Zermürbende Aura des Anti-Paten

Es ist das Ende einer langen Leidensgeschichte. In seiner neusten «Carte Blanche» schreibt David Koller über das Wahrwerden seines Wunsches, endlich ein Patenkind zu erhalten. Mehr als einmal hat er darüber im WB geschrieben. Beginnen wir somit mit der ersten «Carte Blanche» zu diesem Thema vom Dezember 2006:

Gebt mir ein Göttikind!

«Danke, lieber Götti», haucht das überglückliche Kind. In den Händen hält es das soeben ausgepackte Weihnachtsgeschenk. Seine Augen – blau wie das Mittelmeer in der Sommersonne – strahlen noch mehr, als jene seines Patens; die dankbaren Eltern prosten ihm mit dem Rotweinglas zu. Weihnachten, genauso müssen sie sein.

Für mich Wunschdenken. Denn ich bin immer noch nicht Götti. Meine Geschwister lassen sich mit den Nachwuchs Zeit. Selber kinderlos kann ich es ihnen nicht mal verargen. Aber da sind doch noch die Kollegen und übrigen Verwandten: Doch soeben fielen wieder zwei Türen vor meiner Nase ins Schloss: Auch das vierte Kind meines Cousins darf ich nicht beschenken. Und ein guter Freund – wir machen jetzt schon seit neun Jahren zusammen Musik – hat mich erneut wieder nicht auserwählt

Was mache ich falsch? Als ich noch Student war, lag es auf der Hand. Einen Paten mit chronisch leerem Portemonnaie will niemand seinem Kind zumuten. Aber heute? Liegts am Beruf? Ich betone, und das mit Nachdruck: Es gibt auch zuverlässige Journalisten. Und solche, die nicht permanent Kaffee trinken und Kette rauchen. Ich bin so einer. Und ich fresse auch keine Kinder. Nun ja, ich gebe es zu, ich habe auch schon die Nase gerümpft, wenn ein kleiner Balg im Zug lautstark auf seine Unzufriedenheit aufmerksam machte. Aber das war eine Ausnahme. Ehrenwort!

Ich verspreche hoch und heilig. Ich wäre ein Mustergötti: Ausflüge in den Zoo. Regelmässige Entlastung der Eltern durch Kinderhüten. Nur politisch korrekte sowie pädagogisch wertvolle Geschenke und im Hintergrund – schön diskret, das Kind soll ja nicht zum materialistischen Kapitalisten herangezogen werden – jährlich ein ansehnlicher Göttibatzen aufs Konto.

Ich bin nicht Götti. Eine seelisch vernichtende Leere. Was soll ich bloss unternehmen um diesem Albtraum ein Ende zu setzen? In der Zeitung inserieren? Im Kaderblatt: «Hochschulabgänger, gutbürgerliche Referenzen, tadelloser Leumund, keine Betreibungen, sucht Mandat als Götti.» Oder doch eher in der Rubrik der einsamen Herzen: «Ich, 30, sensibel, sportlich, treuer Hundeblick, würde dich verwöhnen, bis dass der Tod uns scheidet, mein Göttikind.»

Ich mach es anders, beschränke mich vorerst auf den WB und hoffe, dass ich am nächsten Heillig Abend ein Geschenk mehr übergeben darf. Das wünsche ich mir schon jetzt für Weihnachten 2007.

Willisauer Bote (WB), 22. Dezember 2006
© David Koller, 2006

Nun, da es doch noch wahr geworden ist, schreibt David Koller überglücklich:

Endlich Götti

Als vor Kurzem Andrin das Licht der Welt erblickte, war jemand fast noch stolzer als die glücklichen Eltern: Der Götti. Ich habs geschafft. Doch was war es eine Durststrecke! Niemand wollte mein Flehen erhören. Fünfeinhalb Jahre ist es her, als ich an dieser Stelle einen Hilferuf aussendete. Es war Weihnachten, die pränoëlle Depression plagte. «In einem Jahr will ich ein Geschenk mehr übergeben», schrieb ich in einer «Carte Blanche». Es blieb ein frommer Wunsch.

Immerhin bescherte mir der weinerliche Erguss eine Karte einer empathischen Leserin mit aufmunternden Worten. Ansonsten aber regte sich wenig. Die Zeit verstrich, der Wunsch blieb. Freundinnen und Freunde vertrösteten, beim Nächsten sei dann ich an der Reihe. Doch das Nächste liess auf sich warten. Auch meine Geschwister kamen fortpflanzungstechnisch nicht weiter; selber habe ich  ja auch immer noch nicht begriffen, wie es geht. Doch dann: «Stichtag Göttimandat» durfte ich in die Agenda schreiben. Die zermürbende Aura des Anti-Paten war durchbrochen. Das Warten, das Hoffen, das Bangen – es hatte ein Ende. Nun ist Andrin da, das wohl schönste Kind der Welt.

Akribisch genau hatte ich alles geplant, dank dem Coaching eines professionellen mehrfach-Göttis. Jetzt ist das erste Bier mit dem Vater getrunken, das Bäumchen steht, den Antrittsbesuch bei Mutter und Kind habe ich mit leuchtenden Augen absolviert. Als nächstes folgt die Anmeldung bei der Luftverkehrsschule. Denn ein ehrgeiziger Pate sorgt dafür, dass sein Schützling erreicht, was ihm verwehrt blieb: Mein Göttibub wird Linienpilot – als Zugabe vielleicht noch Triathlon-Weltmeister; ein Nobelpreis würde sich auch ganz gut machen. Keine Angst, ich setze Andrin nicht unter Druck. Ich werde einfach für ihn da sein. Wenn er beispielsweise genauso ungerne zum Coiffeur geht wie ich, werde ich ihn begleiten. Falls die Friseurin zu grob mit dem zarten Geschöpf umgeht, werden meine strengen Blicke sie bestrafen. Und nachher gibts für den kleinen Helden ein Eis, oder mal wieder eine Fahrt zum Flughafen.

Ein Pate soll eine neutrale Position ausserhalb des Ich-muss-dich-erziehen-Schemas einnehmen und Ansprechperson sein. Das werde ich, lieber Andrin. Versprochen! Bald wirst du feststellen, dass dein Götti nicht immer alles ganz ernst meint und gerne mal Seich macht. Aber für dich da sein wird er immer. Mit oder ohne Nobelpreis.

Willisauer Bote (WB), 25. Mai 2012
© David Koller, 2012

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