Kulturgut Computerspiel

Für den «Willisauer Bote» besuchte David Koller ein Startup, das Computerspiele entwickelt.

Spielend zu Jungunternehmern geworden

Langnau Jasmin Widmer studierte Gamedesign. Mit vier Kollegen aus der Abschlussklasse hat sie ein Unternehmen gegründet, das Computerspiele produziert. Das Erstlingswerk wurde mittlerweile über 50 000 Mal verkauft.

Küchenschaben. Pfui Spinne! Jim und Bud sind zwei dieser Gestalten, die in unseren Breitengraden nicht eben mit überschwänglicher Sympathie rechnen dürfen. Die beiden Krabbeltiere sind die Protagonisten des Computerspiels «Journey of a Roach» (Die Reise einer Kakerlake), entstanden im Oltner Entwicklerstudio Koboldgames. Warum um alles in der Welt Kakerlaken? «Sie sind eine erfrischende Abwechslung zu den 08/15-Helden anderer Computerspiele», sagt Jasmin Widmer (26). Die gebürtige Langnauerin ist eine der fünf Köpfe und Inhaber des Jungunternehmens.

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Die beiden Kakerlaken Jim (links) und Bud sind die Protagonisten von «Journey of a Roach». (zvg)

Gamedesign statt Archäologie

Als Kantischülerin wollte sie Archäologin werden. Statt mit alten Gemäuern befasst sich Jasmin Widmer heute mit virtuellen Räumen. «Ich habe immer gerne gezeichnet.» Deswegen besuchte sie nach der Matura in Basel den Vorkurs der Hochschule für Gestaltung und Kunst. Dort wurde sie auf ein anderes Angebot aufmerksam: Gamedesign an der Zürcher Hochschule der Künste. Sie schrieb sich ein und begann ihr Studium. Ein Entscheid mit positiven Auswirkungen. Denn alle ihre heutigen Geschäftspartner waren in der gleichen Abschlussklasse: Binan Woll, Mischa Geiser, Yasemin Günay und Ralf Mauerhofer.

Das Studium schafft Generalisten. «Wir lernten alles: Vom Programmieren bis zum Storytelling», sagt Jasmin Widmer. Jeder habe aber seine Vorlieben. Bei ihr sei es das Gestalten. In «Journey of a Roach» war sie für sämtliche Hintergründe und nicht beweglichen Objekte verantwortlich. «Ich könnte auch programmieren. Aber bei den anderen geht das schneller.» Bei Koboldgames übernehmen diese Aufgabe vorab die Männer. Yasemin Günay ist für die Sprache sowie Soundelemente zuständig, Binan Woll entwickelte Filmsequenzen und Charaktere.

Postapokalyptisches Familienspiel

Willkommen in der postapokalyptischen Welt von Jim und Bud. Die Erde wurde von einer nuklearen Katastrophe heimgesucht, sämtliches Leben ist dahingerafft. Einzig die Küchenschaben sind noch da. «Von Kakerlaken heisst es, sie würden alles überleben, selbst einen atomaren Krieg», sagt Jasmin Widmer. Deswegen habe man sich für die Tiere entschieden. Denn: «Trotz aller Gefahren können Jim und Bud nicht sterben.» Das Spiel enthalte «viel dunklen Humor und tödlichen Slapstick». Wichtig war den Entwicklern, dass sich die Spieler nie um das Leben der Kakerlaken sorgen müssen, «sonst ginge der Witz verloren».

Trotz des düsteren Szenarios sind die Kakerlaken-Abenteuer kein Endzeitgame im klassischen Sinn. Vielmehr betrachtet das Team von Koboldgames sein Werk als Familienspiel. Tatsächlich ist es für Kinder ab sechs Jahren freigegeben. Denn Jim und Bud sind zwar Schaben, aber sehr putzige. Man muss die zwei süssen Kerle mit ihren grossen Augen einfach mögen. Und genau das war ein erklärtes Ziel der Entwickler.

15 Quadratmeter für fünf Personen

Eines kann man Jasmin Widmer und ihren Kollegen sicher nicht vorwerfen: Grössenwahn. Die fünf arbeiten in einem Raum von gerade einmal 15 Quadratmetern – er ist quasi die Antithese zum branchenüblichen Grossraumbüro. Doch abgesehen vom Kleinstdomizil und dem eher unorthodoxen Namen ist Koboldgames ein ziemlich normales Start­up. Dessen Sitz befindet sich in einem biederen Einfamilienhausquartier. Die Wahl erfolgte aus gut schweizerischem Kompromiss: «Olten liegt in der Mitte unserer Wohnorte», sagt Ralf Mauerhofer. Er wohnt in Bern, Yasemin Günay pendelt von Basel nach Olten, Binan Woll kommt aus Winterthur und Mischa Geiser lebt in Zürich. Den kürzesten Arbeitsweg hat Jasmin Widmer. Sie wohnt direkt über dem Büro.

DSC_0005Setzt in kleinem Büro grosse Ideen um: Das Team von Koboldgames (von links): Jasmin Widmer, Yasemin Günay, Mischa Geiser und Ralf Mauerhofer. Es fehlt: Binan Woll. (Foto David Koller)

Auch sonst unterscheidet sich das Startup nicht gross von anderen. Die Rechtsform ist eine GmbH; wie viele Ihresgleichen hatten die fünf Jungunternehmer zu Beginn Probleme, Geldgeber zu finden; wie so viele mussten sie lernen, zwischen Arbeit und Freizeit zu unterscheiden. «Früher haben wir regelmässig weit in die Nacht hinein getüftelt», sagt Jasmin Widmer. Das kommt heute immer noch vor, aber seltener. «Meistens dann, wenn der Ablieferungstermin eines Produkts vor der Tür steht.»

Die drei Standbeine des Startups

Das Entwickeln eigener Computerspiele ist eines von drei Standbeinen. Die beiden anderen: Das Unternehmen programmiert Games im Auftrag Dritter – etwa für den Internetauftritt einer Firma. «Zudem haben wir einen Spielprototypen entwickelt, der Menschen mit Körperprothesen die Rehabilitation spielerisch erleichtern soll», nennt Jasmin Widmer ein weiteres Beispiel. Hierzu hat Koboldgames mit der ETH Zürich zusammengearbeitet. Drittes Standbein ist das Coaching bei der Entwicklung von Spielen. Diese breite Abstützung helfe, die Entwicklungskosten für eigene Projekte zu finanzieren. Denn die sind hoch. An «Journey of a Roach» arbeitete das Team rund zwei Jahre. Jasmin Widmer schätzt die Kosten auf 500 000 Franken. Den Löwenanteil dieses Betrages machen die – theoretischen – Löhne aus, «auf die wir oft verzichteten». Auch das ein typisches Startup-Merkmal.

Für das Kakerlaken-Abenteuer haben die fünf einen prominenten Partner gefunden. Den deutschen Spiele-Publisher Deadalic. Er übernimmt den Vertrieb. «Das Vorgehen ist vergleichbar mit jenem im Literaturbetrieb», erklärt Ralf Mauerhofer. «Ein Autor schreibt das Buch, ein Verlag übernimmt den Vertrieb.» Eine Zusammenarbeit, die sich für Koboldgames lohnt. Mittlerweile wurde der Erstling über 50 000 Mal verkauft – auf allen Kontinenten. Unter anderem gibt es eine russische, arabische und chinesische Sprachversion.

Kulturgut Computerspiel

Basse Jungs mit dunkeln Ringen unter den Augen, die in muffligen Räumen nächtelang Ballergames spielen: So sieht ein verbreitetes Klischee aus. Die Inhaber von Koboldgames wehren sich dagegen. «Vergessen wir nicht, dass der durchschnittliche Konsument von Computerspielen 40 Jahre alt und weiblich ist», sagt Ralf Mauerhofer. In diesem Wert sind sämtliche Anwendungen berücksichtigt, beispielsweise auch die Jass-App auf dem Smartphone.

Waren die Mitglieder von Kobold-games als Halbwüchsige zurückgezogene Gamer, um gleich noch ein Klischee zu bemühen? «Ich war eher ein stilles Kind», sagt Jasmin Widmer. «Aber genauso wie meine Rückzuge genoss ich es, mit den anderen im Quartier und im Langnauer Wald zu spielen.» Yasemin Günay ergänzt: «Wir alle haben früh begonnen, Spiele abzuändern. Sowohl draussen als auch im Wohnzimmer.» Ralf Mauerhofer untermauert: «Beim Monopoly beispielsweise habe ich neue Chance- und Kanzlei-Karten erfunden.»

Doch genug der Vorurteile. Denn Computerspiele sind auch ein Kulturgut. Dieser Meinung sind zumindest «Pro Helvetia» und die «Suisa». In Zusammenarbeit mit dem «Neuchâtel International Fantastic Film Festival» haben sie im vergangenen Juli junge Schweizer Game­designer ausgezeichnet. Von 43 eingereichten Projekten hat die Jury sieben ausgewählt und mit einem Preisgeld von total 150 000 Franken gefördert. Zu den Gewinnern gehörte auch «Journey of a Roach». Offenbar haben die Kulturförderer die beiden Kakerlaken Jim und Bud ebenfalls ins Herz geschlossen.

Willisauer Bote (WB), 9. Mai 2014
© David Koller, 2014

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