Von Masochisten, Atom-U-Booten und ausrangierten Postautos

«Verzeihung, wissen Sie, ob das hier das Meer ist», fragt die Kellnerin im Speisewagen ihre einzigen Gäste. Zusammen mit ihren drei Kolleginnen klebt die Frau förmlich am Fenster und bestaunt die vorbeiziehende Landschaft. Nein, das ist nicht das Meer. Das ist lediglich einer der vielen Seen, welche die Bahnlinie zwischen Petrosavodsk und Murmansk säumen.

Es muss wohl eine Spur Masochismus mit im Spiel sein, wenn es sich schweizer Russisch-Studenten antun, von Petrosavodsk aus für ein Wochenende in die rund 1000 Kilometer nördlich gelegene Stadt am arktischen Ozean zu reisen. Denn die Zugfahrt über den Polarkreis hinaus dauert auf dem Hinweg 20 Stunden und zurück – aus unerfindlichen Gründen – gar deren 25. Aber es lohnt sich. Einerseits, weil sich in russischen Zügen Möglichkeiten bieten, fremde Menschen kennen zu lernen, etwa Begleiterinnen im Speisewagen. In diesem Fall allesamt weit über 40 und aus der Stadt Novorossisk am Schwarzen Meer stammend. Wie auch die Schweizer Studenten sind sie zum ersten Mal unterwegs nach Murmansk; und entsprechend aufgekratzt. Dass Schweizer Studenten dritter Klasse unterwegs sind – auf Russisch mit Platzkart(e) – also in Wagen mit offenen Schlafabteilen, ist Ehrensache.

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Stilleben in Murmansk: Ausrangiertes schweizer Postauto vor einem leerstehendem Sovjet-Mammut: dem Hotel Artika. (Foto David Koller)

Die Fahrt in den fernen Norden lohnt sich indes nicht nur der Zugfahrt wegen, sondern auch wegen dem, was Murmansk zu bieten hat. In der Sowjetunion war die Stadt militärisches Sperrgebiet: die Admiräle wollten ihre dort stationierte U-Boot-Flotte keinen neugierigen Blicken preisgeben. Die schwarzen Ungetüme sind auch heute noch da, und viele strahlen als ausgemusterte Wracks ruhig vor sich hin – Sperrgebiet ist Murmansk aber nicht mehr. Von der Stadt aus ist die Flotte indessen nicht zu sehen, sie versteckt sich hinter einer Biegung des Richtung Meer verlaufenden Fjords.

Städteplanerischer Albtraum mit Charme

Das erst 1916 gegründete Murmansk hat auf Besucher aus dem Westen eine schaudernde Anziehungskraft. Die Stadt begrüsst ihre Gäste auch im Juni mit einem garstigen Klima und mit einem kolossal scheusslichen und scheinbar nicht enden wollenden Ring von Plattenbauten, der um das kleine Stadtzentrum herum in die an sich malerische Landschaft gestampft wurde. Direkt neben dem Bahnhof thront ferner das Hotel Artika, ebenfalls in bester Sovjetmanier: grau, unfoermig, riesig – und seit Jahren geschlossen.

Auch wenn Murmansk aus städteplanerischer Sicht der reine Albtraum ist, hat die Stadt doch ihren Charme. Erstaunlicherweise befindet sich die Infrastruktur der Metropole in einem guten und deutlich besserem Zustand als jene von Petrosavodsk (mehr zu dieser Stadt in einem späteren Eintrag): Schlaglöcher in den Strassen findet der Gast weniger, die Fassaden auf der Lenin-Allee sind saniert. Zudem kurven Gefährte umher, die das Herz eines jeden Eidgenossen höher schlagen lassen: ausgemusterte Schweizer Postautos tun hier nach der Entlassung aus dem Staatsdienst ihren Dienst. Das eiskalte Fegefeuer scheint ihnen nichts anzuhaben, das Wappen des Kantons Graubünden prangt nach wie vor stolz von der Seitenwand.

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Eine Juni-Mitternacht in Murmansk: Das Sonnenlicht reflektiert sich in den Fenstern der Plattenbauten, der Himmel ist mal wieder bedrohlich schwarz. (Foto David Koller)

Rund 320 000 Einwohner leben heute in Murmansk. Trotz ewigen Wintern und kurzen Sommern – dafür mit einer Sonne, die dann nie untergeht und auch weit nach 22 Uhr noch zu blenden vermag – führen sie ein Leben mit allen Annehmlichkeiten des Alltags. Einmal abgesehen von den unmenschlichen Temperaturen im Winter.

Wird es ihnen dann doch einmal zu kalt, haben sie immer noch die Möglichkeit, sich in einer der mehreren Züge zu setzen, welche die Stadt täglich Richtung Süden verlassen. Die Damen im Speisewagen werden sie mit Sicherheit zuvorkommend bedienen.

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