Metalheads sumpfen gerne

47 000 Fans von harter Musik pilgerten am Freitag, 18. Juni, ins St. Gallische Jonschwil ans dortige «Sonisphere»-Festival. Einer von ihnen war David Koller.

Europäische Geographie scheint Dave Mustaines Sache nicht zu sein. Als Dank für das Mitmachen des Publikums schwenkte er nach dem Gig seiner Band Megadeth am «Sonisphere»-Festival eine Tschechien-Flagge. Hinter der Bühne wurde der Kalifornier auf das Missgeschick hingewiesen, er kam zurück und entschuldigte sich. Niemand nahm es dem Mann mit der definitiv schönsten Haarpracht der Szene übel. Auch nicht, dass bei «A Tout Le Monde» sein Französisch doch ziemlich eigenartig tönt. Wieso auch? Fürs Besserwissen war definitiv keiner der rund 47 000 Fans nach Jonschwil (SG) gepilgert, sondern für Metal. Den kriegten sie geboten, und zwar faustdick.

«God hates us all»
«Megadeth» waren eine der grossen vier, die sich in Jonschwil die Ehre gaben – und zum ersten Mal in der Geschichte gemeinsam auf einer Bühne standen. Neben Mustaines Combo gehörten dazu «Anthrax», «Slayer» und «Metallica». Doch auch «Motörhead» oder «Alice In Chains» beschallten die weitläufige Wiese Degenau am Rande des 3500-Seelendorfes. Metal ist keine Musik für zarte Gemüter. Vor allem der Sound von «Slayer» ist böse. Sehr böse. Doch gerade das schätzt ein wahrer Metalhead: wegen der 1981 in Kalifornien gegründeten Band waren besonders viele Fans nach Jonschwil gekommen. Seit jeher gehört die Musik der mittlerweile allesamt über 50-jährigen Trash-Metaller zum härtesten, was die Szene zu bieten hat. Eingängig sind die Melodien der vier Haudegen nicht, dafür die Riffs messerscharf und die Texte düster. «God hates us all», brüllte etwa Sänger und Bassist Tom Araya dem Publikum entgegen.

Gelände drohte im Sumpf zu versinken
«Seek and destroy». James Hetfield, Sänger des Headliners «Metallica», musste den Text der Hymne ab dem ersten Album «Kill ‚Em All» nicht singen, die begeisterten Fans übernahm es für ihn. Die Setlist der vier Kalifornier umfasste viele alte Lieder. Sehr zur Freude des Publikums, das aus erstaunlich vielen älteren Semestern bestand. Frenetisch sang es die Texte der Metal-Überväter mit und liess die Härten der 80er- und 90er-Jahre wieder aufleben. Auch der Verfasser dieser Zeilen fühlte sich für ein paar Stunden in seine wilden Jahre zurückversetzt.

Gleichwohl: Die Stimmung auf dem Gelände war friedlich. Alkohol floss zwar in Strömen, Gewalttätigkeiten waren trotzdem keine zu sehen. Auf gegenseitiges Köpfeeinschlagen hatte niemand Lust. Die Angereisten wollten headbangen, mitsingen und feiern. Mehr nicht. Indirekt folgten sie aber der Anweisung Hetfields doch und trugen das Ihrige bei zur Zerstörung der Wiese Degenau. Viel dafür konnten sie allerdings nicht. Verantwortlich war in erster Linie das Wetter. Denn 18 Stunden Dauerregen hatten das Areal in ein unsägliches Schlammfeld verwandelt. Der legendäre Morast von Woodstock war wohl im wahrsten Sinne des Wortes ein Dreck dagegen.

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Zeitweise mindestens doppelt so schwer: die Schuhe unseres Autors
am Tag nach der geschlagenen Schlacht.
(Foto David Koller)

Gang über das Gelände erforderte einige Konzentration
Am Anfang brauchte es für die eintreffenden Zuschauer doch etliche Überwindung, durch den an gewissen Stellen mehr als knöcheltiefen Morast zu waten. Mit der Zeit – wohl nicht zuletzt auch dank des Alkohols – bereitete dieses Unterfangen aber immer weniger Mühe. Anstrengend blieb es aber, denn die Schuhe waren zeitweise ob dem daran klebenden Sumpf wohl mindestens doppelt so schwer. Und Sitzgelegenheiten zum Ausruhen waren wegen des omnipräsenten Morasts Mangelware. Zudem brauchte es auch einige Konzentration, beim Durchqueren des Festival-Geländes einen eingermassen koordiniert wirkenden Gang an den Tag zu legen – hierfür indessen war der Einfluss des Alkohols eher kontraproduktiv.

Aber was solls? Metalheads mögen harte Musik und sind hart im nehmen. Für ein derart hochkarätiges Lineup, mehr als 20 Bands aus aller Welt gaben sich die Ehre, nehmen sie doch einiges in Kauf. Nur das Unterfangen mit der geplanten Übernachtung auf dem Gelände legten einige unerledigter Dinge ad acta. Beim Gang durch das Camping-Areal wurde schnell klar wieso. Die Zelte versanken im Sumpf, etliche Festivalgänger mussten ihre provisorische Bleibe wohl als Totalschaden abschreiben.

Faible für four-letter-words
In seinen Ansagen beschwörte der redselige James Hetfield wiederholt den Begriff einer «Metalfamilie» herauf. Doch kann bei einem Konglomerat von dermassen aggressiver Musik überhaupt die Rede von einer Familie sein? Jugendfrei gings auf jeden Fall nicht zu und her. «This song is dedicated to William fucking Shakespeare», röhrte etwa «Motörhead»-Urgestein Lemmy Kilmister ins Mikrofon – der Kopf der 1975 gegründeten britischen Band wird diesen Dezember immerhin 65. Das Wort «fuck» fiel regelmässig, bei gewissen Sängern hatte man gar das Gefühl, in jedem Satz.

Und Trotzdem: ja, es ist eine Familie. Das zeigte sich einerseits auf der Bühne. Die vermeintlich bösen Männer lachten viel. Man kennt und mag sich. Während beispielsweise «Megadeth» den letzten Song des Abends aus ihren Instrumenten prügelten, stürmte Scott Ian auf die Bühne und brüllte den Refrain zusammen mit Dave Mustaine ins Mikrofon. Der «Anthrax»-Gitarrist hatte zuvor mit seiner Band dem wetterbedingt unterkühlten Publikum ordentlich eingeheizt.

Insbesondere «Metallica» betonten mehrmals, wie gut ihnen der Abend gefallen habe. Doch auch die Fans waren mehr als zufrieden. Und so nahmen sie es denn auch ohne viel Murren in Kauf, dass nach dem Auftritt der Headliner der Verkehr um Jonschwil herum total zusammenbrach – 80 Prozent der Besucher waren mit dem Privatauto angereist. Auch über organisatorische Mängel – für ein Getränk musste man gelegentlich bis zu 20 Minuten anstehen – und ein absolut unverständliches Depot-System für das Gebinde schauten sie grosszügig hinweg.

Wieso auch sollten sie sich ärgern? An ihren Schuhen und Kleidern klebte zwar in rauen Mengen feuchter Dreck. Doch der lässt sich abwaschen. Die Erinnerung an ein grandioses Metal-Fest indessen bleibt bestehen.

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