Happy End

Herr Koller ist im Prüfungsstress, daher sind neue Einträge derzeit rar.

Gleichwohl, dieser Tage ist unser vermeintlich ewiger Student über ein Gedicht des grossen Kurt Tucholsky gestolpert. Als bekennender Anhänger von kitschigen Happy-Ends möchte er diese Trouvaille der sehr geschätzten Leserschaft nicht vorenthalten.

DANACH

Es wird nach einem happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.
Man sieht bloß noch in ihre Lippen
den Helden seinen Schnurrbart stippen –
da hat sie nu den Schentelmen.
Na, un denn -?

Denn jehn die beeden brav ins Bett.
Na ja … diß is ja auch janz nett.
A manchmal möcht man doch jern wissen:
Wat tun se, wenn se sich nich kissn?
Die könn ja doch nich imma penn …!
Na, un denn -?

Denn säuselt im Kamin der Wind.
Denn kricht det junge Paar ’n Kind.
Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba.
Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba.
Denn wolln sich beede jänzlich trenn …
Na, un denn -?

Denn is det Kind nich uffn Damm.
Denn bleihm die beeden doch zesamm.
Denn quäln se sich noch manche Jahre.
Er will noch wat mit blonde Haare:
vorn doof und hinten minorenn …
Na, un denn -?

Denn sind se alt. Der Sohn haut ab.
Der Olle macht nu ooch bald schlapp.
Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit –
Ach, Menschenskind, wie liecht det weit!
Wie der noch scharf uff Muttern war,
det is schon beinah nich mehr wahr!
Der olle Mann denkt so zurück:
wat hat er nu von seinen Jlück?
Die Ehe war zum jrößten Teile
vabrühte Milch un Langeweile.
Und darum wird beim happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.

(Kurt Tucholsky, Zwischen gestern und morgen)

2 comments

  1. Das Froilein

    Und die Moral von der Geschichte:

    Tucholsky müsst‘ man heissen,
    dann darf man auch mit Scheisse schmeissen.

    Jawohl!

  2. Dominik

    Nach allernächstens 21 Jahren nach Filmende – sprich: Happy End – darf ich feststellen, dass Herr Tucholsky zwar immer wieder recht hat, die Sache doch aber, wenigstens was uns betrifft, auch einseitig darstellt. Will heissen: Die Milch kocht immer mal wieder über, sie kühlt aber auch wieder ab. Und schmeckt dann wieder wunderbar süss.
    Was sich zwar nicht so toll reimt wie bei Tucholskys, aber doch ebenso wahr ist.

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