Schreibende Gesundheitsapostel

In seiner aktuellsten «Carte Blanche» nimmt Herr Koller den neuerdings auf der Redaktion des «Willisauer Boten» (WB) grassierenden Gesundheitswahn auf die Schippe.

(Un)gesunde Schreiber

Journalisten rauchen Kette. In ihren Adern fliesst wegen des immensen Kaffeekonsums eine bräunliche, koffeinhaltige Substanz. An Veranstaltungen halten sie in der einen Hand dass Weissweinglas, in der anderen das Lachsbrötchen und – falls vorhanden – in der dritten den Notizblock. So das gängige Bild von uns Schreiberlingen. Früher entsprachen die Gewohnheiten der WB-Belegschaft bestens solchen Klischees: die Kaffeemaschine im Znüniraum lief heiss; auch bei noch so garstigem Wetter war stets ein quarzender Kollege auf der Verladerampe der Druckerei anzutreffen, denn ohne Glimmstängel wollten die Texte einfach nicht rund werden. Am Mittag wiederum zog die schreibende Zunft gutgelaunt in eine der Gaststätten des Städtlis und freute sich über ein währschaftes und deftiges Menu. Je grösser das Tötschi auf dem Teller – das Stück Fleisch –, desto besser.

Noch gar nicht lange ist es her. Und heute? Keiner der Redaktoren raucht mehr während der Arbeit. Die Tötschi-Fraktion besteht noch, ist aber merklich dezimiert. Am Mittag reichen sich meine Arbeitskolleginnen und -kollegen Multivitamin-Brausetabletten und begnügen sich mit einem Salat – in seltenen Anflügen von Völlerei vielleicht noch garniert mit einem Ei. Solchen Luxus freilich gönnen sie sich nur, wenn noch ein Termin im Fitnesscenter oder Hallenbad ansteht.

Auf der WB-Redaktion arbeiten keine ungesunden Lebemenschen mehr, sondern schreibende Gesundheitsapostel. Die ganz Harten unter diesen Neo-Linienbewussten quälen sich zudem regelmässig mit eigenartigen Saftkuren. All diese Selbstkasteiungen, so könnte man meinen, hängen mit der Fastenzeit zusammen. Doch weit gefehlt: schon seit Wochen vergeht kaum eine Pause, in der nicht das letzte Training thematisiert wird – oder das Projekt vom ersten Halbmarathon. Mitunter nimmt das geradezu groteske Züge an: pausiert jemand, plagt ihn oder sie ob dem Elan der anderen das schlechte Gewissen.

Auch ich betrachte mich als nicht unsportlichen Menschen. Gleichwohl, liebe Kolleginnen und Kollegen, wo bleibt die Verhältnismässigkeit? Sorgen über ein bis in alle Ewigkeiten asketisches Redaktionsleben mache ich mir trotzdem nicht. Denn wir arbeiten in einer kurzlebigen Branche. Gute Ideen und Vorsätze sind bei uns oft noch etwas schneller wieder vergessen als anderswo.

Willisauer Bote (WB),  19. März 2010
© David Koller, 2010

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