als einzige Insassin. Mit gebrochener Wirbelsäume, gebrochenen Armen und Beinen sowie einem schweren Hirntrauma wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert, wo sie erst nach 27 Tagen aus dem Koma erwachte. Was genau mit dem Flugzeug geschah konnte sie nicht sagen. Sie erinnerte sich nur noch daran, wie sie in Kopenhagen in die Maschine eingestiegen war.

Tschechoslowakische statt kroatische Waffe

Vesna Vulovic wurde zur jugoslawischen Nationalheldin, verehrt wie eine Heilige. Vom «einzigen serbischen Weltwunder» war die Rede. Verantwortlich für den Absturz der Maschine sollen kroatische Separatisten gewesen sein. Eine von ihnen an Bord geschmuggelte Bombe habe den zweistrahligen 100-Sitzer zerfetzt, hielt der offizielle Untersuchungsbericht als Unfallursache fest. Fast 36 Jahre lang bestanden an dieser Version keine Zweifel. Dann aber tauchte eine neue Theorie auf: Das Flugzeug sei nicht einer Bombe zum Opfer gefallen, sondern einer Rakete, abgefeuert von der tschechoslowakischen Luftwaffe.

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Verehrt wie eine Heilige: Die serbische Stewardess Vesna Vulovic. (Foto zvg)

Eineinhalb Jahre lang haben zwei Journalisten – einer davon ein Luftfahrtexperte – recherchiert. Ihre These: Aufgrund einer Notlage sei die Maschine vom Kurs abgekommen und gleichzeitig gesunken. Dabei sei sie einem Atomwaffenlager zu nahe gekommen; oder einem Flugzeug mit zwei prominenten Politinsassen an Bord: Der sowjetische Parteichef Leonid Breschnjew und sein ostdeutscher Vasall Erich Honecker sollen sich zur selben Zeit in diesem Luftraum aufgehalten haben. Die nervösen Verantwortlichen der Luftwaffe sollen die Maschine für ein westliches Kampfflugzeug gehalten haben. Abgeschossen worden sei die DC 9 schliesslich auf lediglich 600 bis 800 Metern. Einen Sturz aus dieser Höhe zu überleben, grenzt immer noch an ein Wunder.

Die Ermittlungen der beiden Journalisten gestalteten sich als schwierig. Offizielle Unterlagen sind nicht zugänglich oder längst vernichtet. Die These der beiden Medienschaffenden lautet, der Geheimdienst habe den Mythos von der Bombe erfunden um von den wirklichen Schuldigen abzulenken. Die tschechische Luftfahrtbehörde wollte die neue These nicht kommentieren. Es gebe immer wieder Gerüchte und Spekulationen um den damaligen Absturz, liess sie eine Sprecherin ausrichten.

Mit dabei im Kampf für Demokratie

Ob 10 000 oder 600 Meter. Eine Heldin bleibt Vesna Vulovic trotzdem: Als im Oktober 2000 der serbische Präsident und Despot Slobodan Milošević gestürtzt wurde, war sie bei den Protesten und Massendemonstrationen an vorderster Front mit dabei. Auch heute noch ist sie eine begeisterte Kämpferin für Demokratie und Freiheit in Serbien. Im Interview mit einer deutschen Zeitung sagte sie vor rund einem Jahr: «Mein Traum ist ein friedliches Serbien und eine Regierung, die uns so schnell wie mögich in die EU führt. Denn das Leben kann nicht warten.»

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