Still leidet das Christkind

Dieses Bild haben wir zufällig im Internet gefunden. Es passt hervorragend zu David Kollers neuster «Carte Blanche», veröffentlicht im «Willisauer Boten» vom 24. Dezember.

Christkindlis Burnout

«Bad news, dear Christkindli», sagte Jeff, «deine Beliebtheitswerte sind wieder gesunken.» Das Christkind stöhnte auf, liess sich in einen Sessel fallen und hob wortlos seine Füsse. Eine Assistentin eilte herbei und zog ihm die Schuhe aus. Ächzend klaubte das Christkind sein iPhone aus der Tasche: 81 unbeantwortete Anrufe. Es beachtete sie nicht, prüfte stattdessen die Emails. Tatsächlich: die Parteizentrale teilte die neusten Hochrechnungen mit – der Weihnachtsmann hatte erneut zugelegt. «Und jetzt?», fragte das Christkind. Jeff zuckte ratlos die Schultern. Und das er, dieser abgebrühte Haudegen, abgeworben aus dem Wahlkampfkomitee von Sarah Palin. Finanziert hatte diesen teuren Husarenstreich ein anonymes «Komitee zur Rettung der europäisch-abendländischen Kultur». Wikileaks wollte wissen, dahinter verberge sich das Duo Blocher-Tettamanti.

Alles nutzlos: Tag und Nacht war das Christkind unterwegs, referierte vor mässig begeisterten Kindern und gähnenden Managern. An Podien versuchte es, den verbalen Attacken des Weihnachtsmanns Paroli zu bieten. Vergebens. So harzig wie heuer war es noch nie gelaufen. «Schuld ist die schleichende Überfremdung», sagte Toni Brunner – auch er fungierte als Berater. «Non», blaffte Christian Levrat. «Der Kapitalismus ist verantwortlich. Deswegen müssen wir ihn überwinden.» Ein Klopfen an der Tür beendete den Disput; Dr. Leid trat ein, der weissbärtige Psychotherapeut des Christkinds. Die beiden begaben sich ins Nebenzimmer. Zurück blieb eine ratlose Stille. Niemand aus der hochkarätigen Runde wusste eine Lösung, jeder kannte das Problem: das Christkind konnte kaum mehr mit dem Druck umgehen. Mit grossen Schritten lief es einem Burnout entgegen. Weihnachten war zu brutal geworden: ein Kampf der Giganten um gigantische Gewinne. Zu viel für ein zartbesaitetes Geschöpf aus einer anderen Dimension. Selbst Toni Brunner verging darob das Grinsen.

Doch es musste weitergehen. Nach seiner einstündigen Therapie kam das Christkind müde lächelnd zurück, breitete seine Flügel aus und machte sich auf zum nächsten Termin. Kaum hörbar, aber für einmal einhellig, hauchten Brunner und Levrat dem davonschwebenden Wesen nach: «Danke liebes Christkind, dass du so viel auf dich nimmst für unser Fest der Liebe.»

Willisauer Bote (WB),  24. Dezember 2010
© David Koller, 2010

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>