Der Wanderstudent

Studierende geniessen immer noch ihre vorlesungsfreie Zeit. So auch David Koller. Gelegentlich verbindet der Arbeit mit Vergnüngen. So war er letzthin für seinen Arbeitgeber in den Bergen.

Vom Schulzimmer in die Berghütte

Wauwil/Bächlital | Zu Gast bei der neuen SAC-Hüttenwartin

30 Jahre lang war Erna Schuler Hauswirtschaftslehrerin in Wauwil. Jetzt hat die 59-Jährige noch einmal einen Neuanfang gewagt: Seit März leitet sie die SAC-Hütte Bächlital in der Nähe des Grimselpasses.

Sie hat einen Arbeitsplatz mit grandioser Fernsicht: Erna Schuler auf der Terrasse ihrer SAC-Hütte. Im Hintergrund ist der Bächliboden zu sehen. (Foto David Koller)

Wieder klingelt das Telefon. Die abermalige Ruhestörung will nicht recht in die Idylle passen, die in der Bächlitalhütte herrscht. Hier, auf 2238 Meter über Meer, fernab der Hektik des Alltags, erwartet man vieles, aber nicht permanentes Telefongeläute. «Der Helikopterpilot hat sich erkundigt, wie die Sichtverhältnisse sind», informiert Hüttenwartin Erna Schuler nach dem Auflegen. Auf 14 Uhr ist ein Versorgungsflug angemeldet. Doch das Wetter will nicht mitspielen. Unten im Tal hängen die Wolken tief, auch hier oben ziehen immer wieder Nebelschwaden vorbei. Der erwartete Lama-Helikopter fliegt auf Sicht. Bei Nebel durch die engen Bergtäler zu kurven, liegt nicht drin. Macht die Witterung einen Strich durch die Rechnung, bleibt die Hüttenwartin auf dem Abfall sitzen, der zur Entsorgung bereitsteht. Und sie erhält bestellte Lebensmittel nicht. «Ein Versorgungs-Notstand bricht deswegen nicht aus», sagt Erna Schuler. Die Lager sind genügend gefüllt. Doch noch ist nicht Abend. Das Wetter kann im Hochgebirge rasch umschlagen.

Von Wauwil ins Berner Oberland

Als ob sie es schon seit Ewigkeiten tun würde. Erna Schuler verhandelt mit dem Helikopterunternehmen genau so routiniert, wie sie ankommende Wanderer willkommen heisst oder Besuchern ihr Reich vorstellt – die 1964 erbaute SAC-Hütte mit ihren 75 Schlafgelegenheiten. Dabei ist es ihre erste Saison als Hüttenwartin. Noch bis am 15. März dieses Jahres war sie Hauswirtschaftslehrerin in Wauwil. Einen Job, den sie 30 Jahre lang ausübte. Mit Herzblut, wie sie betont.

Ein Faible für die Berge hatte die 59-Jährige – geboren in Flühli – aber schon immer. Touren durchs Gebirge waren stets Bestandteil ihres Lebens. Für zwei Jahre war sie neben ihrer Tätigkeit als Pädagogin Hüttengehilfin in der Engelberger Rugghubelhütte. «Dann packte mich die Lust, noch einmal etwas Neues anzufangen. Ich absolvierte den einjährigen Hüttenwartkurs.» Die Bächlitalhütte kannte sie von früheren Bergtouren. «Als hier die Stelle frei wurde, habe ich mich beworben.» Auf Grund ihres Alters rechnete sie sich nicht zu grosse Chancen aus. Doch dann der Anruf des SACs, Sektion am Albis. «Ich hatte mich gegen 16 Bewerber durchgesetzt.»

Atemberaubende Schwemmlandschaft

Wasserfälle rauschen und Murmeltiere pfeifen. Der Aufstieg in die Hütte lässt sich in zwei Stunden bewältigen. Ausgangspunkt ist die Staumauer Räterichsboden auf der Berner Seite des Grimselpasses. «Es ist eine kindergerechte Wanderung», sagt Erna Schuler. Immer wieder seien Sechsjährige mit ihren Eltern zu Gast. «Zimperlich dürfen sie aber nicht sein», schiebt sie nach. Denn schweisstreibend ist er, der Aufstieg. Insbesondere der erste Teil über einen steilen Treppenweg.

Diesem folgt die Schwemmlandschaft des Bächlibodens – ein Gebiet von pittoresker Schönheit. Vor langer Zeit war es Teil des Bächlitalgletschers. Längst hat sich dieser zurückgezogen. Hinterlassen hat er einen sandigen Talboden, durch den an verschiedenen Stellen Wasser rauscht. «Bei besonders starkem Niederschlag füllt er sich», sagt Erna Schuler. Auch das ein unvergessliches Naturerlebnis.

Nichts für Siebenschläfer

Bartgeier, Schneehühner und Murmeltiere. Sie alle sind in dieser Region von nationaler Bedeutung heimisch. Letztere liegen um die Hütte herum oft auf der faulen Haut. Ganz im Gegensatz zu Erna Schuler. Zur Siebenschläferin wird sie im Gerbige mit Sicherheit nicht – dafür fehlt ihr die Zeit. Oft frühstücken Berggänger bereits um 4 Uhr. Nachtruhe ist zwar bereits um 22 Uhr – «ich hatte noch nie Gäste, die sich nicht daran hielten» –, die Hüttenwartin kann sich aber vielfach noch nicht zur Ruhe legen, nachdem die letzten Besucher das Massenlager aufgesucht haben. «Häufig muss ich danach noch vorbereiten», sagt sie. Nur vier Stunden Erholung sind keine Seltenheit. «Doch man schläft hier oben intensiver.» Manchmal könne sie sich morgens für ein oder zwei Stunden hinlegen, nachdem die letzten Gäste weg sind. Manchmal.

Viele Kletterer

«Zu tun gibt es hier oben immer etwas», sagt Erna Schuler. Reservationen entgegennehmen, Essen vorbereiten oder Gäste bedienen. Im Sommer übernachten viele Kletterer in der Hütte. Die Wände in der Umgebung bieten sich geradezu an für diesen Sport. Den Winter über sind in erster Linie Tourenskifahrer anzutreffen. Dann allerdings ist das Haus nicht immer bewartet. Wenn die Steinlandschaft im «Bächli» weiss ist, ist Erna Schuler nicht permanent vor Ort – nur von Mitte März bis Mitte Mai. Nach Voranmeldung lässt sich aber einrichten, dass sie ausserhalb dieser Zeit Berggänger empfängt. Offen für Skitourenfahrer sind die Türen aber auch dann, wenn die Hüttenwartin nicht da ist. Einmal pro Monat schaut Schuler in dieser Periode vorbei und kontrolliert, ob alles so ist, wie es sein sollte.

Eigene Dusche

Der Komfort ist gross. In der Bächlitalhütte können sich Berggänger den Luxus einer warmen Dusche leisten, dank des hauseigenen Kleinkraftwerkes steht der Hüttenwartin gar ein Tumbler zur Verfügung. «Den kann ich aber nur einschalten, wenn sonst keine grossen Stromfresser laufen», sagt sie. Auch hat Erna Schuler das Privileg, in ihrem kleinen Refugium eine eigene Dusche zu besitzen.

Zudem ist das Haus dank der mit Wasserkraft erzeugten Energie das ganze Jahr über geheizt. Auch dann, wenn niemand vor Ort ist. Berggänger müssen im Winter also nicht – wie vielerorts üblich – als erste Handlung den Ofen einfeuern, wenn sie der vereinsamten Hütte Leben einhauchen.

Viergangmenu mit zwei Herdplatten

Trotz der vielen Annehmlichkeiten: Es ist eine SAC-Hütte und kein Hotel. Die Ressourcen sind knapp. «Am meisten beeindruckt mich, wie Erna mit nur zwei Herdplatten für 80 Leute ein Viergangmenu vorbereitet», sagt deren Schwester Doris. Zusammen mit ihrem Ehemann Lukas war sie Ende Juli als Hüttengehilfin tätig. Der Monat war allerdings wegen des schlechten Wetters weniger streng als angenommen. «Wir haben viele Absagen erhalten», sagt Erna Schuler. Zu Unrecht: an einem Juli-Morgen lagen zwar zehn Zentimeter Schnee vor der Hütte, trotzdem war das Wetter oft besser als im Tal.

Jetzt nicht. Der Nebel. Den Gross-Diamantstock, den Erna Schuler ihren Gästen wegen seiner Schönheit gerne hätte präsentieren wollen, geben die weissen Schwaden nicht frei. Auch der Hubschrauber mit den Lebensmitteln konnte seinen Flug immer noch nicht durchführen, als sich die WB-Wanderer zurück ins Tal aufmachen. Doch in den Bergen geht es machmal rasch: Auf halber Strecke erfüllt ein Knattern die Landschaft. Da ist es, das lang ersehnte «Lama». An einem Seil hängt ein grosses Netz, gefüllt mit Lebensmitteln. Danach kehrt Ruhe ein. Auch oben in der Bächlitalhütte. Das Telefon verstummt.

Willisauer Bote (WB), 9. August 2011
© David Koller, 2011

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