Die Donau, allerhand Türme und ein vergilbender Marschall

Belgrad oder Beograd: die weisse Stadt. Ende Januar macht die Zwei-Millionen-Metrople am Zusammenfluss von Donau und Save ihrem Namen alle Ehre. Sie begrüsst die ankommenden Gäste in einem prächtigen Schneekleid. Was den Liebhaber von Städten in ehemals sozialistischen Ländern aber erstaunt: schon nach zwei Tagen sind die Strassen komplett von der längst nicht mehr weissen Pracht befreit. Wenn auch ein kleines, gleichwohl ein Indiz dafür, dass sich Serbien vorwärts bewegt.

Blick von der tief verschneiten Kalemegdan-Festung hinter auf die Save.

Denn auch sonst macht Belgrad einen aufgeräumteren Eindruck, als beim letzten Besuch im Sommer 2008. Ein von der NATO im Jahr 1999 zerbombtes Ministerium steht zwar immer noch wie eine klaffende Wunde – oder als Mahnmal – mitten im Zentrum. Ein anderes wurde aber mittlerweile abgerissen und neu aufgebaut. Auch etliche Bauruinen, bei denen vor Jahren Geldgeber abgesprungen sind, präsentieren sich heute als hochmoderne Gebäude.

Die Neueröffnung des Fernsehturms auf dem Belgrader Hausberg Avala war schon Anlass für einen Beitrag auf Igosana.ch. Der alte Bau von 1965 fiel ebenfalls den NATO-Bomben zum Opfer. Ein Stich in das Herz vieler Belgrader, wie sich aus verschiedenen Gesprächen ergab. Nun haben sie ihn wieder, ihren Turm. Eine Reise auf den Avala lohnt sich einerseits wegen des imposanten Bauwerks, andererseits aber auch wegen der idyllischen Lage. Auf dem Berg – oder besser Hügel – befindet sich auch ein pompöses Mahnmahl für den unbekannten Soldaten, im ehemaligen Jugoslavien eine wichtige Pilgerstätte. Zudem ist hier ein Hotel anzutreffen, dass einst als eine der vielen Residenzen von Josip Broz Tito diente – dem jugoslavischen Herrscher, der gelegentlich ob seines Luxus-Lebens auch «kommunistischer König» genannt wurde.

Der Fernsehturm indessen dokumentiert Aufbruch und Stagnation zugleich. Die Infrastruktur ist modern, doch das Konzept kommt überaus sozialistisch daher. Das angekündigte Restaurant existiert (noch) nicht, unzählige Mitarbeiter haben nichts zu tun und stehen sich die Füsse platt. Anzumerken bliebt indessen, dass im Sommer deutlich mehr los sein dürfte.

Wieder aufgebaut und auch wegen seines schönen Standortes ausserhalb Belgrads einen Besuch wert: der Fernsehturm auf dem Berg Avala.

Die eklige Fratze des Nationalismus

Im Oktober 2010 machten serbische Hooligans an einem Fussballspiel in Genau mit ihrem üblen Verhalten von sich reden. In täglichen Belgrader Leben ist von ihnen und den erzkonservativen Kreisen, denen sie zugehörig sind, relativ wenig zu spüren. Grafitis mit deutlichem Inhalt indessen sind oft anzutreffen. An etlichen Hauswänden ist die Jahreszahl 1389 vermerkt – damals fand auf dem Amselfeld im heutigen Kosovo die schicksalsträchtige Schlacht gegen die Osmanen statt. Unweit von unserer temporärer Bleibe war ferner die Inschrift «Radovan, srpski Junak» zu lesen (Radovan, serbischer Held). Damit dürfte wohl Radovan Karadžić gemeint sein, der Präsident der serbischen Republik in Bosnien und Herzegowina während des blutigen Sezessionskrieges.

Die Aussage dieses Grafitis am Bahnhof von Novi Sad ist deutlich. 1389 ist die Jahreszahl der Schlacht auf dem Amselfeld, für serbische Nationalisten ein geradezu heiliges Ereignis.

Am Tag der Abreise, dem 5. Februar, fand in Belgrad – einmal mehr – eine Demonstration von rechtskonservativen und nationalistischen Kreisen statt. Gemäss der Polizei sollen daran rund 55’000 Personen teilgenommen haben. Die Demonstration versinnbildlicht den politischen Stillstand Serbiens. Die Schwester des Vermieters unserer Wohnung sagte denn auch, sie ertrage es bald nicht mehr, dass ihr Land nicht vorwärts komme. Am liebsten würde sie auswandern.

Auch wenn die Hooligans und etliche nationalistische Politiker viel dafür tun, dass sich Serbiens Image im Ausland nur langsam bessert; die Belgraderinnen und Belgrader haben sich einmal mehr als überaus liebenswerte und gastfreundliche Menschen erwiesen. Wenn ein Besucher dann noch ihre Sprache spricht – oder es zumindest versucht – führt das zu regelrechten Begeisterungsstürmen. Ein Kellner in einem Restaurant beispielsweise bedankte sich wortreich dafür, dass ein Mensch aus «Europa» sich so sehr für das Balkan-Land interessiere.

Schaurig Schönes und schaurig schön Hässliches

Belgrad ist im Winter eine kalte Stadt, das gemässigt kontinentale Klima kann für überaus frostige Temperaturen sorgen. Zudem legt sich bei Windstille eine hässliche Smog-Glocke über die Stadt. Ist der Himmel aber blau, tauchen abends wunderbare Sonnenuntergänge die ganze Stadt in ein tiefes Rot. Solche Spektakel sind nicht nur in Belgrad zu erleben, sondern auch in Novi Sad, der Hauptstadt der serbischen Provinz Vojvodina. Die Stadt an der Donau ist mit der Bahn in eineinhalb Stunden erreichbar und ein Muss für jeden Belgrad-Reisenden.

Sonnenuntergang über der Vojvodina. Festgehalten auf der Petrovaradin-Festung in Novi Sad.

Trotz immer mehr modernen Gebäuden: Liebhaber von grauen und monströsen Bauten kommen in Belgrad nach wie vor bestens auf ihre Rechnung. Vor allem im Vorort Novi Beograd (entstanden ab dem zweiten Weltkrieg) sind fast ausschliesslich Plattenbauten anzutreffen – sie dienten damals als Mittel gegen den notorischen Wohnungsmangel.

Ein besonders spektakuläres Beispiel sind die Geneksove Kule (Genex Türme – ein Doppelhochhaus, benannt nach einer jugoslavischen Firma). Wer vom Flughafen her Richtung Stadt fährt, sieht sie gezwungenermassen. Denn sie befinden sich direkt an der Autobahn. Im linken Teil des Gebäudes waren einst Büros untergebracht, rechts Wohnungen. Heute scheint der linke Turm leerzustehen. Zwar brannten bei einer Augenscheinnahme vor Ort einige Lichter, der Eingang indessen war verbarrikadiert.

Der rechte Teil ist nach wie vor bewohnt. Zudem befindet sich im Erdgeschoss die Pizzeria «Tavolino». Eine Gaststätte mit leicht mafiösen Daherkommen. Dies in doppelter Hinsicht: einerseits schmückt sich das Restaurant mit seiner erstaunlich guten Küche mit einem Signet aus dem Film «The Godfather». Andererseits küssten alle eintretenden Gäste, auch Männer, den an seinen Armen heftig tätowierten Patron auf die Wange.

Lassen das Herz eines jeden Liebhabers von monumentalen sozialistischen Protzbauten höher schlagen: Die Geneksove Kule – ein Doppelhochhaus benannt nach einer jugoslavischen Firma.

Eine Exkursion zu den Geneksove Kule im tiefsten Novi Beograd ist wohl eher nur fortgeschrittenen Balkan-Reisenden zu empfehlen. Ein anderer Vorort indessen ist unbedingt einen Besuch Wert: Zemun. Diese einst eigenständige Stadt war über lange Zeit letzte Bastion der Donau-Monarchie vor dem Osmanischen Reich, zu dem Belgrad gehörte. Die österreichische Herrschaft hat in Zemun mit vielen schmucken Gebäuden deutliche Spuren hinterlassen. Zudem lädt eine malerische Promenade an der Donau zum Spazieren ein.

Wiedersehen macht Freude: die Donau im Vorort Zemun.

Tito lebt (nicht mehr)

Seit dem zweiten Weltkrieg und bis zu seinem Tod am 4. Mai 1980 Stand Josip Broz Tito an der Spitze Jugoslaviens. Er prägte den Vielvölkerstaat, führte ihn zu einigem Wohlstand, war aber nicht im Stande, dessen Fortbestehen nach seinem Tod langfristig abzusichern. Wer danach sucht, findet auch heute noch Spuren Titos. Etwa im Haus der Blumen (Kuća cveća), dem Mausoleum des Marschalls. Das dazugehörige Museum ist einer von vielen sozialistischen Sanierungsfällen: nicht sehr spannend, dafür mit sehr viel Personal.

Doch nicht nur in Museen ist Tito nach wie vor anzutreffen. Das beweist folgendes Foto, das auf dem Balkon unserer Mietwohnung  entstand – wohlgemerkt ohne gestaltendes Einwirken vor dem Drücken des Auslösers: hier dient ein Fahrrad als Bilderrahmen für ein langsam vergilbendes Portrait des jugoslavischen Führers.


Tito und der rote Drahtesel: dieses Stilleben ist auf dem Balkon einer Belgrader Wohnung anzutreffen.
(Fotos: David Koller)

Fazit nach zwei weiteren Wochen Belgrad: Seit dem letzten Besuch ist die Stadt moderner geworden. Etliche Bauruinen sind beseitigt, viele Betriebe kommen heute zeitgemässer daher. Gleichwohl, an einigen Orten hat sich noch nicht viel gewandelt. Das zeigt sich beispielsweise auch bei einem Besuch im staatlichen Eisenbahnmuseum: die neusten Exponate stammen aus dem Beginn der 1980er-Jahre. Besucher sind keine anzutreffen, stattdessen fünf Mitarbeiter, die sich im Büro der Verwaltung langweilen. Dazu der Kommentar von David Kollers Sprachlehrerin: «Einige Leute haben noch nicht bemerkt, dass Tito gestorben ist.»

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