Mal wieder eine schöne Geschichte

Für einmal wollen wir von igosana.ch unsere Leser mal wieder mit einer Geschichte beglücken, die – auf jeden Fall inhaltlich – wunderschön ist. So veröffentlicht im «Willisauer Boten» vom 10. November.

«Vom Findelkind zur Hilfswerkgründerin»

Altishofen | Gertrud Bärtschi hat im Alleingang ein Hilfswerk aufgebaut

Als Findelkind kam sie nach Altishofen. Nach einer schwierigen Jugend zog es Gertud Bärtschi hinaus, in die weite Welt. Seit 43 Jahren engagiert sie sich für die Ärmsten der Armen in Peru. Angetrieben wird sie von einer beispiellosen Uneigennützigkeit.

von David Koller

Egoismus ist eine Eigenschaft, die Gertrud Bärtschi nicht zu kennen scheint. Seit Jahrzehnten hilft sie Menschen in Not. Allerdings gefällt ihr das Wort helfen nicht. «Ich helfe nicht, ich teile.» Denn wer helfe, befinde sich in einer höheren Position. Das sei sie nicht. Wie auch immer. Vielen Menschen hat die in Altishofen Aufgewachsene das Leben etwas leichter gemacht.

In Peru hat sie im Alleingang ein Hilfswerk aufgebaut. Solche gibt es viele. Selten aber sind jene, bei denen die gesamte gesammelte Summe tatsächlich für Unterstützung verwendet wird. Rund 850 000 Franken bringt «Solidarität Schweiz-Peru» jährlich an Spenden zusammen. Nicht ein Rappen davon fliesst in die Administration. Die bescheidenen Verwaltungskosten des Vereins tragen die Mitglieder mit ihren Beiträgen.

Selbst die jährlich stattfindende einmonatige Reise zu den neun Projekten der Organisation berappt Gertrud Bärtschi aus eigener Tasche. Dankesbriefe wiederum verteilt die 77-Jährige in ihrer heutigen Heimat Basel selber – mit dem Elektrovelo. «Das Porto würde mich reuen.»

«Vater Säufer, Mutter Dirne»

Angefangen hat es mit einem Engagement für Behinderte. «Sie sollten es besser haben, als ich es hatte», erklärt Gertrud Bärtschi ihre Motivation. Denn was sie einst erlebte, ist niemanden zu wünschen. «Vater Säufer, Mutter Dirne», stand in ihrem Heimatschein. Als fünfjähriges Findelkind kam sie aus dem Emmental nach Altishofen. Hier lebte sie in der heutigen Feldmatt zusammen bei einem alleinstehenden Bauern und dessen Haushälterin. «Ich durfte sie nicht Vater und Mutter nennen, nur Onkel und Tante.» Ein Kind ohne Eltern. Sie war von Komplexen geplagt. Und auch die Pädagogen waren ihr keine Stütze. «Aus dir wird sowieso nichts», prognostizierte ein Lehrer.

«Wohl deswegen habe ich drei Berufe erlernt, und vier Fremdsprachen.» Die ausgebildete Krankenschwester, Hebamme und Sozialarbeiterin spricht Französisch, Englisch, Spanisch und Italienisch. «Ich wollte es allen zeigen.» Doch bis sie sich dazu überwand, verbrachte sie eine schwere Zeit. Ihr einziger Wunsch war es, die Eltern kennen zu lernen. Sie machte es sich zu einem Lebensziel. Einem unerfüllbaren.

Der Ehrendoktor als Krönung

Eine Zäsur in Gertrud Bärtschis Leben ereignete sich in einem Lager des Blaurings Altishofen. «Ich war sehr traurig, habe die ganze Nacht geweint.» Am Morgen nahm sie ein Priester zu sich und riet ihr: «Hör auf, nach deinen Eltern zu suchen. Investiere diese Kraft in eine Lehre.» Sie tat es. Mit 16 zog sie dafür von Altishofen weg.

Die mittlerweile selbstbewusster gewordene junge Frau wollte helfen – oder eben teilen. Eher zufällig kam sie dafür 1966 nach Peru. Seither hat sie dieses Land nicht mehr losgelassen. Auch wenn sie nach ihrer Rückkehr in die Schweiz bis zur Pensionierung im Kantonsspital Basel arbeitete, fortan war sie wann immer möglich in den Anden. Ihr unermüdliches Schaffen in zwei Welten beeindruckte einen Basler Professor so sehr, dass er sie 1995 für den Ehrendoktortitel der medizinischen Fakultät vorschlug. Seither darf sich das ehemalige Findelkind aus Altishofen – aus dem sowieso nie etwas werden sollte – Dr. h.c. nennen.

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Gertrud Bärtschi am Computer. Die 77-Jährige kommuniziert per Email
mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Peru.  (Foto David Koller)

Vom Brunnen bis zur Druckerei

30 Gebäude, 90 einheimische Angestellte: das Werk der Nimmermüden, das seit 1970 wächst. «Jedes Jahr eröffne ich neue Häuser», sagt Gertrud Bärtschi. Bis vor kurzem hat sie die gesamte Organisation alleine geführt. Erst seit Juni 2009 steht ein Verein dahinter. «Solidarität Schweiz-Peru» betreibt Frauenhäuser, Schulen für Strassenkinder und eine Druckerei. Arbeitslose können bei der Organisation Mikrokredite beantragen, um eine Existenz aufzubauen. Zudem hat sie mit Brunnenprojekten Wasser in abgelegene Dörfer gebracht. Und vieles mehr.

In den Jahrzehnten, in denen sich Gertrud Bärtschi in Peru engagiert, ist sie mehrere Mal knapp dem Tod entronnen. Etwa beim Sturz eines Reisecars in ein Tobel, beim grossen Erdbeben von Lima im Jahr 1974, bei der Cholreaepidemie von 1991 oder als sie von Nationalisten mit vier Gewährläufen am Hals abgeführt wurde. Nichts hielt sie davon ab, weiterzumachen.

Die wundersame Geschichte von den 60 000 Franken: «Vor ein paar Jahren klingelte das Telefon», erzählt Bärtschi. Ein Mann habe sich erkundigt, wie es «ihren» Kindern gehe. «Gut», habe sie geantwortet, aber das Geld sei knapp. Sie solle sich keine Sorgen machen, habe der Unbekannte geantwortet, und morgen in ihren Briefkasten schauen. Am nächsten Tag war in ihrer Post ein Couvert, «mit 60 000 Franken». Bis heute weiss sie nicht, wer der grosszügige Spender war.

«Unser wichtigstes Anliegen ist, die Einheimischen selbständig handeln zu lassen.» Die Schweizer benehmen sich nicht wie Kolonialherren, die auf das letzte Worte pochen. Nur einmal pro Jahr schaut Bärtschi bei all ihren Projekten vorbei. Zur Kontrolle? «Nein. Ich will den Leuten zeigen, dass wir für sie da sind.» Den Spendern in der Schweiz gebe die – beschwerliche – Reise der Gründerin die Sicherheit, dass alles seine Richtigkeit habe.

6 Franken 50 pro Tag

«Solidarität Schweiz-Peru» unterstützt nur Projekte, keine Einzelpersonen. Trotzdem erhält ein Peruaner monatlich Geld von Gertrud Bärtschi. Aus ihrer eigenen Tasche. «Ein junger Mann, der unschuldig im Gefängnis war.» Sie lernte ihn kennen, als sie für Amnesty International unterwegs war. Nach der Haftentlassung finanzierte sie sein Studium. «Der arme Teufel hat ja sonst nichts.» Jetzt schreibt er eine Doktorarbeit, unterstützt von seiner «Patin». Weil das und die jährlichen Flüge nach Peru einen grossen Teil ihrer Pension verschlingen, lebt Gertrud Bärtschi in Basel äusserst bescheiden. Für Lebensmittel gibt sie täglich nur 6 Franken 50 aus. «Das reicht vollkommen.»

Im Januar fliegt sie wieder. Am Flughafen Lima wird sie bei der Ankunft von ihren Mitarbeitenden jeweils festlich empfangen – fast wie eine Heilige. Sie hat nichts anderes verdient.

Für Spenden: Verein Solidarität Schweiz-Peru, Projekte Dr. h.c. G. Bärtschi, Postfach, Basel. Postcheck-Konto 60-466616-3

Willisauer Bote (WB),  10. November 2009
© David Koller, 2009

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