Wieder im Trockenen

David Koller ist zurück aus dem Norden und geniesst erst mal das regenfreie Wetter mit den angenehmen Temperaturen im Luzerner Hinterland.

Über Petrozavodsk, wo sich unser Held in den vergangenen vier Wochen aufgehalten hat, gäbe es viel zu schreiben: von garstigem Wetter etwa; oder von Strassen, die im Dauerregen zu Seen werden, weil sich alle Schlaglöcher mit Wasser füllen. Oder aber von der Sovjetunion, die in der Hauptstadt Kareliens – wie auch in vielen anderen russischen Orten – immer noch ein bisschen weiterlebt. Wenigstens in den Strassennamen (inklusive Lenin- und Marx-Prospekt) und den Statuen: Lenin hier, Marx und Engels dort. Erster am referieren, die anderen zwei vertieft in einen intellektuellen Diskurs.

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Petrozavodsk, wie es sich oft präsentiert: nass, kalt und grau. Im Bild der Bahnhof. (Foto David Koller)

In Petrozavodsk sollen rund 270 000 Einwohner leben. Man mag es kaum glauben, denn auf der einzigen städtisch wirkenden Flaniermeile – dem Lenin-Prospekt – laufen einem immer dieselben Leute über den Weg. Petrosavodsk wurde wie die Schwesterstadt St. Petersburg im Jahr 1703 gegründet. Zavod heisst Fabrik. In Peters Fabrik, so die ungefähre Übersetzung des Stadtnamens, wurden zu Beginn in erster Linie Kanonen hergestellt, später Traktoren und heute nicht mehr sehr viel. Im Gegensatz zur mondänen Metropole am Finnischen Meerbusen fehlt dem Ort am Onega-See das Kolossale, das Feierliche und das Elegante. Er wirkt wie irgendwie hingeworfen; ein Konzept, nach dem er hätte gedeihen können, ist nicht auszumachen.

Und gleichwohl hat Petrozavodsk seinen Reiz. Gerade eben weil alles so provinziell ist, lernt man sich kennen. Auch russisch radebrechende Studenten werden nach einigen Tagen freundlicher empfangen, sei es im Restaurant oder am Kiosk. Und es gibt sogar einige wenige Nachtclubs in der Stadt. Sie entsprechen allerdings im Besten Fall dem, was man sich von Tanzlokalen in der russischen Peripherie vorstellt: infernalische Lautstärke und ein DJ, der nach jedem Lied den Stil wechselt. Dafür scheint bereits wieder die Sonne, wenn man morgens um fünf das Lokal verlässt.

Mücken und Schwermetall

Ebenfalls infernalisch laut gehts am Vozduch-Festival zu und her. Es ist das grösste Nordrusslands und hatte auf der diesjährigen Setlist einige interessante Bands zu bieten. Das Gesamtprogramm freilich kam etwas gar arg durchmischt daher (Death-Metal um 15 Uhr, Folkband um 22 Uhr). Gleichwohl wusste das für Schweizer Verhältnisse eher kleine Openair zu gefallen. Dies trotz den Schwärmen von Mücken und Polizisten. Letztere waren zwar etwas weniger aufdringlich als die lästigen Stecher, trotzdem von ungeheurer Anzahl. Bis zu 200 Schutzmänner dürften sich während der Konzerte auf dem Areal aufgehalten haben.

Und schliesslich ist da noch die Strandprommenade. Nur schon ihretwegen muss man die Stadt lieben. Petrozavodsk liegt an einem Nebenarm des riesigen Onega-Sees; seine Grösse lässt sich hier nur erahnen. Schon das reicht aber bei weitem. Denn ist das Wetter schön, lädt der malerische Quai am See zum Schlendern ein und lässt vergessen, dass der Rest der Stadt bisweilen etwas lieblos wirkt; und dass – wie es die einzige englischsprechende Band des Vozduch-Festivals ausdrückte –, die Zivilisation doch ziemlich weit enfernt ist.

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So gehts aber auch: die Strandprommenade bei herlichem Juni-Wetter. (Foto David Koller)

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