Jeanloup und das Schlagzeug

Beim «Willisauer Bote» arbeitet David Koller derzeit neben den 30 Prozent in seinem Stammressort Kanton zuzsätzliche eineinhalb Tage für die regionalen Ressorts. Im Auftrag der Kollegen vom «Hinterland» enstand dabei folgendes Portrait:

Der Clown gibt den Takt an

Schötz Kurt Bucher ist ausgebildeter Sozialpädagoge und Clown. Der passionierte Schlagzeuger unterrichtet Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung.

«Und jetzt so: Ts, tät, ts-ts, tät», sagt Kurt Bucher (31) und zählt an. Schülerin Corina Staffelbach (22) steigt ein. Rasch hat sie den Rhythmus gefunden.

Bürgerheim Oberkirch, erstes Obergeschoss. In einem mit schallisolierenden Matten ausstaffierten Raum werden zwei Schlagzeuge bearbeitet. An der Eingangstür fragt das Poster eines Herstellers von Drum-Zubehör: «Are you heavy?» Bei Spielpausen sind aus einem anderen Zimmer schwach die Klänge einer Handorgel zu vernehmen. Eine ganz normale Schlagzeugstunde.

DSC_0003«Ts, tät, ts-ts, tät»: Kurt Bucher und Corina Staffelbach während des Unterrichts. (Foto David Koller)

Normal? Ja, und doch nicht ganz. Es ist eine ganz normale Lektion im Rahmen des Projekts «schlagfertig»: Unterricht für Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung. Corina Staffelbach aus Altishofen ist eine von sechzehn Schülern, die das Angebot derzeit nutzen. Geht es nach dem Initiator und Leiter des Projekts, soll diese Zahl steigen. «Es dürfen gerne noch mehr werden», sagt der gebürtige Schötzer Kurt Bu­cher.

Öffentliche Auftritte

«Wie es Zäpfli» müsse sie jetzt abgehen, verlangt der Lehrer, bevor er den nächsten Rhythmus anschlägt. «Wie, was?» Diese Redewendung hat Corina Staffelbach noch nie gehört. Gelächter. Ohnehin haben es die beiden lustig, an jenem nass-kühlen Montagabend. Was die Schülerin aber mitnichten davon abhält, ihr ganzes Potenzial aufzuzeigen. «Sie spielt sehr gut», sagt Bu­cher. Mit ihr verwendet er ein normales Lehrmittel. Eine Ausnahme. «In der Regel ist aufgrund der Bedürfnisse und Eigenheiten der Schüler ein gewohntes und planbares Erlernen nur bedingt oder gar nicht möglich.»

Ziel ist es denn auch nicht, dass sie dereinst in einer Band die Lieder anzählen. Vielmehr sollen sie «Freude und Spass an Schlagzeug- und Perkussioninstrumenten erleben und so einen breiten Zugang zur Musik erhalten». Dazu gibt es Einzel- und Gruppenunterricht. Immer wieder stehen zudem Auftritte an.

Bucher und das Schlagzeug. Ein Paar, das zusammengehört. Früher liess er die Drumsticks in der Bürgermusik Luzern sowie der Brassband seines Heimatorts wirbeln. Derzeit trommelt der Schötzer in zwei Luzerner Combos: Der Coverband «John Wulf» sowie der Hip-Hop-Rock-Formation «Son­andrea». Und gibt im «Kurt Bucher Sextett» den Takt an. Deren schmissige Brass-Klänge sind aber wegen Zeitmangels kaum noch zu hören. Zudem unterrichtet Bucher an ordentlichen Musikschulen.Zu seiner Leidenschaft für den Rhythmus kommt das soziale Engagement. «Musik ist mir wichtig, doch das Soziale ist viel wichtiger.» Heute arbeitet er zu 60 Prozent im Atelier des Wohnheims Sonnegarte in St. Urban und in einem 20-Prozent-Pensum als Schulsozialarbeiter in Flühli – im tiefsten Entlebuch.

Projekt «schlagfertig»

Das Projekt «schlagfertig» wird von «insieme Luzern» unterstützt. Die Elternorganisation engagiert sich für rechtliche Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Voraussetzungen, die es Menschen mit einer geistigen Behinderung erlauben, ein würdiges Leben zu führen. «insieme Luzern» übernimmt die Administration und durch Spenden die Hälfte der Kosten des Angebots. Derzeit findet der Unterricht in Oberkirch, Nottwil und Luzern statt.

Für finanzielle Unterstützung: Luzerner Kantonalbank AG, 6003 Luzern, IBAN CH05 0077 8010 0603 2810 4. Vermerk: schlagfertig.

Verschiedene Welten vereinen sich

Immer mehr macht Kurt Bucher nun die verschiedenen Welten zu einer, führt Leidenschaften und Berufe zusammen. Schon seine Diplomarbeit widmete der Sozialpädagoge dem Schlagzeugunterricht für Kinder mit Behinderung. Vor dreieinhalb Jahren fing er mit seiner Idee «insieme Luzern» an (siehe Kasten).

«schlagfertig» schafft Angebote und Strukturen, die vielerorts fehlen. Mitnichten geht es im Unterricht ausschliesslich ums sture Rhythmus-dreschen, Bucher bezeichnet ihn als leistungsfrei. «Im Zentrum stehen Beziehungsarbeit und Freude. Ganz nach dem jeweiligen Entwicklungsstand.» Ob mit Plüschtieren, Farben, Zeichnungen oder Globi-Büchern: Er wählt die Methoden individuell und ganzheitlich.

Was läuft, bestimmen zu einem gros­sen Stück die Schüler. Anders sei der Unterricht gar nicht möglich. «Einer ist total Fan von Michael Jackson», erzählt Bucher. «Oft spielen wir eine halbe Stunde zu Songs seines Idols. Das ist sein Ding.» Dadurch sei er motiviert und gleichzeitig liessen sich Übungen einbauen. Oder: «Letzthin gab mir ein Schüler zu verstehen, heute wolle er keine Musik machen.» Statt sich auf den Schlagzeugstuhl zu setzen, legte er sich auf den Boden. Bucher tat es ihm gleich. 20 Minuten lang blieben die beiden in dieser Position, um danach doch noch zehn Minuten zu trommeln.

Clown Jeanloup hat einen Traum

Szenenwechsel. Kurt Bucher sitzt im «Stadtcafé» in der Surseer Altstadt, unweit seiner Wohnung. Er erzählt von einer weiteren Leidenschaft: der Arbeit als Clown. In Basel hat er eine berufsbegleitende Ausbildung absolviert. Seither tritt er regelmässig auf. Unter dem Namen «Jeanloup» bringt er das Publikum zum Lachen, an Kinderanlässen genauso wie am Weihnachtsfest für Menschen mit Demenz. Demnächst gibt er am Konzert der Brass Band Egolzwil den – für einmal ist dieser Begriff nicht negativ konnotiert – Pausenclown.

Auch wenn er derzeit ein Soloprogramm erarbeitet: Am liebsten ist «Jeanloup» das Zwischenmenschliche, die spontane Interaktion mit dem Publikum. Dies möchte er mit seinem gros­sen Traum noch mehr verwirklichen: der Arbeit als Spitalclown. Doch dazu ist eine weitere Ausbildung notwendig. Im Frühjahr wird er die Aufnahmeprüfung absolvieren.

Es töne «schon etwas sozihaft», findet er. «Aber egal ob als ‹Jeanloup›, Sozialpädagoge, mit dem ‹Kurt Bu­cher Sextett› oder im Musikunterricht: Ich will die Menschen so nehmen wie sie sind und mit ihnen Freude teilen.» Wer Kurt Bucher und Corina Staffelbach beim Schlagzeugspielen zuschaut, nimmt es ihm vorbehaltlos ab.

Willisauer Bote (WB), 14. Februar 2014
© David Koller, 2014

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