Das Kind im Manne

Ja, es gäbe viel zu kritisieren. Sehr viel. Aber manchmal schlägt das Kind im Manne einfach durch.

Höllenritt hinauf zum Steinigchrüz

Altbüron | Vierte Bergprüfung für historische Sport- und Rennwagen

Rund 200 Rennwagen und 30 Töffs begeisterten am Sonntag mehr als 7000 Motorsportfans. Das wohl spektakulärste Fahrzeug war ein 1500-PS-Rennlastwagen. Der WB fuhr mit.

von David Koller

Nur schon im Leerlauf tönt dieses Biest unheimlich. Und wehe, der 1500 PS starke 12-Liter-Motor wird losgelassen: die meisten der 200 Rennwagen und 30 Töffs, die zur vierten Bergprüfung für historische Sport- und Rennwagen antraten, sind laut. Gegen das geradezu infernalische Brüllen des Rennlastwagens von Markus Bösiger tönen sie allesammt wie brave Chorknaben. Sonntag in Altbüron. Die Sonne brennt, mehrere tausend Zuschauer ergötzen sich am Spektakel. Nur der WB-Mitarbeiter steht etwas misstrausich am Strassenrand und betrachtet skeptisch Bösigers vorbeirasendes Ungetüm. Er weiss, im nächsten Durchlauf sitzt er als Beifahrer im Cockpit, wird im wahrsten Sinne des Wortes zum rasenden Reporter.

Keine Berührungsängste

Wie fühlt es sich an, in einem Boliden die Strecke Stalten-Steinigchrüz hinauf zu fliegen? «Am meisten plagen können wir Sie, wenn wir Sie im Renntruck mitschicken», sagt Veranstalter Peter Dätwyler und organisiert grinsend eine rasante Mitfahrgelegenheit.

Noch lauert das Raubtier relativ friedlich in seinem Zelt und wartet auf die nächste Jagd, stets umringt von Fans. Denn Berührungsängste kennen in Altbüron weder Fahrer noch Besitzer: Zwischen «Kreuz» und «Linde» stehen die temporären Garagen der Wagen. Aus nächster Nähe können Fans mit Fahrern fachsimpeln sowie die Boliden bestaunen, fotografieren und anfassen.

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Sie blubbern gemütlich, röcheln asthmatisch oder fauchen aggressiv: Rush-Hour beim Lindenkreisel. (Foto David Koller)

Keine Zeitmessung

Bis es Zeit für den WB-Höllenritt ist, brausen noch viele Fahrzeuge hinauf in Richtung Ebersecken. Die Palette der antretenden Autos ist breit. Eines der ältesten ist ein American Le France 75 aus dem Jahr 1917 mit einem gewaltigen, 145 PS starken 14,5-Liter-Motor. Zu den modernsten gehört der Porsche RS Spyder des jungen Schweizer Rennfahrers Neel Jani. Das Nachwuchstalent lenkt den 503 PS starken Rennwagen (Baujahr 2008), obwohl er sich unlängst beim Biken den Ellenbogen gebrochen und das Handgelenk angerissen hat.

Bevor sie ihnen die Sporen geben, stehen die Fahrer mit ihren Boliden vor dem Start geduldig Schlange. Rush-Hour auf dem Lindenchreisel. Autos reihen sich aneinander. Die einen blubbern gemütlich, die anderen röcheln asthmatisch, wieder andere fauchen aggressiv. Wenns so weit ist, jagen sie im 20-Sekunden-Abstand vom Start oberhalb des Kreisels los. Eine Zeitmessung indessen gibt es nicht, die Veranstaltung hat keinen Renncharakter. Zurück kommen die Fahrzeuge jeweils im Pulk, im gemächlichen Tempo.

Brachiale Gewalten

Showtime. Das Biest ist erwacht. Helfer zurren den Mitfahrer auf dem engen Schalensitz mit den Gurten fest. Der Helm ist aufgesetzt. Schnell fliesst der Schweiss – wohl nicht nur der Hitze wegen. Markus Bösiger, der vorhin noch angeregt über die Stellung des Motorsports in der Schweiz diskutiert hat, ist wortkarg geworden. Er sitzt konzentriert am Steuer während der Motor warm läuft.

Dann das Startsignal. Was nun folgt, lässt sich schwer beschreiben. Die Gewalten sind brachial. 5500 Newtonmeter wuchtet der Motor aufs Getriebe – zwei riesigen Turboladern sei Dank. Das reicht aus, um das Ungetüm in 5 Sekunden von 40 auf 160 Stundenkilometer zu katapultieren. Die wahrgenommene Beschleunigung scheint unendlich viel grösser zu sein, als jene im startenden Ferienflieger. Rund 300 Kilometer pro Stunde schnell könnte der Laster fahren, in Altbüron reichts «nur» für deren 160.

Schlingerndes Heck

Elektronische Hilfen wie ABS oder eine Traktionskontrolle sind nicht an Bord. «Sie sind in unserer Rennserie verboten», sagt Markus Bösiger. Der Langenthaler gehört zu schnellsten Lastwagenfahrern des Kontinents. 2007 wurde er Europameister in der FIA European Truck Racing Championship, 2008 Vizemeister.

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Los gehts: Markus Bösiger macht sich mit seinem Raubtier auf die Jagd. (Foto David Koller)

Weil die Elektronik fehlt, muss Bösiger die wild gewordene Bestie alleine bändigen. Er hat einiges zu tun. Nach jeder Kurve will das Heck beim Herausbeschleunigen ausbrechen. Der Routinier korrigiert indem er leicht den Fuss vom Gaspedal hebt und am kleinen Lenkrad gegensteuert.

Die Fliehkräfte sind gewaltig. Bei der Geschwindigkeit, mit welcher der Lastwagen durch die Harnadel-Kurven brettert, wäre jedes Serienauto längst abgeflogen. Und dann die Bremsen: die Schikane im ersten Abschnitt der Strecke scheint Bösiger durchbrechen zu wollen – so spät erst steigt er in die Eisen. Er weiss wieso: es ist, als ob der 4,8-Tonnen schwere Brocken von einem Augenblick auf den nächsten fast stehen würde.

Gemächliche Rückfahrt

Angekommen. Keine Minute hat das Spektakel gedauert. Markus Bösiger wendet seinen Lastwagen oben auf der Anhöhe. Der Ritt scheint überstanden. Doch wehe dem unvorbereiteten Beifahrer! Auf der deutlich gemächlicheren Fahrt hinunter ins Dorf wähnt er alles bereits hinter sich. Vonwegen: Bösiger drückt noch einmal kurz aufs Gaspedal und die Fliehkräfte lassen den Helm des Reporters auf den harten Schalensitz knallen. Unten beim Linden-Kreisel blickt der Rennfahrer zum Passagier. «Wie wars?», schreit er durch den Motorenlärm. «Unglaublich!»

Gastfreundliches Dorf

Auch die vierte Bergprüfung zog wieder Motorsportfans aus der ganzen Schweiz an. «Rund 7000 bis 8000 Personen waren anwesend», zieht OK-Mitglied Peter Dätwyler am Montag eine erste Bilanz. Einmal mehr ist er «sehr zufrieden» mit dem Anlass. «Stimmung und Wetter waren toll und es gab keine Zwischenfälle.»

Auch Altbürons Gemeindepräsident Oswin Bättig hats gefallen. «Wie in den letzten Jahren war die Stimmung erneut super», lautet sein Fazit. Er habe noch nie negative Rückmeldungen erhalten. «Im Gegenteil.» Und Alt-Gemeindeammann Edwin Bütikofer doppelt nach: «Rennfahrer haben mir schon mehre Male gesagt, sie würden nirgends so wohlwollend aufgenommen wie bei uns in Altbüron.»

Willisauer Bote (WB),  18. August 2009
© David Koller, 2009

2 comments

  1. Super Fräd

    Hallo Amor

    Dein Bericht ist 1a. Man kank nach dem Lesen die Augen schliessen und sich den Höllenritt vorstellen. Bravo weiter so.
    Fehlt nur noch ein Bild von einem üppigen Boxenluder, eben eine nicht verfilzte!

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