Wer hier arbeitet, ist selber schuld

Montenegriner sind faul. Schon im ehemaligen Jugoslawien gehörte dies zu den gängigen Vorurteilen. Auch heute noch zelebrieren die Bewohner des Zwergstaates dieses Stereotyp  selbstironisch. Auf Tassen und Postkarten, die in allen Souvenirlokalen feil geboten werden, ist Folgendes zu lesen:

Wenn du jemanden siehst, der sich ausruht, hilf ihm: So verkaufen sich Montenegriner gegenüber ihren Gästen.

Mit Verlaub: wer in einem so schönen Land arbeitet, ist selber Schuld. Mit seinen Bergen sowie den Küsten und dem blauen und klaren Meer lädt es geradezu dazu ein, auszuspannen und die Seele baumeln zu lassen.

Ein besonders schönes Beispiel dafür ist Budva, wo David Koller für ein paar Tage lebte. Der historische Kern ist unberührt, autofrei und umgeben von Kieselstein-Stränden. Um dieses ursprüngliche Zentrum herum hat sich eine Kleinstadt entwickelt, wie sie auf dem Balkan öfters zu finden ist. Wirklich hässliche Plattenbauten indessen sucht man vergebens. Und überhaupt, ein Blick aufs Meer hinaus liesse auch grobe Bausünden vergessen.

Blick auf die Bucht von Budva. (Foto David Koller)

Wer aber meint, die montenegrinische Küste sei ein Geheimtyp, der irrt. Deutsch hört man zwar wenig, wenn man den Stränden entlang flaniert, oder sich Abends in den pulsierenden Freiluftbars vom süssen Nichtstun des Tages erholt. Russisch indessen ist allgegenwärtig.

Dass sich hier die «neuen Russen» eingenistet haben – vom Mittelstand hinauf bis zu den Schwerreichen – schlägt sich auf die Preise aus. Die Restaurants in Budva sind deutlich teurer als in anderen Städten auf dem Balkan. Der Preisunterschied zu Westeuropa besteht noch, ist aber klein geworden. Und auch das sei erwähnt: die Qualität einiger Lokale lässt doch sehr zu wünschen übrig. Ausserhalb der Altstadt aber isst man gut und deutlich günstiger.

Upperclass und aufwärts

Während in Budva noch mittelständige Touristen anzutreffen sind, ist die ca. 10 Autominuten entfernte Halbinsel Sveti Stefan ein Refugium der Superreichen. Normalsterblichen verwehren Wachmänner freundlich aber bestimmt den Zutritt auf jenes exklusive Stück Land, mit dem Tourismusorganisationen in jeder Broschüre über Montenegro werben. Einheimische reden von Zimmerpreisen von mehreren Tausend Euro – pro Nacht versteht sich.

Montenegros Aushängeschild ist Sperrgebiet für normalbegüterte Touristen: Die (Halb-)Insel Sveti Stefan ist ein Refugium der Superreichen. (Foto David Koller)

Auch die grossen Jachten, die in den Häfen der Küstenstädte vertäut sind, erzählen Geschichten über den schnellen Aufstieg der (russischen) Upperclass und deren Hang dazu, ihren Reichtum  zur Show zu stellen.

Dagegen verkommen Dampfschiffe auf dem Vierwaldstättersee zu Nussschalen: Jacht im Hafen von Kotor. (Foto David Koller)

Ein Fjord am Mittelmeer

Ungefähr eine Autostunde von Budva entfernt liegt das Städtchen Kotor. Auch es hat einen prächtig erhaltenen historischen Kern. Dieser wird aber nur von wenigen modernen Bauten gesäumt. Dazu hätte es gar keinen Platz. Denn Kotor liegt eingeklemmt zwischen Küste und einem Berg. Was den Ort einzigartig macht, ist das Meer. Denn hier gleicht es einem norwegischen Fjord. 28 Kilometer ist lang dieser, und gesäumt von bis zu 1900 Meter hohen Bergen.

Wie in Norwegen, nur deutlich wärmer: die Bucht von Kotor. (Foto David Koller)

Mit dem Auto erreicht man Kotor bequem durch einen Tunnel. Wer aber etwas von Land und Meer sehen will, wählt die Küstenstrasse oder einen der Pässe über die Berge. Für letzteres indessen ist ein starker Magen Voraussetzung. Denn unzählige Haarnadelkurven säumen den Weg hinauf auf die Passhöhe. Dafür werden die Reisenden mit einer atemraubenden Fernsicht hinunter auf die Bucht belohnt.

Blick auf die Bucht von Kotor. (Foto David Koller)

Fazit: Montenegro ist zwar kein Geheimtip mehr. Eine Reise in das kleine Land ist gleichwohl mehr als nur empfehlenswert. Ideal sind dafür die Monate Juni und September. Dann sind die Temperaturen noch erträglich und die Touristenmassen einigermassen überschaubar. Von Westeuropa sind die beiden Flughäfen Tivat (ca. 30 Minuten von Budva entfernt) und Podgorica (ca. 1. Stunde) mit Direktflügen erreichbar. Tivat allerdings nur im Sommer.

Deswegen: Koffer packen und den Montenegrinern beim Nichtstun helfen.

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