Schettino is everywhere

Funchal, Hauptstadt der portugiesischen Atlantikinsel Madeira. Fast täglich machen sie im Hafen halt, die riesigen Kreuzfahrtschiffe. Bis vor einem Monat hätte man wohl geschrieben, sie lägen majestätisch im Hafen.

Heute ist alles anders. Die einst so stolzen schwimmenden Luxushotels haben viel von ihrem Glanz verloren. Verantwortlich dafür ist Francesco Schettino, Kapitän der «Costa Concordia». Vor der Havarie himmelten ihn seine Passagierinnen an, seine Passagiere begegneten ihm mit Ehrfurcht. Tempi passati. Aus einem ganzen Kerl wurde eine Witzfigur.

Plötzlich ist die Verlockung gross, im Hafen schadenfreudig mit einem Transparent mit der Aufschrift «Schettino is everywhere» auf die Passagiere zu warten, die eine Stange Geld für die Reise ausgegeben haben und ihre Ferien wohl vor einigen Wochen noch mehr hätten geniessen können.

Schettino wurde zum Anti-Sully. Während es Chesley Sullenberger im Januar 2009 schaffte, einen antriebslosen Airliner sicher auf dem Hudson zu wassern und dadurch all seinen Passagieren das Leben zu retten, versaute es der Itailiener drei Jahre später gehörig. Er, das Sinnbild des südländischen Machos, hat mit seinem Handeln Menschen getötet, eine Unmenge Geld vernichtet und den Glamour der Kreuzfahrtschiffe ruiniert. Zu betrachten gibt es sein Werk hier.

Der Italiener hat gravierende Fehler gemacht, das ist unumstritten. Gleichwohl wird man den Verdacht nicht los, dass er jetzt als Sündenbock herhalten muss. Eine Industrie, die nach aussen glänzt, hinter den Kulissen aber längst nicht immer mit lauteren Mittel arbeitet – Stichwort Arbeitsbedingungen und Entlöhnung des Hilfspersonals – will sich reinwaschen indem sie Schettino vorführt.

Trotzdem: auch wenn er zum Sündenbock stilisiert wird, wird Schettino unfreiwillig auch zur Ikone all jener, deren Auftreten mehr Schein als Sein birgt. Wie gerne fallen wir doch immer wieder darauf herein.

Gerade auf Madeira ist diese Welt der glänzenden Kulissen omnipräsent. Über Jahre wurde auf der Insel mit Bauwerken geklotzt. Die Verlängerung der Piste auf dem Flughafen machte diesen sicherer. Gleichzeitig ist sie aber auch eines der teuersten und aufwändigsten Bauwerke, dass in Portugal je realisiert wurde. Die unzähligen Tunnels wiederum, welche die Insel säumen, erscheinen mitunter schon ziemlich überdimensioniert und fehlplatziert. Sinnbild dafür ist dieses Bauwerk, dass zu einem Leuchtturm an der Westküste führt.

Die Strasse wird täglich im besten Fall von 100 Touristenautos frequentiert. Und gleichwohl baute man im Tagbau einen Tunnel. Wieso der bisherige Weg nicht mehr ausreichte, bleibt ein Rätsel.

Aber jetzt ist genug. Schettino hat den Ruf seiner Industrie ruiniert und die EU hat Portugal unmissverständlich klar gemacht, dass Sparen angesagt ist. Nicht zuletzt auf Madeira, das zu den am höchsten verschuldeten Regionen des Landes zählt.

Wir kommen dadurch zum letztlich reichlich banalen Schluss, dass es mitunter einen Schettino braucht, der uns die Realität vor Augen führt – oder einen mahnend den Rotstift erhebenden Politiker. Oder ganz einfach, dass weniger Glanz mitunter mehr ist. Sei es auf den Weltmeeren, in Portugal oder Griechenland, am Arbeitsplatz oder auf der Strasse: Potemkinsche Dörfer gibt es überall.

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