Steiner und die politische Matrix

In der aktuellen «Carte Blanche» im «Willisauer Bote» wird David Koller zum Verschwörungstheoretiker.

Staatskinder statt Bürgerkrieg

Vergangene Woche hat im US-Gliedstaat Massachusetts ein Zehnjähriger die Polizei gerufen, weil er nicht zu Bett gehen wollte. So berichtete eine Nachrichtenagentur. Kurz nach 20 Uhr meldete der Junge, er wolle seine Mutter anzeigen. Denn er habe nicht vor, bereits schlafen zu gehen. Ein Polizist suchte ihn daraufhin auf und erklärte ihm, dies sei kein Grund, die Gesetzeshüter zu rufen. Der Kleine war wohl ein waschechtes Staatskind. Genau das also, wovor Gegner des am Wochenende zur Abstimmung kommenden Familienartikels warnen: ein Sprössling, der statt von den Eltern von der Obrigkeit erzogen wird.

In den USA ist immer alles ein bisschen extremer als bei uns. Dennoch bin ich skeptisch. Haben wir es bei dieser Meldung mit einer genialen Verschwörung zu tun, einem cleveren Schachzug der Gegner des Familienartikels? Bin ich gar dem neuesten Streich von Regisseur Michael Steiner auf den Leim gegangen? Dessen Kurzfilm über die Auswirkungen der Abzockerinitiative war selbst dem Wirtschaftsverband Economiesuisse zu viel. Darin erzählt Steiner von der Schweiz im Jahr 2026. Sie liegt darnieder. In Bern stehen nach heftigen Kämpfen UNO-Friedenstruppen; in Luzern haben Bewohner die Kapellbrücke zerlegt und sie als Brennholz verheizt. Ein heftiger Plot. Wem dermassen Abstruses in den Sinn kommt, dem ist auch die Geschichte des amerikanischen Knaben zuzutrauen – dem Prototyp der vermeintlichen Horrorvision des Staatskindes.

In Italien schafft es Viagra-Gerontokrat Berlusconi abermals, den Staat in die Krise zu stürzen. In Tschetschenien kuschelt Neo-Russe Depardieu mit dem zwielichtigen Präsidenten Kadyrow, in Nordkorea spielt Bubi-Diktator Kim Jong Un mit Atombomben. Ist letzten Endes all das gar nicht wahr und nichts anderes als das Storyboard weiterer Visionen? Leben wir in einer gewaltigen Matrix, so wie es 1999 der gleichnamige Science-Fiction-Film erzählte? Sind wir Opfer einer riesigen, politisch motivierten Scheinwelt? Ach was! Ich nehme Züge einer steinerschen Paranoia an und sehe vor lauter Horrorszenarien das Wirkliche nicht mehr. Vasella, Berlusconi, M13, Kim Jong Un, der Zehnjährige aus Massachusetts: alles real. Unser Denkvermögen funktioniert einwandfrei. Nur haben das Angstkampagnen produzierende Politstrategen noch nicht begriffen.

Willisauer Bote (WB), 1. März 2013
© David Koller, 2013

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