Charme einer nordkoreanischen Nachrichtensprecherin

David Koller mag ein Schöngeist sein, ein Schönschreiber ist er erwiesenermassen nicht. In seiner neusten «Carte Blanche» im «Willisauer Bote» beschreibt er den daraus resultierenden Urkomplex.

Gutenberg, der Lebensretter

Kalligrafie ist die Kunst des Schönschreibens. Deren Meistern ist meine tiefe Bewunderung zuteil. Denn von ihren Fähigkeiten befinde ich mich so weit entfernt, wie Teenie-Ikone Justin Bieber von der Aura eines reifen Mannes. Was ich aufs Blatt bringe, hat den Charme einer Schmähtiraden bellenden nordkoreanischen Nachrichtensprecherin. Meine Handschrift ist hässlich.

Das Perfide: Auch andere krakeln unleserlich, dafür immerhin schnell. In Rekordzeit füllen sie Blätter. Mein Gekritzel hingegen entbehrt nicht nur optisch jeder Regelmässigkeit, es geschieht auch langsam und braucht erst noch viel Platz. Pure Ineffizienz. Ich bin überzeugt, feinmotorisch hochgradig gestört zu sein. Schon in der Schule litt ich darunter: Wieder und wieder musste ich Texte ein zweites Mal schreiben. Wirklich schöner als der Erstling waren sie nie.

«Ist das Stenographie?», wurde ich schon mehrmals gefragt, während ich verkrampft ein Blatt verunstaltete. Schön wärs! Es ist das Werk eines kalligraphisch Minderbemittelten. Meine Klaue – mein Stigma. Vor ein paar Jahren Jahren eignete ich mir das kyrillische Alphabet an, in der leisen Hoffnung, nun werde alles besser; war es doch ein kompletter Neuanfang. Fehlanzeige! Abermals war ich das Klassenmitglied, das die visuell mit Abstand hässlichsten Texte gebar.

Und dann erst die persönliche Komponente: Wie gerne würde ich handgeschriebene Briefe verfassen. Nur bringt das nichts, niemand könnte sie lesen. Voller Ehrfurcht schaue ich zu Menschen auf, die wunderschön geschwungene Letter aus dem Stift zaubern. Ich verehre sie so sehr, wie kreischende Mädchen Justin Bieber. Wahrlich, ich bin ein Schönschreib-Groupie!

Zum Glück gab es Johannes Gutenberg. Er hat mein Leben gerettet. Elendiglich am Hungertuch müsste ich nagen, hätte er nicht den Buchdruck erfunden. Denn mein täglich Brot verdiene ich mit der Schreiberei – andere Talente habe ich bislang nicht entdeckt. Müsste ich das von Hand tun, niemand könnte es entziffern, kein Chefredaktor hätte mich eingestellt. Ich wäre nicht nur Teil einer kalligraphischen Randgruppe, sondern auch einer sozialen. Gutenberg verdanke ich viel. Und Computerpionier Bill Gates ebenfalls. Vielleicht sollte ich dem mal einen handgeschriebenen Dankesbrief schicken.

Willisauer Bote (WB), 19. April 2013
© David Koller, 2013

One comment

  1. Das Froilein

    Sind dann Schönschreiber automatisch keine Schöngeister? Gibts da eine Schlussfolgerung? Fragend, das Froilein.

    PS: nichts gegen Randgruppen, aber mit Ihrer Handschrift, Herr Koller, gehören Sie nicht mal einer Randgruppe an. Sonderfall. Notabene nicht therapierbar.

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