Damals Erziehung – heute Folter

Seit Langen veröffentlichen wir an dieser Stelle wieder einmal einen herkömmlichen Bericht David Kollers aus dem «Willisauer Boten». Nicht, weil dieser besonders gut geschrieben wäre. Vielmehr, weil der Inhalt so bedrückend ist. Es geht um die Vergangenheit von Kinderheimen im Kanton Luzern.

Licht in ein dunkles Kapitel

Kinder- und Jugendheime | Misshandlungen und Missbrauch aufgearbeitet

Regierungsrat und katholische Kirche liessen den Alltag in Luzerner Kinder- und Jugendheimen historisch aufarbeiten. Das Resultat ist erschütternd.

von David Koller

«Die hat dich gepackt und unters Wasser gedrückt, bis die Blööterli weg waren und du keine Regung mehr gemacht hast, dann hat sie dich rausgerissen und auf den Steinboden geworfen, bis du Wasser erbrochen hast.» Aussagen wie diese gehen unter die Haut. Sie stammen von ehemaligen Heimkindern. Nachzulesen sind sie in zwei Studien, die am Mittwoch vorgestellt wurden. Besagtes Zitat ist abgedruckt in «Hinter Mauern. Fürsorge und Gewalt in kirchlich geführten Erziehungsanstalten im Kanton Luzern».

Dieser Bericht entstand unter der Leitung des Theologen und Kirchenhistorikers Markus Ries. Zusammen mit elf Wissenschaftern erforschte er, ob es sich beim im Frühjahr 2010 publik gewordenen Missbrauch in Luzerner Jugend- und Kinderheimen um Einzelfälle handelte. Zudem sollte die von der katholischen Kirche in Auftrag gegebene Arbeit ausleuchten, wieso es zu solchen schlimmen Ereignissen kam. Das Resultat ist erschütternd. Von Einzelfällen kann nicht die Rede sein. «Die Lektüre bereitet schlaflose Nächte», sagte Bischofsvikar Ruedi Heim am Mittwoch vor den Medien.

Die «Erziehungsanstalt für arme Kinder» in Rathausen. Das Bild entstand um 1930. Damals gehörte «Rathausen» zu den grössten Heimen der Schweiz.

Häufige sexuelle Gewalt

Parallel zum Team von Markus Ries arbeitete eine zweite Gruppe von Wissenschaftlern. Sie aber im Auftrag des Kantons. Mit zwei Berufskolleginnen leuchtete Historiker Markus Furrer die Zeit von 1930 bis 1970 aus. Wie auch das Team von Ries erstellten die drei Interviews mit ehemaligen Heimkindern. Auch ihr Fazit rüttelt auf: Betroffene berichteten von fehlender Zuwendung, Gewalt und Strafen. «Einige der angewendeten Praktiken werden heute als Foltermethoden ausgeführt», so Furrer. Etwa das beschriebene Unterwasserdrücken des Kopfes, oder das Einsperren in dunkle, verliessähnliche Räume. Zudem machten 27 der 42 Befragten Hinweise auf sexuelle Gewalt. Von solchen Übergriffen waren Knaben und Mädchen betroffen.

In der erforschten Zeit gab es in Luzern 15 Kinder- und Jugendheime. Jährlich betreuten sie zwischen 540 und 750 Kinder. Zu den grössten Institutionen gehörten Rathausen, Maraizell Sursee, Malters, Baselstrasse Luzern und Knutwil. Indes kommen in den Berichten auch ehemalige Heimkinder aus dem Bürgerheim Willisau-Land sowie Maria Heilbronn in Luthern-Bad zu Wort

Oft Kinder alleinstehender Mütter

Zwei Drittel der Institutionen standen unter Obhut der Kirche. Deswegen hatte diese eine eigene Studie in Auftrag gegeben. «In kirchlichen Heimen ist für die Zeit bis 1960 Gewalttätigkeit in drei unterscheidbaren Formen festzustellen», fasst Markus Ries zusammen: Als damals akzeptierte Methode erzieherischer Sanktion, etwa in Form einer Ohrfeige. Als Gewaltexzess, der von der Gesellschaft abgelehnt wurde. Sowie als sexueller Missbrauch. Die Ursachen wiederum lassen sich in drei Kategorien gliedern: Geringschätzung gegenüber Fremdplatzierten, zu wenig und unqualifiziertes Personal sowie weltanschaulich begründete Ursachen. «In der schweizerischen Gesellschaft herrschte über lange Zeit eine Stigmatisierung von Heimkindern vor», sagte Markus Furrer in diesem Zusammenhang. Oftmals handelte es sich bei den Betroffenen um den Nachwuchs von alleinstehenden Müttern.

Juristisch verjährt

«Die erforschten Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen schmerzt», resümierte Bischofsvikar Ruedi Heim. Zwar seien die «zweifelhaften Handlungen» bereits bekannt gewesen. «Neu ist aber, dass sie in einem solchen Ausmass geschahen.» Darum wiederhole und bekräftige Heim die Entschuldigung, welche die Synode der katholischen Kirche Luzern im Jahr 2008 ausgesprochen hatte.

Bleibt die Frage nach Genugtuung. Juristisch sind die Handlungen verjährt – soweit sie überhaupt strafrechtlich relevant waren. Zudem ist keiner der Täter mehr am Leben. «Opferhilferechtlich besteht kein Anspruch auf Entschädigung und Genugtuung», betonte Sozialdirektor Guido Graf an der Medienorientierung. Die Regierung habe sich im März 2011 entschuldigt. «Ein Tag, den ich nie vergessen werde.» Zudem werde voraussichtlich in Rathausen ein Ort des Erinnerns entstehen. «Als moralische Genugtuungsgeste.»

Die Frage nach finanzieller Entschädigung erachtete Graf als unangebracht. Auch das an der Medienorientierung anwesende ehemalige Heimkind Armin Meier – «ich war im Zuchthaus Sonnenberg untergebracht» – wollte davon nichts wissen: «Mit dem heutigen Tag ist das Kapitel für mich abgeschlossen», sagte er und dankte den Verantwortlichen für ihre Arbeit.<

Die «Randständigen» von heute

Mit der Aufarbeitung leistete der Kanton Luzern Pionierarbeit. Doch nicht nur der Umgang mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte ist ihm wichtig, auch die Gegenwart. So liess die Regierung die Stiftung Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik (SZH) die Luzerner Heimaufsicht von aussen evaluieren. Die SZH attestiere eine gute Marschrichtung. Als Verbesserungsmassnahme empfiehlt sie aber, die unabhängige Meldestelle zur Prävention von sexualisierter Gewalt bekannter zu machen. «Wir werden betreuungsbedürftige Personen und ihre Angehörigen direkt über die unabhängige Anlaufstelle bei der Opferberatungsstelle informieren», kündigte Regierungsrat Graf an.

Ziel der beiden historischen Studien war auch, Strategien für einen Umgang mit Randgruppen zu schaffen. «Dabei gilt es einen Konsens zu finden, wer heute überhaupt die Randständigen sind», sagte Alt-Syndoalrat Jörg Trottmann und fragte: «Sind es Drogensüchtige, Flüchtlinge, Secondos, Sans-Papiers oder Muslime?» Bemerkenswert sei, dass am Stammtisch gegenüber diesen Gruppen Rezepte empfohlen würden, die fast gleich seien wie jene, «die seinerzeit für den Umgang mit Heim- und Verdingkinder angepriesen wurden».

Willisauer Bote (WB), 28. September 2012
© David Koller, 2012

Die Im Auftrag des Kantons Luzern ausgearbeitete Studie ist online verfügbar.

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