Die schreibende Wollsau

In der aktuellen «Carte Blanche» schreibt Herr Koller über seine wuchernde und schon oft kontrovers diskutierte Haarpracht.

Francine Jordi und die Hairforce

Neulich an einer Politveranstaltung im Wiggertal. «Huere Wollesou!», begrüsste mich der Feuerwehrmann grinsend, der den Ankommenden die Parkplätze zuwies. Dieser Charmeur in Uniform ist ein ehemaliger Jungwachtkollege. Lange haben wir uns nicht gesehen; als Allererstes sprang ihm offensichtlich meine Haarpracht in die Augen. Kein Einzelfall. Kommentare über meine Mähne haben Tradition. Sie sind ein zuverlässiger Indikator: Nehmen sie zu, ist es an der Zeit, einen Termin beim Friseur zu vereinbaren. Die Spannweite der Bemerkungen ist gross. «Hesch ou afig längi Hoor», sagen die Diplomaten, «söttsch weder emou zom Coiffeur», die Direkten. Am unteren Ende der Höflichkeitsskala teilt man mich einer Tiergattung zu. Ganz perfid sind Aussagen wie diese: «Wenn euer Bassist nicht bald zum Coiffeur geht, übernimmt er demnächst von Francine Jordi die Rolle des Schätzelis der Nation». Das hat mal jemand ins Gästebuch der Website unserer alten Band geschrieben. Gemein!

Eines sei an dieser Stelle ein für allemal klargestellt: Ich betrachte das mit der Zeit zugegebenermassen nicht mehr sehr elegante Gewucher auf meinem Kopf weder als Protest gegen die Gesellschaft, noch soll es einen bohemischen Lebensstil dokumentieren. Ich will auch keinen neuen Modetrend setzen oder irgendeine subversive Hairforce-Kampftruppe bilden. Der Grund ist lapidar: Ich gehe schlicht und ergreifend nicht gerne zum Barbier. Anlass habe ich keinen. Denn noch jede Coiffeuse, die sich tapfer meiner unkontrollierbaren Matte angenommen hat, war überaus zuvorkommend. Meistens durfte ich mir zuvor ein grandioses Klatsch- oder Autoheftchen zu Gemüte führen; während des Schneidens gab es einen süssen Prosecco oder einen starken Espresso – kam es besonders gut, erhielt ich zum Schluss eine wohltuende Kopfmassage. Gleichwohl, über Wochen schiebe ich es hinaus.

Ich mags einfach nicht; weiss nicht, worüber ich während des Akts reden soll und danach fühle ich mich immer so kahl, so nackt und ausgestellt. Und dann dieses lästige Jucken im Nacken. Auch die Reaktionen sind nicht eben erbauend: Einzig meine Liebste bemerkt, dass ich Haare gelassen habe. Alle anderen sehens gar nicht. Aber immerhin halten sie sich für einige Wochen mit ihren Kommentaren zurück.

Willisauer Bote (WB),  18. Februar 2011
© David Koller, 2011

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