Von Flitzern und Familienkutschen

Herr Koller hat ein neues Auto. Sein drittes mittlerweile. Es ist kein sonderlich spektakuläres Exemplar, aber immerhin kein bünzliger Minivan oder protziger SUV. Bei der Schlüsselübergabe hat sich unser Schreiber an einen Text erinnert, den er vor einigen Jahren verfasst hat. Eine hilflose Entschuldigung für einen Technikfimmel, der bis heute anhält.

Automobiles Dilemma

«Dieses Auto ist eine Jungfrau», sagte Amir und drückte zufrieden aufs Gaspedal. Amir war so etwas wie mein Therapeut. Er war dabei, mich von meinem Autofimmel zu erlösen. Er kaufte mein erstes und bislang einziges Auto ab, einen Fiat Punto Turbo: klein, leicht und giftig. 130 PS, 200 NM Drehmoment, von null auf hundert in 7,9 Sekunden. Heute noch weiss ich die Daten auswendig. Dabei hat mir Amir den Flitzer doch vor mehr als sieben Jahren abgekauft. Er freute sich seinerzeit darauf, meinen ungetunten und somit in seinen Augen jungfräulichen Punto aufzumotzen um damit Porsches zu jagen; ich freute mich weil ich mein Laster endlich los war. Seither bin ich glücklich mit ÖV und Fahrrad unterwegs. Meinen schnellen Göppel hakte ich als postpubertären Schub ab.

Doch mitunter werde ich rückfällig. Es ist mir peinlich, weil es so gar nicht zu meiner sonstigen Einstellung passen will, aber: ich liebe Motoren. So kaufte sich vor einigen Wochen ein Kollege einen neuen Wagen. Ich freute mich mehr als er über das Zischen des Turboladers. Grosse Gefahr für einen Rückfall besteht auch am Flughafen: rieche ich kerosingeschwängerte Luft, beginnen meine Augen zu glänzen. Und letzthin an der Bergprüfung in Altbüron: Ich durfte in einem Unmengen von Diesel verbrennenden und bestialisch lautem Ungetüm mitrasen – und war begeistert. Es ist zum Heulen.

Nein, ich mag sie nicht, die Autophilen. Ich lache über jene, die ihre Midlife Crisis mit einem Achtzylinder zu bewältigen versuchen. Und über die, die jeden Samstag bei der Landi in der Kolonne stehen, bis sie endlich ihre Schätzchen hegen und pflegen können. Ich rege mich auf über die jungen Gecken, die auf dem Bahnhofplatz um ihre rollenden Statussymbole herumstolzieren, während der Motor läuft und aus den Boxen öde Hip-Hop-Bässe wummern. Aber darf ich das? Ich besass mal ein Auto, das sich am Bahnhofplatz gut gemacht hätte.

Mein automobiles Dilemma. Es scheint weit mehr zu sein, als ein postpubertärer Schub. Ich werde meinen Fimmel einfach nicht los. Vielleicht müsste ich mal wieder meinen Therapeuten Amir aufsuchen. Was der wohl heute für ein Auto fährt? Garantiert höllisch getunt und alles andere als jungfräulich. Es würde mir sicher gefallen.

Willisauer Bote (WB),  4. September 2009
© David Koller, 2009

Der Polizeier und die Flagge

Nach all der Kurzkost der letzten Wochen mal wieder ein wunderbar langer Text: David Kollers Portrait des ehemaligen Amtswachtmeisters Josef Bussmann, so erschienen in der «Seetaler Brattig 2016». Diese ist seit Ende Oktober erhältlich.

«Manchmal erzählten sie mir mehr als dem Pfarrer»

Aus dem Leben des früheren Hochdorfer Amtswachtmeisters Josef Bussmann (1923–2015)

Er träumte davon, einen Landwirtschaftsbetrieb zu leiten. Es kam anders. Josef Bussmann wurde Polizist. Seine Karriere beendete er als Amtswachtmeister in Hochdorf. Ein Blick auf Polizeiarbeit, wie man sie sich heute nur noch schwer vorstellen kann.

Oft wehte sie nicht im Wind, die weisse Flagge. «Es war Brauch, eine Fahne zu hissen, wenn keine Zelle besetzt war», sagt Josef Bussmann. Den Ursprung dieser Tradition kennt er nicht. Er übernahm sie, als er 1970 die Stelle als Amtswachtmeister in Hochdorf antrat – eine Position, die mit jener des heutigen Chefs der Polizeiregion vergleichbar ist. Doch eben, oft hissen konnte Busmann das Tuch nicht. Meist lebten er und seine Familie nicht alleine im Amtshaus, sondern zusammen mit Gefangenen.

Kurz vor Pensionierung Kopie
Josef Bussmann im letzten Jahr vor seiner Pensionierung.

Acht Zellen befanden sich auf der Etage, auf welcher der Amtswachmeister wohnte. Zwei im Keller, «für die Bösen», wie Josef Bussmann sagt. Rund 2000 Einträge hat das Arrestantenbuch, in das er alle Inhaftierten eintrug. Mit Datum von Ein- und Austritt sowie dem Grund des Aufenthalts. «Rund die Hälfte sass wegen Alkohol oder dessen Folgen», analysiert Bussmann. «Ein Viertel wegen Rauschgift, der Rest wegen ‹Allgemeinem›.» Ins Amtsgefängnis kamen Personen in Untersuchungshaft, Verurteilte mit einer kurzen Haftstrafe – eine bis drei Wochen –, sowie Jugendliche.

Zu Gast an der Kannenbühlstrasse in Hochdorf. Hierhin zogen Josef und Klara Bussmann nach seiner Pensionierung im Jahr 1988. Ein gut eingespieltes Team ist das Ehepaar – beide haben den 90. Geburtstag hinter sich. Er erzählt, sie hört zu, ergänzt dann und wann.

In den Halbschuhen an die Sportprüfung

«Was hesch bosget?», wollte sein Chef wissen, als ein Polizist auftauchte und nach dem Bussmann fragte. Der Beamte freilich war gekommen, um den Leumund des Angestellten zu prüfen. Denn Josef Bussmann – damals arbeitete er auf einem landwirtschaftlichen Betrieb im Kanton Nidwalden – hatte sich für die Polizeischule beworben. Der Kommentar des Chefs: «Du spennsch!»

Gesetzeshüter war nicht primäres Berufsziel Bussmanns. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen auf einem kleinen Bauernhof im Willisauer Unterfeldli, wollte er Landwirt werden. Im Wallis absolvierte er die Winterschule. Später kam er nach Nidwalden, verdiente sein Brot in der Landwirtschaft und absolvierte die Handelsschule. Denn er hatte ein klares Ziel: «Ich wollte Gutsleiter in einem grossen Betrieb werden.» Doch dann sah er im «Vaterland», dass «sie Polizeirekruten suchten». Obwohl das nicht seinem Ziel entsprach, bewarb er sich – vorab, «weil dieser Beruf zu meinem Gerechtigkeitsempfinden passte». All zu Ernst nahm er es nicht, vergass seine Bewerbung fast. Bis der Uniformierte auftauchte und sich über ihn erkundigte.

Zu seinem Erstaunen wurde er zur Sportprüfung aufgeboten. «Ich hatte nicht mal ein Turnzeug. Wozu auch? Ich war Bauer, hatte meine Bewegung, war am Abend auch so müde.» Mit langen Hosen und Halbschuhen trat er den Test auf der Luzerner Allmend an. Die anderen lachten. Zu unrecht. Bussmann – jung und kräftig – positionierte sich im vordersten Drittel. Dann das Aufgebot zur theoretischen Prüfung. Davor hatte er Respekt. Denn weil die Mittel zu Hause knapp waren, hatte ihn sein Vater nach sechseinhalb Jahren von der Schule genommen – er brauchte eine Arbeitskraft auf dem Hof. «Dies, obwohl mich die Lehrer an die Sekundarschule schicken wollten.» Die Bedenken waren unbegründet, er bestand auch die theoretische Prüfung. Am 15. Januar 1951 rückte Josef Bussmann in die Polizeischule in der alten Kaserne Luzern ein. Nun war es Realität: «Ich in Uniform.» Er wurde zum, wie er es nennt, Polizeier.

Sporttest Kopie
Josef Bussmann, rechts, an einer weiteren Sportprüfung. Dieses Mal mit Turn- statt Halbschuhen.

Unterwegs mit dem Velo

Nach Abschluss der Ausbildung im November 1951 gings auf die Luzerner Hauptwache. Dort gefiel es ihm nicht. Zurück aufs Land wollte er. Wohin, war egal. «Einfach nicht ins Entlebuch.» Dann das Aufgebot: Schüpfheim. Pech gehabt. Doch entgegen seiner Befürchtungen gefiel es ihm im Amtshauptort der Talschaft. Nach drei Jahren indes stand abermals ein Umzug an, noch tiefer hinein ins Entlebuch, nach Escholzmatt. Darüber freuten sich die Bussmanns nicht sonderlich. Denn die Leute dort seien von «rauer Natur», fanden sie. Nach der Dislozierung habe man das Gefühl gehabt, «100 Kilometer von Schüpfheim entfernt zu leben». Dennoch: auch in Escholzmatt fühlten sie sich nach Anfangsschwierigkeiten wohl. «Trotz manchmal lästiger Kundschaft hatten wir es wunderbar, hier wurden unsere Kinder geboren.» 1960 gründete der Landjäger zudem die Guuggenmusik mit.

Den Polizeiposten führte er alleine. Im Gegensatz zu Schüpfheim stand hier auch kein Auto zur Verfügung. Notgedrungen war er mit dem Velo unterwegs – auf dem Gepäckträger die Mappe für die Aufnahme des Protokolls. Bisweilen musste auch noch Signalisation Platz finden. Dann und wann hatte Bussmann überdies die Stellvertretung für Flühli und Sörenberg zu besorgen. Dass er den Weg dorthin ebenfalls per Drahtesel antrat, versteht sich; selbst bei dringlichen Einsätzen. Oft war er auch zu Fuss unterwegs. Dann etwa, wenn er die Hundesteuer einzog. Eine seiner liebsten Beschäftigungen. «Ich ging von Hof zu Hof.» Er genoss die Arbeit wegen der Möglichkeit, mit Bauern ins Gespräch zu kommen. «Nachdem sie Vertrauen aufgebaut hatten, erzählten sie mir manchmal mehr als dem Pfarrer.»

Über Ebikon nach Hochdorf

Nach sieben schönen Jahren in Escholzmatt stand eine erneute Versetzung an. Die Bussmanns zogen nach Entebluch. Hier blieben sie fünf Jahre. Dann der Wegzug aus der – wider Erwarten – lieb gewonnen Talschaft: Nächste Station war Ebikon, wo es der Familie nicht sonderlich gefiel. «Die Dienstwohnung war viel zu klein.» Deswegen musste Josef Bussmann nicht lange überlegen, als er hörte, der Posten des Amtswachtmeisters in Hochdorf werde frei – zumal er gute Erinnerungen an das Seetal hatte: «Hier war ich im Praktikum.»

1970 kehrte er zurück, jetzt zuoberst auf der Hierarchieleiter, als höchster Polizeier der Region. Als solcher hatte er viele administrative Aufgaben zu erledigen, unter anderem Dienstpläne und Abrechnungen. Vor allem wegen Letzteren machte er sich beim Kommando in Luzern nicht immer beliebt. Etwa, weil er mehr Entschädigung für Reinigungsarbeiten verlangte. Auch diese gehörten zum Pflichtenheft des Amtswachtmeisters und seiner Ehefrau. Für die Sauberkeit des Amtsstatthalteramts im selben Gebäude waren sie ebenfalls zuständig. 1000 Franken gabs fürs Putzen – pro Jahr. Bussmann sprach in Luzern vor und verlangte drei Mal mehr. Hierzu legte er eine Berechnung vor. Der Kommandant wollte nichts wissen, liess gleichwohl einen Experten die Auflistung prüfen. Dessen Befund: Drei Mal mehr war zu wenig. «Ständig mussten wir uns wehren», erinnert sich der Alt-Amtswachtmeister.

Abschluss Polizeischule Kopie
Josef Bussmann, zweiter von rechts, zusammen mit den übrigen Absolventen der Polizeischule 1951. In der Mitte der damalige Kommandant.

Ambulanz und Fenstersturz

Bei Gattinnen von Polizisten war die Funktion des Amtswachmeisters nicht sonderlich beliebt. Klara Bussmann erinnert sich: «Polizistenfrauen sagten, sie wollten doch keine Vaganten füttern.» Denn für das leibliche Wohl der Arrestanten war der Amtswachtmeister ebenfalls verantwortlich. Zudem gingen sämtliche Notrufe bei ihm ein, auch für Feuerwehr und Krankenwagen. Brannte es, klingelte im Amtshaus das Wandtelefon. Überdies gehörte Bussmann zu den Initianten der Seetaler Ambulanz. «Zuvor mussten wir Polizeier uns um Verletzte kümmern.» Versehrte kamen in den VW-Kastenwagen, «mit dem wir sonst Velos oder Hunde transportierten». Für Bussmann untragbar. Als er sein Anliegen beim Kommandanten deponierte, meinte der lapidar: «Habt ihr zu wenig zu tun?»

Bussmanns ausgeprägter Gerechtigkeitssinn: Ob es um seine Rechte ging, oder um jene der Gefangenen – er blieb seinen Prinzipien treu. Gegenüber Häftlingen sei er wohl manchmal etwas zu lieb gewesen, sagt er in der Retroperspektive. Vor allem gegenüber Jugendlichen. «Mir lag viel daran, dass sie nicht komplett auf die schiefe Bahn gerieten.» Manchmal gelang das, manchmal nicht. Gelegentlich sei sein Vertrauen ausgenutzt worden. So kam es auch zu Ausbrüchen. «Einer ist mal durch unsere Wohnung gerannt und von dort aus dem Fenster gesprungen.» Trotz eines Vier-Meter-Sturzes ward er nicht mehr gesehen.

Was würde er heute anders machen? Josef Bussmann überlegt. «Strenger wäre ich wohl nicht. Aber wahrscheinlich würde ich weniger oft ein Auge zudrücken.»

Das Gespräch mit Josef Bussmann fand Ende Januar 2015 statt. Ende Mai 2015 verstarb er im Alter von 92 Jahren.

Dann, wenns am schönsten ist

Am 2. August 2006 hatte David Koller seinen ersten Arbeitstag beim «Willisauer Bote». Am 29. Juni 2015 fährt er zum letzten Mal in die Redaktion. Die Abschieds-«Carte Blanche» nach fast neuen Jahren, das stimmt schon ein bisschen wehmütig.

Koller nutzt die Zeilen, um reinen Tisch zu machen:

Mein Schock-Geständnis

Letzten Oktober veröffentlichte der WB zu einem Text über eine Braunviehschau ein Bild, das graue Kühe zeigte. Agrarjournalistischer Supergau! Ich gestehe: Gewachsen ist dieser kapitale Bock auf meinem Mist. Er sorgte für harsche Reaktionen. Ebenfalls keine Begeisterungsstürme löste aus, als ich 2006 in der Reportage über eine kulinarische Wanderung von «Völlerei am Bettag» geschrieben hatte. Todsünde! Das eine geschah aus mangelnder Konzentration, das andere aus jugendlichem Leichtsinn. Es sind zwei Dinge, über die ich mit Blick zurück schmunzle. Nicht mehr ums Lachen indes war mir in den Tagen um die Bluttat in Menznau. Zwar gaben wir vom Böttu alles, um Pietät zu wahren. Dennoch schämte ich mich aufrichtig für unsere Branche. Gewisse Journalisten benahmen sich fürchterlich. Jener Jungspund etwa, der einem davonfahrenden Leichenwagen nachspurtete, um ein «gutes» Foto zu schiessen. Unausstehlich!

Das war der Tiefpunkt. Fast immer aber hatte ich es toll beim WB. Vor allem wegen des Teams. Grosse Journalisten mit kleinen Marotten. So habe ich die Metamorphose eines Schreibers vom Raucher zum nikotinfreien Sportfanatiker zum Raucher miterlebt. Ein anderer kann offensichtlich nicht auf dem Bildschirm lesen und druckt deswegen jede Lappalie aus – sein Papierverbrauch ist absurd hoch. Handkehrum mutierte er quasi über Nacht zum Vegetarier, vielleicht will er damit seine miese CO2-Bilanz polieren. Eine Kollegin wiederum versucht jeden Mittag mit viel Lärm eine zerknüllte Serviette in den Abfalleimer zu werfen. Die Trefferquote der ehemaligen Handballerin liegt bei gefühlten 0,2 Prozent. Einer singt lauthals und klatscht dazu, wenn er mit der Arbeit durch ist. Wieder ein anderer hält sich mal für einen Brasilianer, mal für einen Italiener und schliesslich für einen Basler.

 Ein schmaler Grat trennt Genie und Wahnsinn. Wer beim WB tätig ist, muss offenbar ein bisschen spinnen. Vermutlich habe ich mich deswegen stets so wohl gefühlt. Dennoch ziehe ich jetzt den Schlussstrich. Nach neun Jahren in den heiligen Hallen am Willisauer Viehmarkt wechsle ich in die Kommunikation. Ein bisschen traurig ist das durchaus. Doch gehen soll man bekanntlich dann, wenns am schönsten ist. Und endlich bin ich nun eine Last los. Die dunkle Wahrheit über die grauen Kühe.

Willisauer Bote (WB), 26. Juni 2015
© David Koller, 2015

Porno Mary und die Cordon Bleus

WB 08.05.15Nach unzähligen Berichten über politische Ereignisse im Kanton Luzern hat David Koller im «Willisauer Bote» (WB) mal wieder ein Portrait veröffentlicht. Eines über Maria Vogel, Wirtin des Dagmerseller Restaurants Kreuzberg.

Der «Chrüüzer» – so nennt der Volksmund den Traditionsbetrieb – ist vor allem bekannt wegen seiner gewaltigen Cordon Bleus. Überdies gibt es aber auch unzählige Anekdoten zu erzählen aus dem Haus am Fusse des Kreuzberges. Auch David Koller hätte etliche im Köcher, zumal er dort unter anderem seinen Polterabend gefeiert hat – oder treffender formuliert: überlebt hat.

Den Artikel in lesbarer Form gibt es durch Klicken auf die Miniaturseite.

Über den «Chrüüzer» hat Koller schon einmal geschrieben, als er sich 2011 im Rahmen der WB-Sommerserie mit der Geschichte des Cordon Bleus befasste: Ein blaues Band für die üppige Fleisch-Käse Kombination.

Doppelseite des Grauens

In seiner neusten «Carte Blanche» lästert David Koller über die Jet-Set-Lady Vera Dillier und ihren jungen Freund, vor allem aber über die Boulevardzeitung, die der Nation Artikel mit solchen Inhalten zumutet:

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Doppeladler, Mist und Frauenquote

Direkt über meinem Bildschirm hängen die beiden. Er, ein blonder Adonis mit muskulösen Armen und viel Haar auf Brust und Kopf. Sein Aussehen gemahnt an jenes von Titelhelden billiger Groschenromane, wie sie an Kiosken feil geboten werden. Sie steht vor ihm, auch ihr Oberkörper komplett entblöst. Die Hände des Jünglings bedecken ihre bare Brust. Auf ihrem Gesicht eine Art Lächeln – es kann auch als drohendes Fletschen interpretiert werden. Die Jet-Set-Lady Vera Dillier und ihr Liebhaber, das Ex-Model Josef (29) aus Tschechien. «Mein Alter wird er nie erfahren!», steht in dicken Lettern über dem zweiseitigen Artikel, mit dem das Boulevardblatt der Nation vor gut einem Monat an einem Sonntag die Schweiz erschreckte – inklusive Details aus dem Schlafzimmer. Auch wir von der WB-Redaktion waren belustigt und angewidert zugleich.

Längst haben die meisten die Geschichte vergessen. Ich nicht. Denn mich traf das Los der Teilzeitarbeitenden: Als ich eines Morgens ins Büro kam, hing sie dort, die Doppelseite des Grauens. Ein «Geschenk» der Arbeitskollegen. Wieder und wieder bleibt mein Blick seither daran hängen. Ich versuche, das Bild vor dem inneren Auge zu verschönern, indem ich die Dillier in ein mit Edelweissen verziertes Hemd stecke; ihren um Jahrzehnte jüngeren Toyboy in eine Doppelkopf-Adler-Flagge hülle. Immerhin gehörte seine Heimat einst zur Habsburgermonarchie, deren Wappen ein solches Tier schmückte. Dann wieder lenke ich mich mit der Frage ab, was denn das für eine Berufsbezeichnung ist – Jet-Set-Lady. Auch überlege ich mir, ob diese Profession in Zeiten wieder zur ernsthaften Option wird, in denen Frauenorganisationen gewisser Parteien eine Regierung ohne weibliche Beteiligung als annehmbar betrachten.

Ferner sinniere ich, warum es solcher Schwachsinn in den «Blick» schafft – genauso wie Tierfäkalien vor Willisauer Geschäftseingängen oder kindische Streitereien von hiesigen Schülern. Fürwahr, der Boulevard tickt anders. Uns Lokaljournalisten – mit Mist an den Schuhen, nicht im Blatt – wird er ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Letztlich entscheide ich mich zum längst überfälligen Schritt. Ob geschenkt oder nicht: Das Presseerzeugnis wandert dorthin, wo es hingehört. In den Papierkorb.

Willisauer Bote (WB), 17. April 2015
© David Koller, 2015