Der Polizeier und die Flagge

Nach all der Kurzkost der letzten Wochen mal wieder ein wunderbar langer Text: David Kollers Portrait des ehemaligen Amtswachtmeisters Josef Bussmann, so erschienen in der «Seetaler Brattig 2016». Diese ist seit Ende Oktober erhältlich.

«Manchmal erzählten sie mir mehr als dem Pfarrer»

Aus dem Leben des früheren Hochdorfer Amtswachtmeisters Josef Bussmann (1923–2015)

Er träumte davon, einen Landwirtschaftsbetrieb zu leiten. Es kam anders. Josef Bussmann wurde Polizist. Seine Karriere beendete er als Amtswachtmeister in Hochdorf. Ein Blick auf Polizeiarbeit, wie man sie sich heute nur noch schwer vorstellen kann.

Oft wehte sie nicht im Wind, die weisse Flagge. «Es war Brauch, eine Fahne zu hissen, wenn keine Zelle besetzt war», sagt Josef Bussmann. Den Ursprung dieser Tradition kennt er nicht. Er übernahm sie, als er 1970 die Stelle als Amtswachtmeister in Hochdorf antrat – eine Position, die mit jener des heutigen Chefs der Polizeiregion vergleichbar ist. Doch eben, oft hissen konnte Busmann das Tuch nicht. Meist lebten er und seine Familie nicht alleine im Amtshaus, sondern zusammen mit Gefangenen.

Kurz vor Pensionierung Kopie
Josef Bussmann im letzten Jahr vor seiner Pensionierung.

Acht Zellen befanden sich auf der Etage, auf welcher der Amtswachmeister wohnte. Zwei im Keller, «für die Bösen», wie Josef Bussmann sagt. Rund 2000 Einträge hat das Arrestantenbuch, in das er alle Inhaftierten eintrug. Mit Datum von Ein- und Austritt sowie dem Grund des Aufenthalts. «Rund die Hälfte sass wegen Alkohol oder dessen Folgen», analysiert Bussmann. «Ein Viertel wegen Rauschgift, der Rest wegen ‹Allgemeinem›.» Ins Amtsgefängnis kamen Personen in Untersuchungshaft, Verurteilte mit einer kurzen Haftstrafe – eine bis drei Wochen –, sowie Jugendliche.

Zu Gast an der Kannenbühlstrasse in Hochdorf. Hierhin zogen Josef und Klara Bussmann nach seiner Pensionierung im Jahr 1988. Ein gut eingespieltes Team ist das Ehepaar – beide haben den 90. Geburtstag hinter sich. Er erzählt, sie hört zu, ergänzt dann und wann.

In den Halbschuhen an die Sportprüfung

«Was hesch bosget?», wollte sein Chef wissen, als ein Polizist auftauchte und nach dem Bussmann fragte. Der Beamte freilich war gekommen, um den Leumund des Angestellten zu prüfen. Denn Josef Bussmann – damals arbeitete er auf einem landwirtschaftlichen Betrieb im Kanton Nidwalden – hatte sich für die Polizeischule beworben. Der Kommentar des Chefs: «Du spennsch!»

Gesetzeshüter war nicht primäres Berufsziel Bussmanns. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen auf einem kleinen Bauernhof im Willisauer Unterfeldli, wollte er Landwirt werden. Im Wallis absolvierte er die Winterschule. Später kam er nach Nidwalden, verdiente sein Brot in der Landwirtschaft und absolvierte die Handelsschule. Denn er hatte ein klares Ziel: «Ich wollte Gutsleiter in einem grossen Betrieb werden.» Doch dann sah er im «Vaterland», dass «sie Polizeirekruten suchten». Obwohl das nicht seinem Ziel entsprach, bewarb er sich – vorab, «weil dieser Beruf zu meinem Gerechtigkeitsempfinden passte». All zu Ernst nahm er es nicht, vergass seine Bewerbung fast. Bis der Uniformierte auftauchte und sich über ihn erkundigte.

Zu seinem Erstaunen wurde er zur Sportprüfung aufgeboten. «Ich hatte nicht mal ein Turnzeug. Wozu auch? Ich war Bauer, hatte meine Bewegung, war am Abend auch so müde.» Mit langen Hosen und Halbschuhen trat er den Test auf der Luzerner Allmend an. Die anderen lachten. Zu unrecht. Bussmann – jung und kräftig – positionierte sich im vordersten Drittel. Dann das Aufgebot zur theoretischen Prüfung. Davor hatte er Respekt. Denn weil die Mittel zu Hause knapp waren, hatte ihn sein Vater nach sechseinhalb Jahren von der Schule genommen – er brauchte eine Arbeitskraft auf dem Hof. «Dies, obwohl mich die Lehrer an die Sekundarschule schicken wollten.» Die Bedenken waren unbegründet, er bestand auch die theoretische Prüfung. Am 15. Januar 1951 rückte Josef Bussmann in die Polizeischule in der alten Kaserne Luzern ein. Nun war es Realität: «Ich in Uniform.» Er wurde zum, wie er es nennt, Polizeier.

Sporttest Kopie
Josef Bussmann, rechts, an einer weiteren Sportprüfung. Dieses Mal mit Turn- statt Halbschuhen.

Unterwegs mit dem Velo

Nach Abschluss der Ausbildung im November 1951 gings auf die Luzerner Hauptwache. Dort gefiel es ihm nicht. Zurück aufs Land wollte er. Wohin, war egal. «Einfach nicht ins Entlebuch.» Dann das Aufgebot: Schüpfheim. Pech gehabt. Doch entgegen seiner Befürchtungen gefiel es ihm im Amtshauptort der Talschaft. Nach drei Jahren indes stand abermals ein Umzug an, noch tiefer hinein ins Entlebuch, nach Escholzmatt. Darüber freuten sich die Bussmanns nicht sonderlich. Denn die Leute dort seien von «rauer Natur», fanden sie. Nach der Dislozierung habe man das Gefühl gehabt, «100 Kilometer von Schüpfheim entfernt zu leben». Dennoch: auch in Escholzmatt fühlten sie sich nach Anfangsschwierigkeiten wohl. «Trotz manchmal lästiger Kundschaft hatten wir es wunderbar, hier wurden unsere Kinder geboren.» 1960 gründete der Landjäger zudem die Guuggenmusik mit.

Den Polizeiposten führte er alleine. Im Gegensatz zu Schüpfheim stand hier auch kein Auto zur Verfügung. Notgedrungen war er mit dem Velo unterwegs – auf dem Gepäckträger die Mappe für die Aufnahme des Protokolls. Bisweilen musste auch noch Signalisation Platz finden. Dann und wann hatte Bussmann überdies die Stellvertretung für Flühli und Sörenberg zu besorgen. Dass er den Weg dorthin ebenfalls per Drahtesel antrat, versteht sich; selbst bei dringlichen Einsätzen. Oft war er auch zu Fuss unterwegs. Dann etwa, wenn er die Hundesteuer einzog. Eine seiner liebsten Beschäftigungen. «Ich ging von Hof zu Hof.» Er genoss die Arbeit wegen der Möglichkeit, mit Bauern ins Gespräch zu kommen. «Nachdem sie Vertrauen aufgebaut hatten, erzählten sie mir manchmal mehr als dem Pfarrer.»

Über Ebikon nach Hochdorf

Nach sieben schönen Jahren in Escholzmatt stand eine erneute Versetzung an. Die Bussmanns zogen nach Entebluch. Hier blieben sie fünf Jahre. Dann der Wegzug aus der – wider Erwarten – lieb gewonnen Talschaft: Nächste Station war Ebikon, wo es der Familie nicht sonderlich gefiel. «Die Dienstwohnung war viel zu klein.» Deswegen musste Josef Bussmann nicht lange überlegen, als er hörte, der Posten des Amtswachtmeisters in Hochdorf werde frei – zumal er gute Erinnerungen an das Seetal hatte: «Hier war ich im Praktikum.»

1970 kehrte er zurück, jetzt zuoberst auf der Hierarchieleiter, als höchster Polizeier der Region. Als solcher hatte er viele administrative Aufgaben zu erledigen, unter anderem Dienstpläne und Abrechnungen. Vor allem wegen Letzteren machte er sich beim Kommando in Luzern nicht immer beliebt. Etwa, weil er mehr Entschädigung für Reinigungsarbeiten verlangte. Auch diese gehörten zum Pflichtenheft des Amtswachtmeisters und seiner Ehefrau. Für die Sauberkeit des Amtsstatthalteramts im selben Gebäude waren sie ebenfalls zuständig. 1000 Franken gabs fürs Putzen – pro Jahr. Bussmann sprach in Luzern vor und verlangte drei Mal mehr. Hierzu legte er eine Berechnung vor. Der Kommandant wollte nichts wissen, liess gleichwohl einen Experten die Auflistung prüfen. Dessen Befund: Drei Mal mehr war zu wenig. «Ständig mussten wir uns wehren», erinnert sich der Alt-Amtswachtmeister.

Abschluss Polizeischule Kopie
Josef Bussmann, zweiter von rechts, zusammen mit den übrigen Absolventen der Polizeischule 1951. In der Mitte der damalige Kommandant.

Ambulanz und Fenstersturz

Bei Gattinnen von Polizisten war die Funktion des Amtswachmeisters nicht sonderlich beliebt. Klara Bussmann erinnert sich: «Polizistenfrauen sagten, sie wollten doch keine Vaganten füttern.» Denn für das leibliche Wohl der Arrestanten war der Amtswachtmeister ebenfalls verantwortlich. Zudem gingen sämtliche Notrufe bei ihm ein, auch für Feuerwehr und Krankenwagen. Brannte es, klingelte im Amtshaus das Wandtelefon. Überdies gehörte Bussmann zu den Initianten der Seetaler Ambulanz. «Zuvor mussten wir Polizeier uns um Verletzte kümmern.» Versehrte kamen in den VW-Kastenwagen, «mit dem wir sonst Velos oder Hunde transportierten». Für Bussmann untragbar. Als er sein Anliegen beim Kommandanten deponierte, meinte der lapidar: «Habt ihr zu wenig zu tun?»

Bussmanns ausgeprägter Gerechtigkeitssinn: Ob es um seine Rechte ging, oder um jene der Gefangenen – er blieb seinen Prinzipien treu. Gegenüber Häftlingen sei er wohl manchmal etwas zu lieb gewesen, sagt er in der Retroperspektive. Vor allem gegenüber Jugendlichen. «Mir lag viel daran, dass sie nicht komplett auf die schiefe Bahn gerieten.» Manchmal gelang das, manchmal nicht. Gelegentlich sei sein Vertrauen ausgenutzt worden. So kam es auch zu Ausbrüchen. «Einer ist mal durch unsere Wohnung gerannt und von dort aus dem Fenster gesprungen.» Trotz eines Vier-Meter-Sturzes ward er nicht mehr gesehen.

Was würde er heute anders machen? Josef Bussmann überlegt. «Strenger wäre ich wohl nicht. Aber wahrscheinlich würde ich weniger oft ein Auge zudrücken.»

Das Gespräch mit Josef Bussmann fand Ende Januar 2015 statt. Ende Mai 2015 verstarb er im Alter von 92 Jahren.

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