Ein Migrationsdrama

Das macht uns traurig: 1967 erblickte in Bratislava in der damaligen Tschechoslovakei Iveta Gavlasovà das Licht der Welt. Nach der Schulzeit schreib sich die strebsame Frau 1985 für das Studium der Medizin ein. 1992 legte sie das Staatsexamen mit dem Prädikat «Ausgezeichnet» ab. Ein Jahr später promovierte sie an der Universität ihrer Heimatstadt zum «MEDICINAE UNIVERSAE DOCTOR» / MUDr. (Doktor der Medizin).

Im selben Jahr kam sie in die Schweiz, heiratete und trägt seither den Namen Yvette Estermann. 1999 erhielt sie die hiesige Staatsbürgerschaft. Sechs Jahre danach startete sie durch und nahm eine steile politische Karriere in Angriff. 2005 wurde sie in den Luzerner Kantonsrat gewählt. Seit 2007 vertritt sie den Stand Luzern in der Grossen Kammer in Bern. Von der Migrantin zur Nationalrätin: wenn das nicht gelungene Integration ist!

Und jetzt dies: «Der Schweizer Ärzteverband VSAO hat Yvette Estermann das Recht abgesprochen, sich Dr. med. zu nennen. Ihr fehlt die Dissertation», schreibt der neue Zentralschweiz-Korrespondent des «Tagesanzeigers», Michael Soukup. Und:

Mit dem Entscheid des Ärzteverbandes darf die Luzerner Politikerin ab sofort nur noch den in der Slovakei erworbenen Titel «MU Dr., Comenius-Universität in Bratislava» führen. Dieser Titel beruht allerdings nicht – wie an Schweizer Universitäten – auf dem Abschluss einer Forschungsarbeit mit Dissertation (Dr. med.). Es handelt sich vielmehr um einen sogenannten Berufsdoktor, der in der Slowakei allen Absolventen des Medizinstudiums zusammen mit dem Abschlussdiplom verliehen wird.

Wir sind empört und fragen: Ist das der Umgang der Schweiz mit strebsamen Neo-Eidgenossinnen?

Nicht weniger traurig macht uns, was der «Tagesanzeiger» einen Tag früher ans Licht brachte. Ein Rats- und Parteikollege Estermanns hat derzeit ebenfalls schlechte Presse: Prof. Dr. phil. Christoph Mörgeli. Zwar zweifelt niemand an dessen Dissertation und Habilitation. Dennoch könnte seine akademische Reputation besser sein.

Denn ein pünktlich zum Sessionsbeginn an die Öffentlichkeit durchgesickerter interner Bericht der Uni Zürich kritisiert Mängel im von Mörgeli geleiteten Medizingeschichtlichen Institut. Zudem sei das dazu gehörende Museum veraltet und teilweise gar fehlerhaft. Auch sei der Ansturm auf gewisse von Mörgeli angebotene Vorlesungen nicht eben riesig. Einige hätten deswegen gar abgesagt werden müssen.

Arme SVP, so viele Negativschlagzeilen. Denn da ist auch noch der Rücktritt von Nationalrat Bruno Zuppiger und der Knatsch innerhalb der Zürcher Kantonalpartei.

Insofern muss sich die stramme Iveta Estermann-Gavlasovà nicht allzu viele Sorgen machen. Denn sie hat sich nicht nur in der Schweiz bestens integriert. Auch in ihre Partei mit den mannigfaltigen Problemen passt sie hervorragend.

Nachtrag: seinen Humor hat Christoph Mörgeli offenbar nicht verloren. So twitterte er heute (12.09.12) Mittag: «Wann kriegt Whistleblower Blocher für seine Hildebrand-Verdienste 100 Millionen?»

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