Aus dem gebeutelten Zweistromland

Im Rahmen der Luzerner Aktionswoche Asyl hat David Koller für den «Willisauer Bote» eine Flüchtlingsfamilie aus dem Irak besucht.

Angekommen und doch nicht zu Hause

Egolzwil Im Jahr 2010 hat die irakische Familie Aliedani in der Schweiz Asyl beantragt. Heute ist sie vorläufig aufgenommen. Sie führt ein Leben in Ungewissheit.

«Es war schwierig», sagt Herr Aliedani. «Aber im Vergleich zu dem, was andere erlebt haben, war es nicht so schlimm.» Die Rede ist von der Flucht seiner fünfköpfigen Familie aus dem kriegsversehrten Irak. Am 14. Juli 2010 verlies­sen sie ihre Heimatstadt Basra. Am 27. Juli kamen sie in der Schweiz an. Der beschwerlichste Abschnitt war die Reise von der Türkei nach Frankreich. Fünfeinhalb Tage dauerte die Fahrt im dunklen und stickigen Laderaum eines Lastwagens. «Immerhin hatten wir Essen und Trinken», sagt Frau Aliedani. Unangenehm war es dennoch. Vor allem, weil die Jüngste – damals noch kein Jahr alt – krank war. «Wir hatten zu wenig Wasser und keine Milch.» Heute noch bekomme sie es mit der Angst zu tun, wenn sie daran denke, sagt die Mutter.

Weniger schlimm war die Einreise in die Schweiz. Regelrecht unspektakulär gar. «Wir kamen mit dem Zug über die Grenze und wollten am Polizeiposten des Bahnhofs Genf Asyl beantragen», erinnert sich Herr Aliedani. Indes habe sich dort niemand für sie zuständig gefühlt. Immerhin aber habe ihnen ein Beamter gesagt, sie müssten sich bei einem Flüchtlingszentrum melden.

DSC_0001Die Familie Aliedani auf dem Balkon ihrer Wohnung. Die ältere Tochter fehlt, sie war während des Fototermins in der Musikschule. (David Koller)

Einziger Wunsch: friedliches Land

Jetzt, bald vier Jahre später, sitzen sie im Wohnzimmer ihrer Wohnung in Egolzwil. Im Hintergrund läuft der Fernseher, Nadal und Murray fechten eine Hitzeschlacht aus. Nur zwei Bedingungen hat Herr Aliedani an den WB-Reporter. Er möchte nicht, dass die Vornamen der Familienangehörigen in der Zeitung erscheinen. Und der Betrag soll nicht öffentlich werden, den Schlepper für den Transport der Familie kassierten. Viel Geld wars. Aber sie seien fair behandelt worden. Weder misshandelt noch bestohlen oder gar gekidnappt. All das kommt vor, in der mafiös organisierten Welt der Menschenschmuggler. Die Reise ins vermeintlich gelobte Land birgt viele Risiken. Das erfährt auch Europa regelmässig. Dann, wenn vor Lampedusa wieder ein Boot mit Flüchtlingen verschwunden ist. «Das Mittelmeer ist Geburtsstätte Europas und mittlerweile Schauplatz seines grössten Versagens», schrieb unlängst das «Zeit-Magazin» so treffend.

Dieses Risiko hat die Familie nicht auf sich genommen. Statt über das Meer fuhr sie um es herum. Doch auch der Landweg ist beschwerlich und endet mitunter tödlich. Bei den Aliedanis lief es relativ glatt. «In Frankreich hat uns der Chauffeur an einer Strasse ausgeladen, an der viele Araber wohnen.» Als Herr Aliedani sagte, sie wollten in ein ruhiges und friedliches Land, habe man ihnen die Schweiz empfohlen.

Gebeuteltes Zweistromland

Brennpunkt Irak. Fast täglich berichten die Nachrichtenagenturen über verheerende Anschläge. Diese Woche fiel die zweitgrösste Stadt des Landes, Mosul, in die Hände von Extremisten. Drei blutige Kriege binnen drei Jahrzehnten mussten die Irakerinnen und Iraker ertragen. Vor mehr als zehn Jahren wurde der Despot Saddam Hussein entmachtet. Auch wenn offiziell kein Krieg mehr herrscht, von Frieden ist das Zweistromland weit entfernt. Sicher fühlen darf sich kaum jemand. Im Gegenteil: «Im Krieg wusstest du, von wem die Gefahr ausgeht», sagt Herr Aliedani. Nun laure sie überall. Versteckt. Auch jetzt, in der sicheren Schweiz, ist der Terror in der Heimat ein dauernder Begleiter. Täglich informieren sie sich über die Lage. «Wir getrauen uns kaum, Verwandte anzurufen», sagt Frau Aliedani. In der steten Angst, dass wieder jemand ums Leben gekommen ist.

Trotz dieser schwierigen Situation ist der Irak nicht mehr das Land, aus dem die meisten Flüchtlinge in der Schweiz Asyl beantragen. Ende April befanden sich laut offizieller Statistik 2022 Menschen aus dem Zweistromland in einem Verfahren. Aus dem ebenfalls bürgerkriegsgeplagten Syrien waren es deutlich mehr: 5768.

Vom Taxifahrer zum Flüchtling

Von der Westschweiz über Kreuzlingen kamen sie in den Kanton Luzern. Seit Januar 2011 lebt die Familie in Egolzwil. Hier versucht sie, ein normales Leben zu führen: Der Sohn spielt mit den Nachbarskindern Fussball. Er ist Fan von Portugal und Cristiano Ronaldo. Die ältere Tochter wiederum ist in der Musikschule. Die Familie scheint angekommen zu sein. Zu Hause ist sie trotzdem nicht.

Die Aliedanis sind Schiiten. In Basra verdiente der Vater sein Geld als Taxifahrer. Daneben betrieb er ein kleines Handelsgeschäft. «Wir hatten nie vor, wegzugehen», sagt er. Im Gegenteil. Er konnte sich nicht mal vorstellen, je seine Heimatstadt zu verlassen. Doch irgendwann war das Fass voll. Nachdem die Familie wieder knapp einem Bombenanschlag entgangen war, entschieden sich die Eltern, zu gehen. «Wegen der Kinder.» Innerhalb von nur zwei Monaten waren alle Zelte abgebrochen.

Ihr tägliches Dilemma

Würden sie wieder in die Schweiz kommen? «Ja», sagt Frau Aliedani ohne zu zögern. Ihr Ehemann widerspricht. «Hier gibt es die besten Schulen der Welt, das stimmt. Aber es gibt auch diese Ungewissheit.» Denn sobald sich die Lage in der Heimat etwas verbessert habe, müssten sie gehen, dessen seien sie sich bewusst. Zwar haben sie wenig Hoffnung auf eine baldige Beruhigung im Irak. Dennoch schwebt das Damoklesschwert der drohenden Rückkehr über ihren Köpfen. F-Bewilligung. Vorläufig aufgenommen. Auch die Stellensuche sei mit diesem Status schwierig, sagt Herr Aliedani.

Ihr tägliches Dilemma: Sie hoffen auf eine Befriedung des Irak und fürchten sich gleichzeitig davor. Denn die Kinder hätten sich an das neue Land gewöhnt. «Unser Sohn spricht besser deutsch, als er seine Mutterspache beherrscht.» Auch den Eltern gefällt es hier. «Alle sind nett zu uns», sagt Frau Aliedani. Angesprochen darauf, dass viele Schweizer die Zahl der Migranten einschränken wollen, antwortet Herr Aliedani: «Gewisse Regeln muss es geben, sonst kommen alle. Aber die Gesetze sind zu streng.» Ein Mittelweg sei nötig, findet er. Dann bricht er ab. Nun sei genug gearbeitet, verkündet er lächelnd. Seine Frau reicht hausgemachte Baklava und stark gesüssten Schwarztee. Gastfreundschaft als Dank für die Gastfreundschaft in der Schweiz.

Willisauer Bote (WB), 13. Juni 2014
© David Koller, 2014

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