Der ewige Schwarzfahrer

Eifrige Leser haben es längst erkannt, die Trams in Sarajevo haben es David Koller angetan. So verwundert es auch nicht sonderlich, dass er seine neuste  «Carte Blanche» im «Willisauer Boten» den durch die Strassen der Haupstadt Bosniens rollenden Saunas widmet.

Manche lernen es nie

Sarajevo im Juli. 38 Grad zeigt das Thermometer an. Ein junges Schweizer Paar wagt das Abenteuer: Es will Tram fahren. Das ist in der Hauptstadt Bosniens ein Erlebnis. Vor allem im Sommer. Denn das Rollmaterial stammt aus einer Zeit, in der Sarajevo noch in einem Land namens Jugoslawien lag. Die Gefährte zuckelten schon während der Winterolympiade von 1984 durch die Strassen, und sie blieben ein paar Jahre später im Krieg auf ihnen liegen. Steinalt sind die Trams, und stets vollgestopft. Dadurch erhöht sich im Innern die Temperatur proportional: Zweihundert Personen drängen sich auf engstem Raum, die Fenster lassen sich nur einen Spalt weit öffnen. Wie heiss es in diesen mobilen Schwitzkästen wird, will man gar nicht wissen.

Trotzdem steigt das Paar zu, schafft es beim Fahrer Tickets zu erwerben und schiebt sich ins Gedränge – vorbei an einer glutäugigen Schönen und einer schwitzenden Grossmutter. Nun folgt der Auftritt eines dritten, schon ein paar Stationen eher zugestiegenen und entsprechend transpirierenden Schweizers. «Ihr müsst die Billette entwerten», sagt er. «Auch im Tram gekauft sind sie nur abgestempelt gültig», schiebt er nach und bietet an, sich zum Entwerter durchzukämpfen. Er gehe hier zur Schule, erzählt er danach mit geschwollener Brust. Die Sprache sei schwer, aber es gehe immer besser. Gross ist die Dankbarkeit, als ein paar Stationen später tatsächlich Kontrolleure auftauchen.

Dieser Unbekannte, der sich in der Hitze des Balkans mit den Tücken einer südslawischen Sprache abplagt und gleichzeitig Touristen vor Bussen bewahrt, bin ich. Aber unter uns, ich war nicht ganz ehrlich. Vor den Landsleuten machte ich auf souverän und mimte den Kenner. Dabei enthielt ich ihnen vor, dass ich an meinem ersten Tag in der Stadt just ihren Fehler gemacht hatte. Zwar kaufte auch ich brav einen Fahrschein, entwerte ihn aber nicht. Prompt geriet ich in eine Kontrolle. Die Busse betrug umgerechnet 20 Franken. Das ist verkraftbar. Meinem Ego indes hat es enorm geschadet. Zumal solche dummen Vorfälle auch schon in der Heimat passiert sind – aufmerksame Leser erinnern sich. Vor allem jedoch, weil entsprechende Hinweise im Tram angebracht waren, ich diese aber schlicht nicht verstand. Doch das behielt ich für mich. Es müssen ja nicht alle wissen, dass ich gewisse Dinge einfach nie lerne.

Willisauer Bote (WB),  6. August 2010
© David Koller, 2010

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