Man ist halt keine zwanzig mehr

Sie wollen es zwar nicht wahr haben, aber auch Berufsjugendliche werden älter. Dazu David Kollers neuste «Carte Blanche», veröffentlich im «Willisauer Boten» vom 8. Januar.

Libor statt Libido

«Wird eine Schwangere schöner, wächst in ihrem Bauch ein Junge heran. Verändert sich ihr Äusseres negativ, wirds ein Mädchen.» Oder: «Minarette zu bauen ist weniger gefährlich, als den Gebrauch von Kondomen zu verbieten.» Es ist geradezu beängstigend, worüber wir uns mittlerweile an Männerabenden unterhalten. Prahlten wir weiland bierseelig von verflossenen Alkoholexzessen, sprechen wir heute über Schwangerschaften oder Abstimmungsresultate; über in falsche Aktien investiertes Geld oder den Gout des Weines. Früher freuten wir uns darüber, absurde Gerüchte zu verbreiten; heute über gelungene Innenrennovationen oder den zweiten Zahn eines Sprösslings. War vor ein paar Jahren die oberhalb des Gürtels langsam aber unaufhaltsam wachsende Speckfalte noch ein Tabuthema, ist sie mittlerweile fast ein bisschen zum Statussymbol geworden. Es kommt noch dicker: statt von schönen Frauen sprechen wir jetzt über die günstige Finanzierung des Eigenheims dank veränderlichem Zinssatz – Libor statt Libido.

Das Schlimme daran: ich finde es gar nicht so übel, über solche Dinge zu reden. Ich habe zwar keine Kinder – bislang hat es mir noch nicht mal zu einer Patenschaft gereicht. Auch Hypotheken brauche ich keine, denn mein bescheidenes Heim gehört nicht mir, sondern meinem Vermieter. An der Börse habe ich noch nie einen Franken verloren – und auch noch nie einen gewonnen. Zudem ist es mir ziemlich egal, ob ein Wein kirschfruchtig ist, oder einen harmonischen Abgang hat. Hauptsache, ich finde ihn gut. Und trotzdem: ich höre zu und rede mit.

Die Zeit rennt. Vor rund 33 Jahren war meine Mutter noch schöner als sonst, denn sie hatte einen kleinen Knaben in ihrem Bauch: diese Woche feierte ich Geburtstag. 33 ist eine hübsche Schnapszahl. Aber sie ist auch Indikator dafür, dass man langsam zum alten Eisen gehört, auch wenn man sich mitunter noch wie ein Junge benimmt – etwa an Männerabenden. An sich hat sich an diesen wenig verändert: wir freuen uns auf das Fest, so wie sich Kinder auf Weihnachten freuen. Ist es dann soweit, fliesst der Alkohol in Strömen, der Lautstärkenpegel steigt und das Niveau sinkt. Doch es sinkt anders als noch vor ein paar Jahren. Analysiere ich unsere heutigen Gesprächsthemen, steht eines fest: wir werden alt. Aber dafür bin ich doch noch viel zu jung!

Willisauer Bote (WB),  8. Januar 2010
© David Koller, 2010

One comment

  1. das Wunderkind

    Werter Herr Koller

    Das Alter macht auch nicht vor schönen Menschen halt.
    Aber den kleinen schelmischen Jungen in dir wird dir ewig erhalten bleiben. Und das ist gut so!

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