Zurück im Hotel-Mama

Eigentlich wollte David Koller auch in seiner neusten «Carte Blanche» auf den unglücklichen Havaristen Schettino eingehen. Vor allem der derbe Spruch des Kommandanten der italienischen Küstenwache – «Vada a bordo, cazzo!» – hatte es ihm angetan. Doch der Text mit dem Arbeitstitel «Wir Muttersöhnchen» wurde mit der Zeit zu wirr. Immerhin: ein Teil davon floss schliesslich in dieses Machwerk ein:

Textile Askese

«Die Beschaffung von Militärflugzeugen hat in der Schweiz seit je grossen Unterhaltungswert», sagte unlängst SP-Urgestein Helmut Hubacher. Ich bin seiner Meinung und schlage eine alternative Verwendung der budgetierten 3,1 Milliarden Franken vor: Kaufen wir daraus Waschmaschinen!

Nur schon meine Nachbarn und ich würden enorm profitieren. Erlöste uns dieser Grosseinkauf doch von einer unfreiwilligen textilen Askese. Schuld an dieser ist unser Vermieter. Er hält es in einem Haus mit 14 Wohnungen nicht für nötig, mehr als eine Waschmaschine zur Verfügung zu stellen. Nur alle zwei Wochen dürfen wir folglich dem Schmutz an die Wäsche. Meiner Liebsten und mir öffnet der Gralshüter die Tür zu den heiligen Hallen von Coral und Persil jeden zweiten Donnerstag. Was aber, wenn man dann unabkömmlich ist, etwa wegen der Arbeit? Drei Lösungen bieten sich an: a) Nase zu und durch – schmutzige und längst nicht mehr nach Alpenbrise duftende Kleider werden weiter getragen. b) Das Arbeitspensum wird des Waschtags wegen reduziert (darunter leiden aber Haushaltseinkommen und Volkswirtschaft). Persönlich habe ich mich für Variante c) entschieden: Wäschetourismus. So wie damals, als ich meine erste Wohnung hatte und am Wochenende mit einem Sack voller Schmutzwäsche beim Hotel-Mama anklopfte.

Das muss ein Ende haben! Erlauben Sie mir deswegen folgendes Rechnungsmodell: Nehmen wir an, eine Waschmaschine kostet 6000 Franken. Es gibt deutlich billigere, aber auch teurere Exemplare. Unseres entspricht somit dem Gripen, der gemäss Armeeführung in etwa ein VW ist. Dividieren wir die 3,1 Milliarden Franken durch 6000, kommen wir auf rund 516 000 Waschmaschinen. Damit liessen sich alle Mietkasernen ausrüsten, deren Bewohner nicht mindestens einmal pro Woche waschen dürfen. Ferner würden ein paar Exemplare dem «World Economic Forum» zur Verfügung gestellt. Statt ihrer jetzigen Aufgabe – das Überwachen der Flugverbotszone über Davos – könnte sich die Luftwaffe fortan der schmutzigen Wäsche der vermeintlichen Elite widmen. Den Rest der Maschinen lagerten wir in einem Bunker, als Reserve. Damit diese sicher nicht vergessen ginge, kreiste Tag und Nacht eine F/A 18 über dem Bunkereingang. Somit hätte die Luftwaffe auch in Zukunft etwas zu tun. Und ich hätte wieder saubere Wäsche.

Willisauer Bote (WB), 24. Februar 2012
© David Koller, 2012

PS: T-Shirts mit der Aufschrift «Vada a bordo, cazzo!» sind auf dem Markt erhältlich. Eine Kombination von Schettino und Kollers Wäscheproblem hätte somit durchaus Sinn gemacht. Aber die Zeit lief davon, und die gute Idee für eine Kombination wollte einfach nicht kommen. Das sind die Leiden eines Schreibenden.

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