Doppelseite des Grauens

In seiner neusten «Carte Blanche» lästert David Koller über die Jet-Set-Lady Vera Dillier und ihren jungen Freund, vor allem aber über die Boulevardzeitung, die der Nation Artikel mit solchen Inhalten zumutet:

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Doppeladler, Mist und Frauenquote

Direkt über meinem Bildschirm hängen die beiden. Er, ein blonder Adonis mit muskulösen Armen und viel Haar auf Brust und Kopf. Sein Aussehen gemahnt an jenes von Titelhelden billiger Groschenromane, wie sie an Kiosken feil geboten werden. Sie steht vor ihm, auch ihr Oberkörper komplett entblöst. Die Hände des Jünglings bedecken ihre bare Brust. Auf ihrem Gesicht eine Art Lächeln – es kann auch als drohendes Fletschen interpretiert werden. Die Jet-Set-Lady Vera Dillier und ihr Liebhaber, das Ex-Model Josef (29) aus Tschechien. «Mein Alter wird er nie erfahren!», steht in dicken Lettern über dem zweiseitigen Artikel, mit dem das Boulevardblatt der Nation vor gut einem Monat an einem Sonntag die Schweiz erschreckte – inklusive Details aus dem Schlafzimmer. Auch wir von der WB-Redaktion waren belustigt und angewidert zugleich.

Längst haben die meisten die Geschichte vergessen. Ich nicht. Denn mich traf das Los der Teilzeitarbeitenden: Als ich eines Morgens ins Büro kam, hing sie dort, die Doppelseite des Grauens. Ein «Geschenk» der Arbeitskollegen. Wieder und wieder bleibt mein Blick seither daran hängen. Ich versuche, das Bild vor dem inneren Auge zu verschönern, indem ich die Dillier in ein mit Edelweissen verziertes Hemd stecke; ihren um Jahrzehnte jüngeren Toyboy in eine Doppelkopf-Adler-Flagge hülle. Immerhin gehörte seine Heimat einst zur Habsburgermonarchie, deren Wappen ein solches Tier schmückte. Dann wieder lenke ich mich mit der Frage ab, was denn das für eine Berufsbezeichnung ist – Jet-Set-Lady. Auch überlege ich mir, ob diese Profession in Zeiten wieder zur ernsthaften Option wird, in denen Frauenorganisationen gewisser Parteien eine Regierung ohne weibliche Beteiligung als annehmbar betrachten.

Ferner sinniere ich, warum es solcher Schwachsinn in den «Blick» schafft – genauso wie Tierfäkalien vor Willisauer Geschäftseingängen oder kindische Streitereien von hiesigen Schülern. Fürwahr, der Boulevard tickt anders. Uns Lokaljournalisten – mit Mist an den Schuhen, nicht im Blatt – wird er ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Letztlich entscheide ich mich zum längst überfälligen Schritt. Ob geschenkt oder nicht: Das Presseerzeugnis wandert dorthin, wo es hingehört. In den Papierkorb.

Willisauer Bote (WB), 17. April 2015
© David Koller, 2015

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