Pinguine und Selbstmordattentäter

Bitterböser Dandy mit Sektglas

Schötz | Polit-Satiriker Andreas Thiel beim Kulturverein Träff

Der preisgekrönte Solothurner Kabarettist Andreas Thiel überzeugte am Samstag mit seiner «Politsatire 3» vor fast ausverkauftem Haus. Musikalisch begleitet wurde er von einer virtuosen Annalena Fröhlich.

von David Koller

Marcel Ospel versuchte, sich mit Geld und Aktienpapieren zu ernähren. Es gelang ihm nicht. Er verhungerte. So will es ein am Samstagabend im Schötzer «St. Mauritz»-Saal vorgetragener Nachruf auf den Ex-UBS-Banker. Dieser habe sich versehentlich in einem Tressorraum eingeschlossen und darin elendiglich das Zeitliche gesegnet. Bitterbös ist er, der Polit-Satiriker Andreas Thiel – und dem Sarkasmus nicht eben abgeneigt. So erzählt er in einem der 36 Akte seines «Dramas ohne Sinn» auch von palästinensischen Terrororganisationen, deren Aktivitäten neuerdings durch den aus der Schweiz abwandernden Sterbetourismus beeinträchtigt werden: Lebensmüde jagten sich nicht inmitten von Menschen in die Luft, sondern mutterseelenallein in der Wüste.

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Dem Sarkasmus nicht eben abgeneigt: Andreas Thiel. (Foto Vinzenz Wyser)

Pointen für Biochemiker
Auf der Bühne gibt Thiel den Dandy: schwarzer Anzug mit roter Krawatte, das Sektglas stets in der Hand. Dezent und virtuos begleitet werden seine in gestochenem Bühnendeutsch vorgetragenen Texte von der Berner Musikerin Annlena Fröhlich; dies mehrheitlich am Klavier, gelegentlich am Akkordeon. In ihrem Abendkleid – in den Spielpausen bald am Champagner nippend, bald sich lasziv durchs lange Haar streichend – passt sie perfekt in die elitäre Atmosphäre auf der Bühne.

Thiel spielt mit der Abgehobenheit. Von einer Pointe sagt er nach ausbleibenden Lachern, sie sei wohl etwas gar schwierig und in erster Linie für Biochemiker gedacht. Fremdwörter kommen zu Hauf zum Einsatz, bisweilen verdreht sie der Langhaarige mit der tiefen Stimme aber auch. So werden bei ihm Aphorismen zu Aphrodismen. Dabei handelt es sich nach thielscher Ansicht um geistreiche Gedanken wie diesen: «Für einen Deutschen ist es schon ein erotisches Erlebnis, bei Rot über die Strasse zu gehen.»

Gelgentlich etwas zu forsches Tempo

Der Kabarettist spielt mit absurden Thesen. Dann etwa, wenn er über die Abstinenz doziert. Diese fördere den Alkoholismus, behauptet er: Gemäss Statistik konsumiere ein Schweizer im Jahr hundert Liter Alkohol. Jeder, der dem Trinken abgeneigt sei, zwinge einen anderen dazu, die doppelte Menge zu sich zu nehmen.

Kalauer indes sind in Thiels Programm wenige zu finden. «Politsatire 3» ist geistreich und bewegt sich fast immer auf hohem Niveau. Mitunter aber ist das Tempo der wilden Wort- und Gedankenspiele etwas zu forsch, das Publikum läuft Gefahr, den Faden zu verlieren. Das aber ist nicht weiter schlimm: «Es wird nicht das einzige Mal sein, dass Sie etwas nicht verstanden haben», vertröstet er die Zuhörerinnen und Zuhörer schon zu Beginn.

Sinnlose Pointen erhalten Sinn

Am Anfang serviert der Solothurner Brocken, welche das Publikum nicht einzuordnen vermag. Anekdoten, die keinen Sinn zu machen scheinen und irgendwo abseits der Thematik stehen. Doch mit der Zeit werden gerade diese Elemente in neue Geschichten einverwebt und erscheinen wiederholt von neuem. So die Pinguine: mal sind sie an einer Grillparty im ewigen Eis anzutreffen. Später tauchen sie in der Wüste auf, in der Nähe von mit Bombengürteln umhängten Lebensmüden.

Spätestens diese stetig zunehmende Verquickung von scheinbar sinnlosen Pointen hebt Thiels Programm auf ein Niveau, das sich wohltuend von den Tiefen des Schweizer Comedy-Einheitsbreis abhebt. Grade deswegen passte der preisgekrönte Satiriker hervorragend ins Programm des Kulturvereins «Träff Schötz».

Willisauer Bote (WB),  27. April 2010
© David Koller, 2010

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