Die Ausnahme bestätigt die Regel

David Kollers neuste «Carte Blanche» gefällt uns nicht. Zu wenig rund, teils billige Pointen, zu abgehackt. Ein klassischer Fall einer Schreibblockade in einer hektischen Woche. Irgendwann war dann des Geflicks genug, der Text wurde eingereicht. Immerhin lässt sich ob eines solchen Unglücks die selbstgefällige Schlussfolgerung ziehen: Die Ausnahme bestätigt die Regel.

Doch die geschätzte Leserschaft soll selber urteilen:

Wir Politiker

Ehe ich mich versehe, sitze ich im Parlamentssaal. «Jetzt bin ich also Politiker geworden», geht es mir durch den Kopf. Wieso auch nicht? Der Sessel ist bequem, an ihm werde ich noch lange kleben. Das Rüstzeug dazu bringe ich mit: Schon als Kind wurde ich politisiert, wusste was rot und schwarz bedeutet. Die Schulbank habe ich lange genug gedrückt. Doktor kann ich mich zwar nicht nennen, aber das können ja nicht mal alle, die es tun. Den Umgang mit Medien bin ich gewohnt – ich weiss, dass man den Schreiberlingen bald nur die halbe Wahrheit sagen darf, bald den Schmuch machen muss. Es gibt weitere Parallelen: Regierungsratskandidat Urs Dickerhof bezeichnet sich als Sportler. Ich mache regelmässig Sport. Reto Wyss will Brücken bauen. Ich habe den «Brückenbauer» abonniert. Robert Küng wirbt mit einem Sattelschlepper. Ich tu es ihm gleich, nur schon länger. Ein Postauto mit meinem Konterfei kurvt seit bald drei Jahren durchs Hinterland. (Anm: Das Bild dazu gibt es hier)

Nun sitze ich also im Parlament. Vor mir verfasst eine Dame einen französischen Text. Hinter wird über Fussball diskutiert. Der nebenan ist in die Lektüre seiner Zeitung vertieft. «Wir Politiker!» denke ich vorwurfsvoll und amüsiert zugleich. Welcher Fraktion ich wohl angehöre? Die legere Kleidung in unseren Reihen deutet auf das linke Lager hin. Eleganter Zwirn ist nur auf der anderen Seite des Saals zu finden. Krawatten gibt es bei uns keine, schon gar nicht solche mit Kühen oder Schweizerkreuzen darauf. Gottseidank!

Nun sollte ich mich aber mal zu Wort melden. «Nein, die Steuern nicht senken», will ich in den Saal rufen. Und: «Hört endlich auf, alles den Ausländern zuzuschieben!» Doch da dämmert es mir, ich erwache aus meinem Tagtraum. Ja, ich sitze im Parlament. Aber nur, weil Wahlsonntag ist. Heute ist der Kantonsratsaal Arbeitsplatz von uns Journalisten. Jene mit den Krawatten sind vom Fernsehen, die Dame vor mir schreibt für ein Westschweizer Medium. Also bin ich doch kein Volksvertreter; nur einer, der diese beobachtet, ihre Gedanken zu verstehen versucht; mal zustimmend nickt und mal die Faust im Sack ballt, weil auch ich wiedergewählt werden will – von unseren Abonnenten. Und was war das nun, Traum oder Albtraum? Ich kann es nicht sagen. Nur eines weiss ich jetzt: Oft schimpfen wir Medienschaffenden über Politiker. Oft sie über uns. Grundlos. Denn an sich sind wir doch ziemlich gleich.

Willisauer Bote (WB), 15. April 2011
© David Koller, 2011

Nun denn, sei es halt so. Publiziert ist publiziert. Zum Schluss liefern wir als kleines Zückerchen und Wiedergutmachung ein kleines Rätsel nach. Wo befindet sich auf diesem Bild – entstanden am Wahlsonntag im Luzerner Regierungsgebäude und schamlos gestohlen von der Website einer grossen Konkurrentin – unser kleiner Schreiberling und Möchtegernpolitiker?


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