Über das Glück

Koller ist entsetzt: Er ist über 30 und hat als Werkstudent einen verschwindend kleinen Lohn. Keine guten Voraussetzungen zum Glücklichsein:

«Positive Sichtweise antrainieren»

Das weltweit glücklichste Volk sind die Dänen. Bald danach kommen die Schweizer. Der Zürcher Glücksforscher Bruno S. Frey* erklärt warum.

Interview von David Koller

Herr Frey, kann man in diesen Zeiten der Wirtschaftkrise noch glücklich sein?

Es ist schwieriger geworden. Aber möglich ist es nach wie vor. Wichtig ist, dass wir uns nicht auf materielle Werte beschränken. Auch persönliche Beziehungen sind von grosser Bedeutung. Der Kontakt zu Freunden und Familien ist deswegen intensiv zu pflegen.

Was ist Glück? Welche Faktoren sind wichtig?

Das Einkommen ist von erheblicher Bedeutung. Insbesondere Menschen ohne Arbeit, die sich um ihre Existenz sorgen, sind nicht glücklich. Der Verdienst alleine ist aber nicht massgebend. Auch soziodemografische Aspekte spielen eine Rolle. So haben Forschungen ergeben, dass junge Menschen sehr glücklich sind, jene zwischen 30 bis 40 hingegen weniger. Danach nimmt die Zufriedenheit wieder zu.

Wieso sind Menschen zwischen 30 und 40 weniger glücklich?

Junge Menschen haben Träume. Ihnen steht vieles offen. Sie schauen die Welt subjektiver an. Im Alter von 30 bis 40 merken sie, dass sie viele Pläne nicht verwirklichen konnten.

Und warum werden ältere Menschen wieder glücklicher?

Hier muss ich vorweg nehmen, dass nur gesunde Menschen glücklicher sind. Krankheiten beeinträchtigen das Glücksgefühl massiv. Zwischen 40 und 45 Jahren werden Menschen wieder zufriedener, weil ihr Leben an Konstanz gewonnen hat.

Wie finden Forscher heraus, wie glücklich Menschen sind?

Mein Team und ich arbeiten mit der am weitesten verbreiteten Methode: wir führen Befragungen durch. Wir wollen von Menschen wissen, wie glücklich sie insgesamt sind. Dabei sollen sie das Leben auf die gesamte Dauer betrachten – unabhängig von temporären Hochs und Tiefs. Es gibt auch andere Forschungsmethoden, beispielsweise indem die Gehirnblutung von Probanden gemessen wird. Diese Verfahren sind aber sehr teuer.

Sie sind Wirtschaftsprofessor. Was bewegt sie dazu, nach dem Glück zu forschen?

Das Hauptziel der wirtschaftlichen Tätigkeit ist es nicht, etwas herzustellen oder etwas zu exportieren. Ziel ist es vielmehr, Menschen glücklich zu machen.

Hat Glück demnach so viel mit Geld zu tun?

Fakt ist: Menschen mit grossem Einkommen sind eher glücklich. Eine Person mit einem jährlichen Lohn von 50 000 Franken ist relativ unzufrieden. Wer doppelt so viel verdient, ist deutlich glücklicher. Allerdings steigt der Faktor nicht immer gleich an. Verdient jemand 200 000 Franken, ist er zwar glücklicher als jemand mit einem halb so grossen Einkommen. Der Anstieg ist aber nicht mehr gleich gross wie von 50 000 auf 100 000 Franken.

Wie glücklich sind wir Schweizer im Verhältnis zu Bewohnern anderer Länder?

Auch wenn man in Tram oder Zug mitunter einen anderen Eindruck haben könnte: Die Schweizer rangieren sehr weit oben auf der internationalen Skala. Am glücklichsten sind die Dänen. Ihr Land ist politisch stabil und gut organisiert. Bald danach kommen die Schweizer.

Wie sieht es in Entwicklungsländern aus?

Als Touristen haben wir oft den Eindruck, Menschen in diesen Ländern seien sehr zufrieden. Messungen zeigen aber, dass sie deutlich weniger glücklich sind als wir. Das hat verschiedene Gründe. Beispielsweise spielen die tiefen Einkommen und die ungesicherte Zukunft eine Rolle. Auch die gesundheitliche Versorgung ist massgebend.

Was raten Sie unsern Lesern zum Glücklichsein?

Es tönt oberflächlich, die Wirkung ist aber wissenschaftlich belegt: Man soll sich eine positive Sichtweise antrainieren und das Glas nicht als halbleer, sondern als halbvoll betrachten.

*Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Bruno S. Frey ist Ökonomieprofessor an der Universität Zürich. Er betreibt unter anderem ökonomische Glücksforschung.

Dieses Interview wird in leicht gekürzter Form in der Kundenzeitschrift «Salute» der Krankenkasse Xundheit erscheinen.

© David Koller, 2009

One comment

  1. Koller Fredy

    Hallo

    Das Problem unserer Wohlstands- und Spassgesellschaft ist, dass das Wesentliche keinen Wert mehr hat. Bei unserem Gejammer auf hohen Niveau zählt Fun und Konsum. Die Affen im Regenwald verbringen 50 Prozent der Zeit mit Nahrungssuche, den Rest mit Schlafen und Sex. Fazit: Mir der Schweiz geht es erst aufwärts, wenn das Wesentliche wieder Wert hat. Solange wir um diese Jahreszeit aber Tomaten, Erdbeeren, Spargeln usw. aus aller Welt fressen können, wird bei uns die Ernährung nie die Achtung und den Wert erreichen, den sie verdient.

    Solange das Wesentliche stimmt, und dazu gehört für mich nicht nur das Essen, sondern auch Gesundheit, Familie, liebe Kinder, eine liebe Frau – ich habe die liebste und beste –, Gottvertrauen und ein Beruf, der Freude bereitet, solange das alles stimmt, solange ist man glücklich.

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