Blick hinter glänzende Fassaden

St. Petersburg, Stadt der goldglänzenden Türme, aufwändig renovierten Kirchen und imposanten Paläste. So gibt sich die Kapitale im Nordwesten Russlands gegenüber ihren Besuchern. Ein beeindruckendes Bild, zweifelsohne. Doch ein genaueres Hinblicken lohnt. Denn heute wird Piter – so nennen die Bewohner ihre Stadt – in erster Linie als prächtige Hauptstadt des russischen Imperiums dargestellt.

St. Petersburg, wie es sich seinen Besuchern präsentiert: die glänzende Hauptstadt des stolzen russischen Imperiums.

Doch St. Petersburg war auch Leningrad: die durch Moskau abgelöste Hauptstadt, zur Provinz degradiert. Der chronisch überlastete Flughafen – da hoffnungslos unterdimensioniert – ist eines von vielen Beispielen, die dies auch heute noch dokumentieren.

Diese Geschichte, die Geschichte Leningrads, wird Touristen mehrheitlich vorenthalten. Ausser wenn es um die 900-tägige Blockade geht, unter der die Stadt im Zweiten Weltkrieg enorm zu leiden hatte.

Vielerorts bringt der Blick hinter die glänzenden Fassaden Sehenswertes zu Tage. Graueres zwar, dafür eine heute in den Hintergrund verdrängte Zeit präsentierend. Etwa bei der Deutschen St. Petri Kirche. Das evangelisch-lutherische Gotteshaus wurde 1937 geschlossen und 1962 in ein Hallenbad umgebaut. Seit 1992 dient es wieder seiner ursprünglichen Bestimmung.

Der heutige Kirchenraum. Die braunen Bankreihen links und rechts stammen aus den Zeiten des Hallenbads. Sie dienten den Zuschauern des nassen Spektakels.

Dennoch sind die Spuren dieser – pardon! – doch ziemlich phantasievollen Zweckentfremdung nach wie vor mehr als deutlich ersichtlich. Der Kirchenraum liegt nun fünf Meter höher als früher. Er wurde auf das ehemalige Schwimmbecken aufgesetzt. Was sich Besuchern beim Gang durch die Kirche bietet, insbesondere durch ihre Katakomben, ist eine geradezu absurd-schaurig anmutende Visualisierung des sowjetischen Atheismus.

Absurd anmutende Visualisierung des sowjetischen Atheismus: im einstigen Bassin. Darüber befindet sich der heutige Kirchenraum. (Fotos David Koller)

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