Einblick in die Jugospähre

Genug von Renzo Blumenthal! Widmen wir uns wieder relevanten Themen.

Die Basler Zeitung (BAZ) gönnt ihren Leserinnen und Lesern in der Ausgabe vom 30. September einen interessanten Artikel über Ex-Jugoslawien. Besonders ins Auge sticht dabei der neue Begriff Jugosphäre. Und, das ist besonders wichtig, für einmal ist es ein Text, der mehrheitlich zuversichtlich stimmt.

Mundendes Laško Pivo aus Slowenien, das Exit-Fest in Novi Sad und lauter Turbofolk in Balkan-Discos: auch wir können davon ein – begeistertes! – Liedchen singen. Igsoana.ch bleibt dran.

Die Bewohner entdecken das alte Jugoslawien neu

Immer mehr wächst zusammen, was einst zusammengehörte

18 Jahre nach dem Zerfall Jugoslawiens und dem Beginn der Balkankriege zeichnen sich vielschichtige Wiederannäherungen unter den – inzwischen in getrennten Staaten lebenden – slawischen Bevölkerungsgruppen ab.

von Andreas Ernst, Belgrad

Nachrichten vom Balkan langweilen, weil sie immer vom Gleichen handeln. Von ethnischen Spannungen in Bosnien-Herzegowina und Mazedonien, von der (Nicht-)Verhaftung von Kriegsverbrechern in Serbien, von Ausschreitungen in Kosovo. Nichts Neues in Südosteuropa, denkt der Zeitungsleser und blättert weiter. Aber das entspricht nicht der Realität. Unterhalb der Schwelle medialer Aufmerksamkeit ist eine Entwicklung im Gang, die das Gesicht dieser Region verändert. Der Austausch von Gütern, Personen und Ideen wird intensiver, abgerissene Kontakte werden neu geknüpft. Etwas Neues wächst.

Der britische Balkanexperte Tim Judah nennt es die «Jugosphäre». Es ist nicht die Politik, es sind die Gesellschaften, die den Prozess vorantreiben. Die Politiker tun sich am schwersten damit. Das zeigen die zwischenstaatlichen Probleme, die sich zäh behaupten: Die Genozidklage Kroatiens und die angedrohte Gegenklage Serbiens, die sich gegenseitig Völkermord im Krieg von 1991 bis 1995 vorwerfen; die Streitereien zwischen Bosnien und Serbien über den Einfluss Belgrads auf die serbische Entität Bosniens, die Republika Srpska. Und dennoch, wenn die Politiker von «unseren Ländern» sprechen, meinen sie immer die Länder der Jugosphäre.

Wandel durch Handel

Was macht die Jugosphäre aus? Eine entscheidende Rolle spielt die Wirtschaft. Die Länder sind wichtige Handelspartner. Bosnien ist der Hauptabnehmer für serbische Güter, Montenegro exportiert hauptsächlich nach Serbien, ebenso Mazedonien. Der slowenische Grossverteiler Mercator, seine Konkurrenten Idea aus Kroatien und Delta-Maxi aus Serbien haben Zweigstellen in fast allen Ex-Republiken Jugoslawiens. Überall werden die Kleinkinder mit Plazma-Biscuits aus Serbien gefüttert, Bierliebhaber trinken das slowenische Laško-Bräu, und in jedem Kaufhaus findet sich mazedonischer Merlot. Beim Kauf geht es nicht nur um den Preis; es sind alte Konsumgewohnheiten, die der Krieg nicht dauerhaft verändert hat.

Durch die grossen Infrastrukturprojekte wird die Verflechtung des Wirtschaftsraums beschleunigt. Der Ausbau des Verkehrskorridors Nummer 10 zwischen Ljubljana und Skopje verbilligt den Transport von Menschen und Gütern. Vereinfacht wird der Austausch, weil man in Kroatien, Bosnien, Serbien und Montenegro (fast) dieselbe Sprache spricht. Und für Slowenen und Mazedonier ist das Serbokroatische, wie das Idiom einst hiess, leicht lernbar.

Wilde Nächte

Das erleichtert auch Kontakte in der Freizeit. Am jährlichen Musikfestival «Exit» in der serbischen Stadt Novi Sad mischen sich zwanglos die jugendlichen Besucher aus der Jugosphäre. Schlagersänger aus Bosnien füllen die Hallen im slowenischen Ljubljana und im mazedonischen Skopje, dem serbischen Turbofolk entgeht man nicht einmal in der kroatischen Hauptstadt Zagreb. Alte Hörgewohnheiten, aber auch eine neue Partyszene bringen jährlich Tausende von Slowenen nach Belgrad, die sich ein paar wilde Nächte um die Ohren schlagen, bevor sie in ihre viel ordentlichere Heimat zurückkehren.

In diesem Sommer fuhren mehr Serben denn je seit dem Zerfall Jugoslawiens an die kroatische Küste. Wenn man sich bei Bekannten umhört, heisst es fast immer «nema problema»: Es war herrlich, man hat uns behandelt wie die anderen Gäste. Kroatien hatte angesichts der befürchteten Besucherflaute erstmals direkt um serbische Touristen geworben. Mit dem Slogan: «Kroatien, so schön, so nah.»

Man kennt sich aus jugoslawischen Zeiten und lernte sich auch als Kriegsgegner kennen. Deshalb überrascht es nicht, dass heute gerade die Polizeiverbände besonders eng zusammenarbeiten. Vor wenigen Tagen wurde zeitgleich in Bosnien, Kroatien und Serbien die Bande von Darko Elez ausgehoben, der schwere Verbrechen von Drogenschmuggel bis Mord vorgeworfen werden. Während sechs Monaten hatten die Fahnder verdeckt ermittelt und dann zugeschlagen. Noch vor wenigen Jahren war nur der Untergrund, aber nicht die Strafverfolgung regional tätig. «Die Polizei ist führend in diesem Prozess, wir arbeiten besser zusammen als die Politik», sagt der serbische Innenminister Ivica Dacic.

Jugosphäre trifft auf Albanosphäre

Die Jugosphäre funktioniert, weil sie kein politisches Projekt ist, sondern tägliche Praxis. Sie wächst von unten nach oben und umso problemloser, als man nicht darüber spricht. Wenn der serbische Aussenminister Vuk Jeremic von der regionalen Führungsrolle seines Landes schwadroniert, machen die Nachbarn auf Abgrenzung. Wir sind ein alpines Volk, heisst es dann aus Ljubljana. Und manche Kroaten behaupten, der Balkan beginne an ihrer Ostgrenze.

Aber eine andere Grenze ist wichtiger: Die albanischen Siedlungsgebiete in Kosovo und Mazedonien nehmen kaum an der Jugosphäre teil. Hier wächst im Austausch mit Albanien ein neuer Raum: die «Albanosphäre». Droht an deren Grenzen der nächste Balkankonflikt? Nicht zwingend. Aber es braucht das schützende Dach der EU, unter dem bestehende Grenzen gleichzeitig durchlässig und sicher sind.

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