Waffennarren spielen gegeneinander Fussball

Montenegro ist ein erstaunliches Land. Und der einzige Ex-jugoslavische Staat, den David Koller noch nicht bereist hat. Weil die Schweizer Fussballnationalmannschaft in Podgorica gegen jene aus Crna Gora antritt, veröffentlichte die «Neue Zürcher Zeitung» in ihrer Ausgabe vom Donnerstag, 7. Oktober 2010 (S. 48), einen informativen Artikel über die kleine Republik an der Adria – mit einigen hübschen Sticheleien gegenüber der Schweiz.

Die kleine Schwesterrepublik

Landschaftlich vielfältig, verschiedene Volksgruppen und ein Hang zu Waffen: Zwischen Montenegro und der Schweiz gibt es viele Parallelen

Wenn Schweizer Balkanländer beschreiben, dann betonen sie das Exotische: wilde Völker und schwache Staaten, rohe Gewalt und heisse Leidenschaft. «Blut und Honig» hiess bezeichnenderweise eine Ausstellung über den Balkan. Doch beim zweiten Blick – etwa auf Montenegro – werden auch Ähnlichkeiten sichtbar.

Von Andreas Ernst, Belgrad

Gerade zwischen der Republik in den Dinarischen Alpen und ihrer Schwester in den Zentralalpen. Da ist einmal die Vielfalt: Von der Adriaküste mit ihren malerischen Städtchen zur palmengesäumten Bucht von Kotor bis hinauf zum Hochkarst und zu den Urwäldern des Durmitor-Gebirges – Montenegros Landschaft hat unglaublich viele Seiten.

Nur 43 Prozent der Bevölkerung sind Montenegriner

Zur Vielfalt gehört allerdings auch der Kontrast zwischen den überfüllten, von Spekulationsbauten umstellten Stränden und den mausarmen Bauernsiedlungen im Gebirge. Oder der Unterschied zwischen der Bilderbuchinsel Sveti Stefan und dem staubigen Bergstädtchen Berane. Auch die Zusammensetzung der Bevölkerung ist vielfältig. Von den 672’000 Bewohnern bezeichnen sich 43 Prozent als Montenegriner, 32 Prozent als Serben, 13 Prozent als Bosnjaken und 3 Prozent als Albaner.

Die heiss umstrittene Trennung von Serbien verlief 2006 dank EU-Moderation erstaunlich reibungslos. Die Beziehungen zwischen den Volksgruppen sind zwar nicht spannungsfrei, aber im Grossen und Ganzen doch friedlich. Man sollte die Parallele mit der Schweiz nicht überziehen, aber im Kontext der Nachbarschaft lässt sich die montenegrinische «Einheit in der Vielfalt» durchaus sehen.

Die im Jahr 2005 eröffnete Most Milenijum (Millennium-Brücke) ist eines der Wahrzeichen der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica. Diese trug von 1946 bis 1992 den Namen Titograd. (Foto: srpska.etleboro.com)

Bergvölker, so sagt man, lieben ihre Waffen und unterdrücken ihre Frauen. Die Schweiz führte das Frauenstimmrecht 1971 ein, 26 Jahre nach Montenegro. Doch seither hat sich das Tempo umgekehrt. In urbanen Gebieten Montenegros gibt es zwar eine Annäherung von Rechten und Pflichten im Privaten, doch im öffentlichen Leben ist das Geschlechterverhältnis sehr traditionell.

Keine «wandelnden Arsenale»

In der Politik sind die Frauen krass untervertreten, obwohl sie, dank dem Erbe des sozialistischen Jugoslawien, fast ebenso gut ausgebildet sind wie die Männer. Nur jedes zehnte Parlamentsmitglied in Podgorica ist weiblich. Was das Waffentragen betrifft: Die Reiseliteratur hat bis Mitte des letzten Jahrhunderts die montenegrinischen Männer als «wandelnde Arsenale» beschrieben.

Und noch heute haben viele Montenegriner wenigstens ein Jagdgewehr im Schuppen versteckt. Doch einem Volk, das Knabenschiessen veranstaltet und Armeewaffen nach Hause nimmt, dürfte das nicht allzu exotisch erscheinen.

Montenegro wird wie die Schweiz von der Natur verwöhnt – aber diese birgt wenig Bodenschätze. Man setzt auf Dienstleistungen und ausländisches Geld. Um dieses anzuziehen, bieten die Montenegriner auch ihre Staatsbürgerschaft an. Wer wenigstens eine halbe Million Euro investiert und gut beleumdet ist, erhält den montenegrinischen Pass.

Grosszügige Einbürgerungspolitik

Es gibt durchaus Interessenten. So hat sich der Milliardär und exilierte thailändische Oppositionsführer Thaksin einbürgern lassen. Das Bürgerrechtsgesetz verlangt zwar Sprachkenntnisse und Wohnsitz im Land. Aber wie andere geschäftstüchtige Alpenrepubliken drückt auch Montenegro ein Auge zu, wenn kapitalstarke Fremde auftauchen.

Dennoch sind die Montenegriner, ganz wie die Schweizer, stolz auf ihre Verteidigungskräfte. Niemals in 500 Jahren Herrschaft gelang es den Osmanen, das gebirgige Land vollständig zu kontrollieren. Das hat sich auf den Fussball übertragen. Die montenegrinische Verteidigung ist in den meisten Spielen Herr der Lage.

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