Auch die beste Idee leiert sich aus

Kurzfristig sprang David Koller ein, als sich auf der WB-Redaktion ein «Carte Blanche»-Engpass ergab. Lange nach einem Thema suchen musste er nicht. Er schrieb über die derzeit in den Medien grassierende Mode, aus jedem Skandal ein -gate zu machen.

watergate-1977Hier nahm das Übel seinen Lauf: Der Watergate-Gebäudekomplex in Washington ist Namensgeber für so manches Skandälchen.

Kreisel-, Biber- und Pianogate

Im Bundeshaus lässt eine Sekretärin die Hüllen fallen und fotografiert sich dabei. Wir haben ein Selfiegate. Vom Badener Stadthaus aus will ein mittelalterlicher Politiker eine Frau beglücken, indem er seine Körpermitte ablichtet. Wir haben ein Gerigate. In Italien vergnügt sich ein machtgeiler seniler Politiker mit einer Frau, die halb so alt ist wie die vom Badener Stadthaus aus Beglückte. Wir haben ein Rubygate. Im Aargau helfen zwei Kantonspolizisten einer verletzten Katze nicht. Wir haben ein Büsigate.

Es gibt gute und schlechte Wortkreationen. Das gate zur Benennung von Ungereimtheiten ist definitiv eine gute. Doch irgendwann ist auch die beste Idee ausgeleiert. Ihren Ursprung hatte sie in der , die 1974 zum Rücktritt des amerikanischen Präsidenten führte. Dessen Helfer waren in einen Gebäudekomplex namens Watergate eingebrochen, dem Hauptsitz der politischen Gegner. Seither dient der Zusatz -gate, um einen Skandal zu markieren. Richtig in Fahrt kam die Wortspielerei 2004, als Popstar Justin Timberlake ungewollt die Brust seiner Gesangspartnerin Janet Jackson entblösste. Dumm war, dass dies in der Halbzeitpause des Superbowls geschah, dem amerikanischen Sport-Grossereignis schlechthin. Die halbe Nation schaute zu. Nipplegate sorgte in den puritanisch-prüden USA für rote Köpfe und absurd hohe Bussen.

Wir vom WB sind Gott sei Dank resistent geblieben, gegen die neudeutsche Gate-Manie. Wir schreiben nicht von einem Kreiselgate, wenn in Altishofen ein Bauwerk 75 000 Franken teurer wird als geplant. Auch ist nicht die Rede vom Funklochgate, wenn in Ebersecken Handys stumm blieben. Fliesst mal wieder Jauche in einen Bach, ist bei uns nichts von einem Güllengate zu lesen. Ein überfahrenes Nagetier führt nicht zum Biber- und der umstrittene schwarz-weisse Bodenbelag in Willisaus Städtli nicht zum Pianogate. Schreibt der Kanton erneut rote Zahlen, sucht man bei uns die Wortkreation Schwerzmanngate ebenfalls vergebens.

All das ist gut so. Sicher bin ich nicht der Einzige mit einer veritablen Gate-Allergie. Im Namen aller Geschädigten rufe ich deswegen – für einmal auf Bern- statt auf Neudeutsch: «Fertig jetzt! Es gate üs uf d’Närve.»

Willisauer Bote (WB), 22. August 2014
© David Koller, 2014

4 comments

  1. Das Froilein

    Und was passiert mit Worten wie Gatte, begatten oder Gatter? Werden die aus dem alltäglichen Sprachgebrauch verbannt?

    Wie immer fragend, das Froilein

    • Das Froilein

      … sagte der Tattergreis mit erhobenem Zeigefinger, nahm seinen Stock und humpelte von dannen.

      Das Froilein würde eher auf das Wort Gatte verzichten. Das ist weder unanständig noch fragwürdig, dennoch aus der Mode gekommen, sprich: veraltet.

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