Balkan- und Akademiker-Vorurteile

Auf dem Korruptionsindex von Transparency International nimmt Bosnien-Herzegowina Rang 72 von 176 ein. Zum Vergleich: Italien ist punktgleich, Griechenland die Nummer 94 und Russland die 133. Angeführt wird die Liste von Dänemark, Finnland und Neuseeland. Die Schweiz steht an sechster Stelle, Schlusslicht ist Somalia.

Bosnien rangiert folglich im Mittelfeld. Dennoch zählt Korruption zu den vielen grossen Problemen des Landes. In ihrem Fortschrittsbericht für das Jahr 2012 attestiert die EU zwar eine leichte Verbesserung, erachtet die illegalen Transaktionen aber nach wie vor als besonders mächtigen Stolperstein auf dem Weg nach Europa – mitverantwortlich für den politischen und wirtschaftlichen Stillstand.

Metapher für den Stillstand: Ein zu ernst genommenes Busstop-Signal unweit von Gacko. Das Sujet entstand wahrscheinlich nicht während des Kriegs. Denn die Stadt blieb zwischen 1992 und 1995 von Kampfhandlungen mehrheitlich verschont.

Praxiserfahrung in Korruption
Bei seinem jüngsten Aufenthalt auf dem Balkan erfuhr David Koller am eigenen Leib, wie Korruption in der Praxis funktioniert. Anlässlich dieses Lehrstücks wurde gleich eine ganze Reihe von Balkan-Stereotypen erfüllt:

Auf der Fahrt durch die Republika Srpska (einer der beiden durch den Friedensvertrag von Dayton geschaffenen Entitäten Bosnien-Herzegowinas) winkte ein Polizist das Mietauto unseres Jugo-Freundes heraus. Der Gast sei zu schnell unterwegs gewesen, verkündete der Ordnungshüter: Statt der erlaubten 50 Stundenkilometern habe das Radargerät deren 65 gemessen.

Im Nachhinein und in Abwesenheit von Beamten stellt der Angeklagte nicht in Abrede, dass er an vielen Orten zu zügig unterwegs war – ein regelrechter Helvetia-Raser auf dem Balkan war er. Doch an besagter Stelle achtete er peinlich genau auf den Tachometer. Denn der Ordnungshüter hatte sich nicht die Mühe genommen, sich und sein Auto zu tarnen; vielmehr stand er auf offenem Feld direkt am Strassenrand, schon aus der Ferne gut ersichtlich. Zudem wurde Herr Koller am Vortag an der genau gleichen Stelle von einem Kollegen des Diensttuenden kontrolliert. Der freilich hatte sich von der korrekten Seite gezeigt, wollte nur das Ziel der Reise wissen und wünschte daraufhin gute Weiterfahrt.

Nicht so der strenge Hüter der Geschwindigkeit. Indes war er ordentlich überrascht darüber, dass der Angesprochene seine Worte verstand und erst noch in seiner Sprache antwortete. An der Busse von 20 Euro hielt der Beamte gleichwohl fest. Notabene: Bosnien besitzt als Währung die Konvertible Mark, nicht jene der Europäischen Union.

Die Verhandlungen plätscherten vor sich hin. Mal wollte man sich verstehen, mal nicht. Irgendwann gab der ordentlich beleibte und – trotz nur 20 Grad – heftig schwitzende Gesetzeswächter entnervt auf. Statt den Euros wollte er jetzt nur noch zwei Zigaretten. Quasi als Bearbeitungsgebühr. Dann liess er das Mietauto weiterziehen.

Blick über das Gatačko Polje, eine Hochebene in der Republika Srpska. In unmittelbarer Nähe fand das Intermezzo mit dem schwitzenden Gesetzeshüter statt.

Praxiserfahrung im Elfenbeinturm
Wo wir schon bei berechtigten und unberechtigten Vorurteilen sind. Am 2. und 3. Mai nahm David Koller an einer Tagung für Doktorierende und Masterstudierende der Osteuropäischen Geschichte teil. Dabei erhielt er Einblick in den akademischen Elfenbeinturm – säuberlich getarnt als Wellness-Hotel im Schwarzwald.

Neben vielen interessanten Kontakten und wertvollen Hinweisen für sein laufendes Forschungsprojekt nahm Herr Koller mit auf den Weg, dass einige der angereisten Vertreter der Lehrstühle von Tübingen, Konstanz, Freiburg im Breisgau und Basel durchaus geeignet sind, die vielfältigen Stereotype über Akademiker zu bestätigen.

Welche das waren, wollen wir der Phantasie unserer sehr geschätzten Leser überlassen. So viel sei jedoch verraten: korrupt war niemand.

3 comments

  1. Urban

    Guter Bericht! Doch wo bleiben Fotos und Text vom wärmeren Norwegen? Alles vergessen während dem Nichtstun? 🙂

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