Vermaledeite Puffschublade

Warum nicht mal wieder über Belanglosigkeiten schreiben, und dabei Vladimir Putin nicht vergessen? David Kollers neueste «Carte Blanche» geht auf eine kleine Unpässlichkeit im Alltag ein.

Schwarzes Loch im weissen Pult

Gibt es in Ihrem Haushalt ein Möbelstück, das Sie grenzenlos verachten? So sehr, wie Vladimir Putin Demokratie verachtet? Meines befindet sich im Büro. Eines dieser Dinger, die man unter dem Pult stehen hat. Es beherbergt drei Schubladen. Die grösste davon ist das Objekt meiner Abneigung: Jene, in der sich Hängeregister unterbringen lassen. Solche sind hochpraktisch. Vieles lässt sich darin verstauen. Und genau hier liegt der Hund begraben. Zu viel lässt sich darin verstauen. Die Schublade enthält mein halbes Leben: Alle Zeugnisse sind in ihr zu finden, mein Dienstbüchlein ausser Dienst, mein Pass, etliche aufgeschwatzte Kundenkarten, ein Tauchbrevet, ein in einer Belgrader Bar gefundener serbischer Führerschein, Briefe mit Liebe zum Inhalt – schöne genauso wie traurige –, Hochzeits- und Geburtskarten, Zeitungsartikel, Garantie- und Einzahlungsscheine. Das Fassungsvermögen scheint unendlich zu sein; mitunter habe ich den Eindruck, im weissen Möbel unter meinem Pult verberge sich ein schwarzes Loch.

Die enorme Kapazität ist der Grund, warum ich meine Puffschublade so leidenschaftlich hasse. Stunden, ja Tage habe ich damit verbracht, verschollene Dinge in ihrer Tiefe zu suchen. Wiederholt schon hat sie mein Raum-Zeit-Kontinuum durcheinandergewirbelt. Erst vor Kurzem wieder. Ich vermisste den Schlüssel meines Veloschlosses. Schublade auf – Stimmungsbarometer runter. Ich suchte und suchte, ich fluchte und fluchte. Der Allesfresser im Büro ist meinem Karma nicht eben förderlich.

Natürlich bin ich selber schuld. Das ist ja das Schizophrene. Regelrecht hörig scheine ich dem Teil zu sein. Wohlwissend, dass sich das sorglose Hineinschmeissen rächen wird, tue ich es wieder und wieder. Seit Jahren. Oder genauer: Seit mir am ersten Tag meiner Lehre mit auf den Weg gegeben wurde, ein Arbeitsplatz habe abends aufgeräumt zu sein. Daran halte ich mich bis heute. Nur schmeisse ich idiotischerweise alles ohne Konzept in den Müllschlucker unter dem Pult. Mehr Schein als Sein: Diese Prämisse lässt sich bei meinem (Un)Ordnungssystem nicht verleumden. Und dafür ist die vermaledeite Schublade beste Komplizin. Wie ich sie doch liebe! Sie ist so unendlich praktisch. Zumindest im ersten Moment.

Willisauer Bote (WB), 25. April 2014
© David Koller, 2014

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