Neo-Proletarischer Köter

BulgakovAls Lektüre für die kommenden kühlen Herbsttage empfehlen wir wärmstens Michail Bulgakovs Novelle «Das hündische Herz». Der russische Autor hatte sie im Jahr 1925 verfasst. Nun liegt der Text in einer neuen deutschen Übersetzung vor – meisterlich umgesetzt von Alexander Nitzberg.

Lumpi ist ein Strassenköter allerübelster Sorte. Bettelnd streicht er durch die Strassen Moskaus; mal hat er Erfolg, mal nicht. Im schlimmsten Fall wird er – wie jüngst geschehen – mit heissem Wasser verbrüht. Doch ehe sich die verlauste Töle versieht, befindet sie sich in der eleganten Wohnung von Professor Filip Filippowitsch Preobraschenski. Der Wissenschafter hat Grosses vor: Zusammen mit seinem Assistenten Iwan Arnoldowitsch Bormenthal päppelt er Lumpi auf, um ihm anschliessend  Hirnanhangdrüse, Hoden und Samenleiter eines verstorbenen jungen Mannes einzupflanzen. Der Professor ist spezialisiert auf Verjüngungen. Die aufwändige Operation soll ihn in seiner Forschung einen Schritt weiter bringen.

Doch es kommt anders, in jenem Winter der Jahre 1924/1925. Statt verjüngt zu werden, beginnt der Hund unangenehm zu menscheln. Fortan geht er auf zwei Beinen, fängt an zu reden – wobei er sich eines nicht eben eleganten Vokabulars bedient – und spricht dem Alkohol kräftig zu. Nun verkehrt er in Kreisen der durch die Revolution nach oben gespülten kommunistischen Kader, will Polygraph Polygraphowitsch Lumpikov genannt werden und liest Engels – freilich ohne viel zu verstehen. Ein unsympathischer Kerl ist er geworden. Sehr zum Ärger von Professor Preobraschenski. In der bürgerlichen Wohnung folgt ein Tumult dem anderen.

«Eine ätzende Attacke auf unsere gegenwärtigen Verhältnisse; kommt auf keinen Fall für eine Veröffentlichung in Betracht», schrieb das einflussreiche KP-Mitglied Leo Kamenew nach seiner Lektüre. Die Zensur war mächtig: Offiziell erschein der Text in der Sowjetunion erstmals im Jahr 1987. Kamenews Abneigung ist nachvollziehbar. Die Geschichte vom Hund, der zum schmarotzerischen Proletarier mutiert, kann als spöttische Wiedergabe der Verhältnisse in der damaligen UdSSR gelesen werden.

Gerade deswegen sei die satirische Novelle so sehr empfohlen. Sie bringt wiederholt herzhaft zum Lachen und ist dennoch geistreich, mit ihrer überall anzutreffenden Kritik. Für jene, die mit den damaligen Verhältnissen in der Sowjetunion nicht vertraut sind, hat der Übersetzer ein informatives Glossar zusammengestellt. Auch ohne dieses lässt sich eines feststellen: Der neo-proletarische Köter ist keiner, den man sich in seine Wohnung wünscht.

Michail Bulgakow: Das hündische Herz. Übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Alexander Nitzberg. Galiani-Verlag, Berlin 2013. 169 Seiten.

2 comments

  1. Dominik

    Hierzulande gibt es Leute, die bellen, auch ohne dass ihnen jemand Hirnanhangdrüse, Hoden und Samenleiter eines Hundes eingepflanzt hat. Also sind wir medizinisch-chirurgisch seit 1924 immerhin ein Stück vorangekommen.

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