Der liebe Vladimir und die bösen Überraschungen

Für den WB-Blog seines Ex-Arbeitgebers «Willisauer Bote» durfte David Koller einen Text zu Russland schreiben. Diesen wollen wir den Lesern von igosana.ch nicht vorenthalten. 

«Lieber Vladimir» – so begann ein Inserat, das letzte Woche in den hiesigen Medien gestreut wurde. Endlich, war man geneigt zu glauben, endlich bläst einer dem Putin den Marsch. Vonwegen! Der angesprochene Vladimir war ein anderer – der bis vor kurzem gelobte und nun getadelte Petković. Absender war Patrick Fischer, Trainer der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft. Er wünschte Glück für das Spiel gegen Schweden.

Somit blieb alles wie gehabt: Das Volk freut sich über die WM und findet, dass Russland so schlimm gar nicht ist. Land und Leute geben sich gastfreundlich, die Städte sind schön, die Polizei hält sich zurück und lässt euphorisierte Fussballfans feiern. Alles halb so wild.

Schön wärs! Einmal mehr gemahnt vieles an potemkinsche Dörfer. Nach aussen glänzt die Fassade, dahinter bröckelt es allenthalben. Russland ist und bleibt eine gelenkte Demokratie. Die Opposition wird drangsaliert, die Medien sind gleichgeschaltet. Mit sogenannten Staatsfeinden macht man bisweilen kurzen Prozess: Die britische Regierung hält es für «sehr wahrscheinlich», dass der Doppelagent Sergei Skripal Opfer eines Giftanschlags Russlands wurde. Zudem streuen die Medien von Putins Gnaden bewusst Fehlinformationen, um westliche Staaten zu schwächen. Hinzu kommen die wiederholten Manipulationsversuche bei Wahlen in anderen Ländern. All das sind Fakten. Derzeit blenden wir sie aus.

Russen bräuchten starke Führer, besagt eine populäre These. Vielleicht ist etwas dran. Die Zaren wären mächtig und meist unbarmherzig. Als Russland Teil der Sowjetunion war, agierten Lenin und sein Nachfolger Stalin zarenähnlich und mit grosser Brutalität. Heute gibt Vladimir Putin den starken Mann – und das Volk steht mehrheitlich hinter ihm. Doch er will mehr: den Respekt der Weltgemeinschaft. Den Zerfall der Sowjetunion nannte der Ex-KGB-Agent die «grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts». Seither arbeitet er daran, dass Russland wieder zur anerkannten Grossmacht wird. Mit Mitteln, die – gelinde ausgedrückt – nicht immer lauter sind.

Damit wir uns richtig verstehen: Das Land zwischen St. Petersburg und Wladiwostok ist herrlich, seine Bevölkerung liebenswert. Aber das politische System ist es nicht. Das dürfen wir nicht ausblenden, auch nicht während der WM. Und schon gar nicht dürfen wir seinem autokratischen Präsidenten den Hof machen.

Wie war das damals nochmals in Sotschi? Auch da gab sich Russland gastfreundlich und gesellig. Kaum waren die olympischen Winterspiele vorüber, annektierte Neo-Zar Putin die Krim. Kurz darauf begann der Krieg in der Ostukraine, er hält bis heute an. Dann wollen wir mal sehen, welche Überraschung er uns dieses Mal bereithält, der liebe Vladimir.

Igosana verabschiedet sich

Seit 15 Jahren ist igosana.ch online. Ende 2018 schliesst der Blog seine virtuellen Tore für immer.

Treue Leserinnen und Leser haben es schon lange bemerkt: Creative-, Art-, Trash- und All-That-Stuff-Director Koller vernachlässigt igosana.ch sträflich. Erfolgten die Einträge früher wöchentlich, schafft es Koller heute nicht mal mehr im Monatstakt. Oftmals handelte es sich dabei erst noch um den Aufguss eines bereits früher veröffentlichten Textes.

So spielt das Leben: Man wird älter, die Prioritäten verschieben sich. Liebgehabtes rückt in den Hintergrund, anderes wird wichtiger. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, igosana.ch auf den 31. Dezember 2018 einzustellen. Bis dahin werden wir noch den einen oder anderen Beitrag posten. Bis dahin empfehlen wir unseren Leserinnen und Lesern, noch etwas im Fundus zu stöbern.

Denn – bei aller Bescheidenheit – einiges hier ist durchaus lesenswert.

PS: David Koller verabschiedet sich nicht vollständig aus dem World Wide Web. Er ist in sozialen Medien anzutreffen, und vor allem drüben bei der Schreiberei Koller.

Sätze, die wir uns wünschten

Vom Versicherungsberater:

Doch, Sie sind wirklich in allen Belangen genügend versichert

Vom Rechtspopulisten:

Nein, für diesen Missstand kann man nicht Ausländer verantwortlich machen

Vom Verwaltungsratspräsidenten:

Doch, die Zukunft der Mitarbeitenden ist uns wichtiger als eine höhere Dividende

Die wahrscheinlich realistischste Reaktion darauf:

ego-Sana auf igosana

Mit seiner Schreiberei verfasst David Koller Sonderseiten über Luzerner Gemeinden. Bei der letzten Ausgabe zu Altbüron hat sich in einer Bildlegende ein kleiner Fehler eingeschlichen.

Aus Der Nebel verzieht sich aus Altbüron wurde Der Nebel verzieht ich aus Altbüron.

Ein Leser machte mit einer geistreichen Zusendung aufmerksam auf den Lapsus. Diesem digital zugestellten Bild…

…hängte er folgenden Kommentar an: Ego-sana in der Bildlegende. 

Das gefällt uns. Gleichwohl geben wir zu bedenken: Herrn Koller wird mitunter ein etwas gar überzogenes Ego unterstellt. Ganz so doll ist es denn aber doch nicht. Das Wetter beeinflussen zu können, masst sich der Schreiber nicht an. Überdies ist ein solch dummer Fehler nicht unbedingt Balsam für die Seele – eher das Gegenteil.

Aber abgesehen davon sind die Sonderseiten über die Gemeinden wirklich ultimativ obergenial – durchaus im Stande, Nebel zu vertreiben.

Unverstand

Der Journalismus stecke in der Krise, heisst es. Die Qualität befinde sich ob der laufenden Sparmassnahmen im ungebremsten Sinkflug. Dem ist wohl so – leider. Hierzu zitieren wir aus «Unschuld» von Jonathan Franzen:

Journalismus war epigonales Leben, epigonaler Sachverstand, epigonale Welthaltigkeit, epigonale Intimität; ein Thema beherrschen, nur um es gleich wieder zu vergessen, sich mit Leuten anfreunden, nur um sie gleich wieder fallenzulassen.

Nun, mit Blick auf das Schaffen gewisser Redaktionen – zumal im online-Bereich, aber leider längst nicht nur – erscheint mitunter selbst diese nicht eben schmeichelhafte Umschreibung übertreiben. Sachverstand ist mit Blick auf gewisse Machwerke ein doch etwas gar grosses Wort.

PS: epi|go|nal – unschöpferisch, nachahmend