Ironisierter PS-Fetischismus

In den Ferien hat man endlich mal wieder Zeit, seine Leibblätter von vorne bis hinten und samt Beilagen durchzulesen. So sind wir im Magazin der in Sarajevo sündhaft teuren deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» auf folgenden wunderbar ironischen Autotest gestossen:

Auto: Mark Spörrle fährt den VW Touareg NF 3.0 TDI

Einer für alle Fälle

Früher hätte so mancher an dieser Stelle provokant gefragt, ob man DIESES Auto denn wirklich braucht. Das war vor dem Scheitern des Umeweltgipfels in Kopenhagen und vor der Finanzkrise. Als gutgläubige Menschen hofften, unsere Politiker könnten unsere Welt tatsächlich retten. Ausgenommen vielleicht ein paar kleinere, ohnehin bald überflutete Inseln wie Tuvalu. Oder eventuell Sylt. Heute wissen wir: Die Politiker, sie können uns nicht retten. Gut also, dass es den neuen Toureg gibt. Kein Simulanten-SUV. Ein echter Offroader mit jeder Menge Bodenfreiheit und dem «Komfort» einstellbarer Luftfederung. Features, mit denen man in schlaglochübersäten deutschen Orten endlich wieder geradeaus fahren kann. Auch dann – man weiss ja nie, was noch kommt –, wenn es irgendwann keine Strassen mehr gibt: Mit Allradantrieb und sperrbaren Differenzial schafft der Touareg es bis zu 45 Prozent Steigung. Dabei könnten durch das extra grosse Glasdach zwei auf den Sitzen stehende Erwachsene Äpfel pflücken.

Oder – man weiss ja nie, was noch kommt – Rehe oder Radfahrer mit dem Lasso fangen. Auch nachts; eine Taschenlampe wird mitgeliefert. Bis dahin passt der mit Leder, Alu und Edelholz gestaltete Innenraum eher zu einem luxuriösen Langstreckenwagen. Jede Menge elektronischer Helfer. Enorm viel Platz. Auf der Festplatte des Auto-/Navigationssystem lassen sich Musik und Filme speichern. Die Ablage, formerly known as Handschuhfach, ist kühlbar und hat iPod-Anschluss. Ein Auto, in dem man – man weiss ja nie – notfalls wohnen könnte, zumindest aber die Angst vor dem nächsten Stau bekämpfen kann. Jedenfalls fast; leider wurde in der Sonderausstattung die Bordtoilette vergessen.

Bei freier Fahrt kein Problem. Strassenlage hervorragend, auch bei 200 Stundenkilometern. Nicht mal der Zeiger der Tankuhr wackelt. Was zum einen daran liegt, dass der Tank ganze 100 Liter fasst. Zum anderen aber auch daran, dass der neue Touareg 200 Kilo leichter und etwa ein viertel sparsamer ist als sein Vorgänger und sich ganz vernünftig zwischen acht und zehn Litern fahren lässt.

Früher, als man unter umweltbewussten Nachbarn noch den Verbrauch seines Wagens kleinrechnete, wäre das für ein solches Trumm von Auto ein respektabler Wert gewesen. Heute freut man sich eher, dass – man weiss ja nie – man damit bis in die Schweiz käme. Und falls das Wasser doch schneller ist? Nun, die Wattiefe beträgt 50 Zentimeter. Und die nächste Touareg-Generation wird vermutlich auch noch schwimmen können.

Mark Spörrle ist stellvertretender Chef vom Dienst

Zeit Magazin Nr. 30, 22.07.2010

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