Obszöne Transparenz

Der aufmerksame Leser merkt es, das Uni-Semester neigt sich dem Ende entgegen, Herr Koller hat wieder mehr Zeit zum Schreiben; und zum Lesen. So etwa Daniel Binswangers Artikel «Die Zitadelle» im «Magazin» vom 22. Mai.

Ins Auge sticht dabei einem jeden defätistischen Gegner des Schweizer Bankgeheimnisses das im Text enthaltene Interview mit dem Genfer Wirtschaftsanwalt Maître Marc Bonnant. Solche Aussagen – erst noch aus dem Mund eines Rechtsanwaltes! – sind der Traum eines jeden Interviewers:

Maître Bonnant, was halten Sie davon, dass die Schweiz nun den OECD-Standard zur Rechtshilfe übernehmen will?

Es ist eine nationale Schande. Nur weil der deutsche Kapo Steinbrück und ein überreizter französischer Präsident mit einer schwarzen Liste fuchteln, hissen wir die weisse Fahne. Wir haben die Hosen heruntergelassen ohne jede Not. Ich fühlte mich persönlich gedemütigt.

Der Bundesrat hatte doch gar keine andere Wahl.

Ob man einen Krieg gewinnen kann, weiss man erst, nachdem man in die Schlacht gezogen ist. Es ist möglich, dass wir unterlegen wären – aber Forfait zu geben ist ehrlos. Wir haben das Bankgeheimnis über 60 Jahre gegen Wind und Wetter gehalten, insbesondere gegen unsere hausgemachte defätistische Linke. Aber wir sind träge und dekadent geworden. Heute schämen wir uns für unseren Erfolg und unseren Reichtum, anstatt stolz darauf zu sein.

Ist die Forderung nach grösserer Transparenz auf den Finanzmärkten nicht legitim?

Ich bin kein Freund der Transparenz und erachte sie als obszön. Den Schatten – den man nicht mit Obskurität verwechseln darf – ziehe ich vor. Das Geheime, das Dunkle, das Unzugängliche sind vollkommen legitim. (…)

Die Redaktion von igosana.ch freut sich über die knackigen Aussagen des Anwalts, sie lassen ein jedes Journalisten-Herz höher schlagen. Über den Inhalt freilich liesse sich ziemlich lange diskutieren. Allem Anschein nach macht zu viel Geld doch ein bisschen eigenartig… Seien wir also froh, dass wir keines haben und uns dafür nicht schämen müssen. 

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