Unter dem Hag durchgefressen

Fussball auf igosana.ch? Das erstaunt selbst David Koller – und den erstaunt sonst nicht so schnell etwas.

Aber so ist das halt im Leben eines Lokaljournalisten: er schreibt über alles, für das er Geld kriegt (vor allem, wenn er gleichzeitig noch Werkstudent ist). So eben auch über den Fussballer Fabian Lustenberger. Der stammt ebenfalls aus Nebikon. Das ist der Grund, warum Fussballmuffel Koller mitunter unter dem Hag durchfrisst und für das Ressort Sport in die Tasten greift. Und weil der vorliegende Versuch der Redaktion als recht gelungen erscheint, sollen auch die igosana-Leser etwas davon haben. Der Artikel ist in dieser Form, mit anderem Foto und anderem Titel, im Willisauer Boten vom 29. Dezember erschienen.

Kein roter Kopf trotz roter Laterne

Fussball | Fabian Lustenberger und seine Vorrunde bei Hertha BSC Berlin

Ein Wechselbad der Gefühle: Nach einer verletzungsbedingten Pause hat Fabian Lustenberger wieder einen Stammplatz in seiner Mannschaft. Doch die ging als Tabellenletzte in die Winterpause.

von David Koller

Er öffnet die Tür seines Elternhauses, bittet hinein und serviert Kaffee. So wie ihn die Nebiker Bevölkerung in Erinnerung hat, so ist Fabian Lustenberger auch heute noch: er ist der nette junge Mann von nebenan geblieben. Dies, obwohl er Star ist – Fussballstar: seit August 2007 steht er bei Hertha BSC Berlin unter Vertag.

Derzeit ist Ausspannen angesagt. Zusammen mit seiner Freundin Monique verbringt Lustenberger die Festtage in Nebikon. Zurück nach Berlin fliegt er am 2. Januar. Am 3. beginnt die Mannschaft wieder zu trainieren. «Hätten wir in der Europa League nicht gegen Sporting Lissabon gewonnen, ich hätte bereits am 28. Dezember zurück sein müssen.» Der 1:0-Heimsieg über die Portugiesen war ein kleines Trostpflaster für die Herthaner und hat den Trainer ein bisschen versöhnlich gestimmt. Denn derzeit läuft nichts so, wie es sollte. Mit gerade mal sechs Punkten ging die Mannschaft weit abgeschlagen als Tabellenletzte der ersten Deutschen Bundesliga in die Winterpause.

Von der Verletzung hundertprozentig genesen

Das Team darbt. Nicht so Fabian Lustenberger. Er erhält regelmässig gute Noten. So hat ihm die «Berliner Morgenpost» unlängst als einzigem seiner Mannschaft eine Verbesserung attestiert. Gegen Lissabon gehörte der Mittelfeldspieler zu den besten im Hertha-Dress. Doch freuen darüber kann er sich nur bedingt. Denn im Januar erlitt er einen Ermüdungsbruch am rechten Fuss und war für mehrere Monate spielunfähig. «Die Verletzung ist mittlerweile hundertprozentig verheilt», sagt der 21-Jährige.

Doch eben: während er nicht mitspielte, mischte Hertha ganz vorne mit, führte für kurze Zeit gar die Tabelle an. Ewig lange scheint es her. Jetzt ist er wieder an Bord und sein Team markiert das Schlusslicht. «Natürlich frustriert das», sagt er. «In erster Linie bin ich aber froh, wieder mitspielen zu können.»

Wie begründet Lustenberger die Misere seines Clubs? «Ich kann es nicht sagen. Wir spielen oft gut und verlieren trotzdem.» Das Team ist in eine Abwärtsspirale geraten, aus der es sich nicht zu befreien vermag. Im letzten Spiel der Hinrunde kassierte es gegen Bayern München mit 5:2 erneut eine deftige Niederlage.

Gute Zusammenarbeit mit neuem Trainer

Wie geht die Equipe mit der Situation um? «Wir sprechen oft darüber. Aber wir kommen immer zum selben Schluss: eigentlich machen wir es nicht schlecht, es läuft einfach nicht.» Wie das Team diesem Strudel entfliehen kann, weiss auch Lustenberger nicht. «Wahrscheinlich ist es gut, dass wir über die Festtage auf Distanz gegangen sind und im neuen Jahr mit frischem Elan beginnen.»

Dem Negativtrend der Hertha fiel im September ihr Schweizer Trainer Lucien Favre zum Opfer. Er wurde entlassen und durch Friedhelm Funkel ersetzt. Favre hatte Lustenberger nach Berlin geholt und galt als Protegé des grossen Talentes. Ihm sei ob des Trainerwechsels schon ein bisschen mulmig zu Mute gewesen, sagt Lustenberger. «Doch ich konnte mich durch mein Spiel beweisen.» Auch unter Funkel hat er einen Stammplatz im Team.

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Lässt für den Fussballmuffel Koller im Garten seiner Eltern den
Ball hüpfen: Fussballprofi Fabian Lustenberger.
(Foto David Koller)

Südafrika als Traum, nicht als Ziel

Mit der Schweizer U21-Nationalmannschaft hat Lustenberger 16 Spiele absolviert. Regelmässig wir er auch als Kandidat für die erste Nationalmannschaft gehandelt. Bislang hat er aber noch nie im Team von Othmar Hitzfeld mitgespielt. «Eine Teilnahme an der Weltmeisterschaft ist ein grosser Traum, aber kein Ziel.» Er würde gerne mit Frey, Derdiyok und Co. nach Südafrika fliegen. «Forderungen kann ich aber keine stellen. Ich kann mich einzig mit meinem Spiel in Berlin empfehlen.» Und das tut er momentan nicht eben schlecht.

Wechsel noch nie bereut

Die Hertha kämpft mit sich selbst, Lustenbergers ehemaliger Arbeitgeber, der FCL, hingegen ging auf Platz drei in die Winterpause. «Ich freue mich sehr für sie», sagt Lustenberger über seine Ex-Kammeraden, deren Spiele er regelmässig mitverfolgt. Gleichwohl, seinen Gang nach Berlin habe er «noch keine Sekunde» bereut.

Denn an der Spree habe er sich stark weiterentwickeln können. Auch persönlich sei er durch das Leben in der Grossstadt gereift, fernab von Freunden und Familie. «Mittlerweile habe ich mich bestens eingelebt.» Und verliebt: seit rund einem Jahr ist er mit Monique (21) zusammen. Kennengelernt haben sich die beiden im Ausgang. «Ganz normal halt», sagt Lustenberger und lacht.

Unbarmherzige Medien

Im nördlichen Nachbarland weht nicht nur fussballerisch ein rauerer Wind als in der Schweiz, auch in den Medien gehts bisweilen ziemlich ruppig zu und her. Das haben Lustenberger und seine Freundin am eigenen Leib erlebt. Fabians Spiel wird zwar regelmässig gelobt. Sein Team hingegen wird zerzaust, vor allem auf dem Boulevard.

Aber auch privat können deutsche Journalisten scharf schiessen. Dass Lustenbergers Frisur in einem Fussballer-Haar-Ranking eine Fünf erhielt – nach deutschem Notensystem notabene – nimmt der Lockenkopf gelassen. Weniger gefallen hat ihm indes, dass gewisse Medien eine Kampagne gegen seine Freundin führten. Monique nahm in der Sendung «Sommermädchen» des Privatsenders Pro 7 teil und wurde danach nicht eben mit Samthandschuhen angegangen. «Heute würde ich nicht mehr mitmachen», sagt die ausgebildete Sportkauffrau und schiebt nach, Fabian und sie seien wegen den gemachten Erfahrungen auf Dis-tanz zu Medienschaffenden gegangen.

«Wir steigen nicht ab»

Für den FC Luzern prognostiziert Lustenberger auf Ende Saision einen vierten oder fünften Rang. Und für Hertha? «Schwer zu sagen, aber wir steigen nicht ab.» Er zerbreche sich über die Zukunft seines Teams noch nicht den Kopf. «Wenn wir im März oder April immer noch ganz unten sind, müssen wir uns Gedanken machen.» Jetzt aber sei es dazu zu früh.

Zukunftsängste sind bei Fabian Lustenberger keine zu spüren. Wieso auch? Er verdient mit dem Geld, was er am liebsten tut: mit dem Fussballspielen. Und wenns auf dem Rasen mal wieder nicht so toll lief, erwartet ihn zu Hause seine Freundin. Sie liebt ihn und seinen Lockenkopf. Auch wenn die Kritiken noch so schlecht sind.

Willisauer Bote (WB),  29. Dezember 2009
© David Koller, 2009

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