Plädoyer für die Geisteswissenschaften

Zweifelsohne ist die «NZZ am Sonntag» die Schweizer Sonntagszeitung mit dem meisten Tiefgang. Das hat sie dieses Wochenende wieder einmal bewiesen, mit einem klugen Kommentar von Chefredaktor Felix E. Müller.

Dessen Plädoyer für die Geisteswissenschaften ist ein Gegenentwurf zum derzeit angesagten Ruf nach mehr Ingenieuren und Ärzten. Dass solche fehlen, ist nicht von der Hand zu weisen. Genauso unbestritten ist, dass die Berufslehre ein Erfolgsmodell ist, das keinesfalls verdrängt werden darf. Aber: Auch die Ausbildung von Geisteswissenschaftern hat ihre Berechtigung. Mitnichten ist sie grundsätzlich sinn- oder gar nutzlos, wie dies mitunter postuliert wird.

Zu Recht schreibt Müller:

Weniger Studenten und mehr Lehrlinge, weniger Historiker und mehr Ingenieure: Solche Forderungen werden derzeit von Politikern erhoben, die für nützliche Ausbildungsgänge plädieren. Sie unterliegen dem Irrtum, es gebe in der Bildung überhaupt Unnützes.

Ferner bringt er auf den Punkt, was die Ausbildung zum Geisteswissenschafter auszeichnet:

Ob als Psychologe oder Islamwissenschafter: Ein Student lernt im Rahmen seiner Ausbildung strukturiert und analytisch zu denken, Zusammenhänge zu erkennen, Fakten in einen Kontext einzuordnen, Hypothesen zu falsifizieren, historische Bezüge zu sehen.

Genau diese Tatsache übersehen die vermeintlichen Experten an den Stammtischen und in den Parlamenten – ob absichtlich oder schlicht aus mangelndem Wissen, sei dahingestellt.

In das für die NZZ leider unumgängliche Loblied auf den Liberalismus mögen wir zwar nicht einstimmen, ansonsten aber geben wir Felix E. Müller in allen Belangen recht.

Seinen ganzen Kommentar gibt es hier.

3 comments

  1. Das Froilein

    Ach, wieder mal eine hübsche Statistik. Diesmal ein Gezerre auf höherem Bildungsniveau. Akademiker gegen Akademiker. Wer wann wo und vor allem wer zu viel.
    Felix E. Müller scheint zu vergessen, dass auch bildungsfremde Idioten wie ich und meinesgleichen (Berufslehre halt) die NZZ lesen und besagter oben stehender Artikel einem dann doch ein bisschen sauer aufstösst. Ich stelle in Frage ob es nur Studenten vorbehalten ist, strukturiert und analytisch zu denken, gar Zusammenhänge zu erkennen und Fakten in einen Kontext einzuordnen. Muss man an eine Uni um das zu können? Oder anders gefragt: sollte man solche Kompetenzen nicht schon mitbringen, statt sie an einer Uni gelehrt zu bekommen?
    Zu bezweifeln ist, dass ein Politologe fähig wäre ein Altersheim zu führen. Wer nie Kotze und Scheisse wegputzen musste, wer keine Ahnung von Demenz und Sterbebegleitung hat, wer nie einem alten Menschen essen eingeben musste, weiss nicht, was und wen er führt. Solche Aussagen sind nicht nur überheblich und selbstgefällig. Sie sind meines Erachtens gefährlich.

    • Herr Koller
      Herr Koller

      Also wirklich, wertes Frolein!

      Da tun sie dem guten Herr Müller aber Unrecht an. Wir verstehen den Kommentar nicht als Beitrag zur Debatte Berufslehre vs. Studium, sondern um einen Appell dafür, die Geisteswissenschaften nicht per se zu verteufeln.

      Selbstverständlich ist diese Diskussion jener über die Steigerung der Attraktivität der Berufslehre unterzuordnen. Denn die Lehre ist erfolgreich und bewährt. Das soll sie auch bleiben.

      Aber wenn sich jemand entscheidet, an die Uni zu gehen, dann soll er oder sie auch etwas Schöngeistiges studieren können. Das ohne permanentes schlechtes Gewissen, dem Staat mit dieser Wahl nur Kosten zu verursachen und keinen Ertrag.

  2. Das Froilein

    Natürlich hab ich verstanden, dass es nicht um die Debatte Berufslehre vs. Studium geht und ich verteufle die Geisteswissenschaften sicher nicht per se.
    Von mir aus kann jeder studieren, wonach ihm oder ihr der Sinn steht, ohne Zweifel. Hier zu behaupten, dass Geisteswissenschafter, egal ob Psycho- oder Islamologe, überall an der Spitze einsetzbar seien und es eigentlich gar nicht so wichtig sei, welche Studienrichtung sie anstreben würden, kommt mir – sorry – nach wie vor bescheuert vor. Da schreit man jahrelang nach Fachexpertise und auf einmal wird wieder generalisiert? Nur weil die Gesellschaft Geisteswissenschaften verpönt?

    Und: wer mit einem schlechten Gewissen an eine Uni geht, hat sich entweder für den falschen Studiengang entschieden oder ist noch nicht reif genug, der allgemein gültigen Ansicht des Volkes oder des Staates, „man läge ihm nur auf der Tasche“, die Stirn zu bieten.

    Oder sind wir wirklich so weit, dass wir uns nur darüber definieren, wer oder wie wichtig wir sind? Anstatt über unsere Taten? Wo bleibt bei diesem Plädoyer die Menschlichkeit?

    Wer weiss, gut möglich, dass mir bei dieser Unterhaltung die Eigenschaft abgeht, Hypothesen zu falsifizieren oder Zusammenhänge zu erkennen. Wurde mir leider nie beigebracht. War halt so eine Learning by doing-Sache.

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