Der Pendler stilles Glück

Der Wagen war geradezu die Karikatur eines Ruheabteils: Statt wohltuender Stille empfing die Eintretenden eine Aargauerin, die lauthals mit ihrer Freundin am Telefon die letzten Details des in 30 Minuten stattfindenden Treffens am Bahnhof regelte. Ihr gegenüber plapperte ein Mensch aus einem fernen Land noch vehementer in den Dämon an seinem Ohr. Dies tat er in einem Idiom, bei dem ein Westeuropäer nicht mal im Stande ist, die Länge der einzelnen Worte herauszuhören; und in einer Lautstärke, die darauf hinwies, dass sein Gegenüber in der einen Hand sein Telefon hielt, während er mit der anderen einen Presslufthammer bediente.

Weil Schweizer nie reklamieren sondern nur innerlich zu kochen beginnen, klappte der Banker aus dem Abteil gegenüber seinen portablen Computer wieder zu, warf den zwei Kommunikativen einen zornigen Blick entgegen – sie werden ihn kaum wahrgenommen haben – und stapfte wutentbrannt von dannen.

Mittlerweile hatte der Zug den Bahnhof verlassen. Die Gespräche wurden jetzt noch angeregter, als ob sich die zwei Quasselnden gegenseitig übertönen wollten. Schliesslich platze der Matrone der Kragen, die zwei Abteile weiter hinten Platz genommen hatte. Die Dame, die geradezu eine pensionierte Lehrerin sein musste, legte ihren «Blick am Abend» beiseite und machte sich auf, die beiden telefonierenden Sündiger auf ihr Vergehen aufmerksam zu machen. Tadelnden Blickes, aber ohne ein Wort zu sagen, deutete sie auf das Piktorgramm am Fenster.

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«Hoppla» sagte die eine, «Sorry» der andere. Schuldbewusst verliesen beide den Wagen. Doch das stille Glück der Reisenden währte nur kurz. An der nächsten Station stiegen zwei junge Männer mit Bierbüchsen in der Hand zu. Schon auf dem Weg zu ihren Sitzen begannen Sie, über ihren Arbeitgeber zu fluchen. Auch die Matrone hatte jetzt keine Kraft mehr, zu intervenieren.

An diesem Abend war es mir egal. Ich war zu müde zum Arbeiten und hatte mir längst die Kopfhörer in die Ohren gesteckt. Gleichwohl, Lieber Gott im Himmel, als Langstrecken-Pendler flehe auch ich dich geradezu an: Die Grossbanken schaffst du uns demnächst vom Hals. Bitte mach es auch noch mit den Ruheabteil-Frevlern.

2 comments

  1. Tante Helga

    Glaubt denn der Herr Koller, dass der liebe Gott uns nervige Leute erspart?
    Also ich glaube, er schickt sie uns in Scharen (nicht nur in Pendlerzügen) damit wir wieder wissen, wie nett und anständig wir doch erzogen worden sind, ja, ja.

    Die nicht Zug fahrende Tante Helga

  2. Zeludi

    Ich kenne den Mann, der die Ruheabteile in der zweiten Klasse vor 15 Jahren überhaupt erst inizierte, durch ein aufsässiges Schreiben an die Bundesbahn. Er pendelte damals quer durch die Schweiz, vom Bodensee an den Genfersee. Und kannte jede Ecke der Zugstrecke im Schlaf, allein aufgrund eines Sekundenblicks durchs Fenster. Das wäre eine Wette für «Wetten dass…» gewesen, aber das ist eine andere Geschichte. Man sollte ihm auf jeden Fall ein Denkmal setzen. Und damit das auch einmal gesagt ist: Toller Blog hier, die Entdeckung des Tages!

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