Dann, wenns am schönsten ist

Am 2. August 2006 hatte David Koller seinen ersten Arbeitstag beim «Willisauer Bote». Am 29. Juni 2015 fährt er zum letzten Mal in die Redaktion. Die Abschieds-«Carte Blanche» nach fast neuen Jahren, das stimmt schon ein bisschen wehmütig.

Koller nutzt die Zeilen, um reinen Tisch zu machen:

Mein Schock-Geständnis

Letzten Oktober veröffentlichte der WB zu einem Text über eine Braunviehschau ein Bild, das graue Kühe zeigte. Agrarjournalistischer Supergau! Ich gestehe: Gewachsen ist dieser kapitale Bock auf meinem Mist. Er sorgte für harsche Reaktionen. Ebenfalls keine Begeisterungsstürme löste aus, als ich 2006 in der Reportage über eine kulinarische Wanderung von «Völlerei am Bettag» geschrieben hatte. Todsünde! Das eine geschah aus mangelnder Konzentration, das andere aus jugendlichem Leichtsinn. Es sind zwei Dinge, über die ich mit Blick zurück schmunzle. Nicht mehr ums Lachen indes war mir in den Tagen um die Bluttat in Menznau. Zwar gaben wir vom Böttu alles, um Pietät zu wahren. Dennoch schämte ich mich aufrichtig für unsere Branche. Gewisse Journalisten benahmen sich fürchterlich. Jener Jungspund etwa, der einem davonfahrenden Leichenwagen nachspurtete, um ein «gutes» Foto zu schiessen. Unausstehlich!

Das war der Tiefpunkt. Fast immer aber hatte ich es toll beim WB. Vor allem wegen des Teams. Grosse Journalisten mit kleinen Marotten. So habe ich die Metamorphose eines Schreibers vom Raucher zum nikotinfreien Sportfanatiker zum Raucher miterlebt. Ein anderer kann offensichtlich nicht auf dem Bildschirm lesen und druckt deswegen jede Lappalie aus – sein Papierverbrauch ist absurd hoch. Handkehrum mutierte er quasi über Nacht zum Vegetarier, vielleicht will er damit seine miese CO2-Bilanz polieren. Eine Kollegin wiederum versucht jeden Mittag mit viel Lärm eine zerknüllte Serviette in den Abfalleimer zu werfen. Die Trefferquote der ehemaligen Handballerin liegt bei gefühlten 0,2 Prozent. Einer singt lauthals und klatscht dazu, wenn er mit der Arbeit durch ist. Wieder ein anderer hält sich mal für einen Brasilianer, mal für einen Italiener und schliesslich für einen Basler.

 Ein schmaler Grat trennt Genie und Wahnsinn. Wer beim WB tätig ist, muss offenbar ein bisschen spinnen. Vermutlich habe ich mich deswegen stets so wohl gefühlt. Dennoch ziehe ich jetzt den Schlussstrich. Nach neun Jahren in den heiligen Hallen am Willisauer Viehmarkt wechsle ich in die Kommunikation. Ein bisschen traurig ist das durchaus. Doch gehen soll man bekanntlich dann, wenns am schönsten ist. Und endlich bin ich nun eine Last los. Die dunkle Wahrheit über die grauen Kühe.

Willisauer Bote (WB), 26. Juni 2015
© David Koller, 2015

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