Kategorie: Medienwachhund

Medienkunde VI: Der zielgruppengerechte Titel

Ein guter Titel spricht die Zielgruppe eines Beitrags an. Die «Neue Zürcher Zeitung» machts exemplarisch vor. Intellektueller und elitärer kann eine Überschrift wohl kaum daher kommen:

Zurecht sagt man der NZZ bisweilen nach, sie sei versnobt und verstaubt. Wohl auch deswegen ist immer mal wieder die Rede von der «Grossmuter von der Falkenstrasse».

Apropos Grossmutter: Von ihrem Alter her würde die Protagonistin des nächsten Titels perfekt zur Zielgruppe der NZZ passen. Von ihrer politischen Einstellung her indes nicht wirklich. Statt wirtschaftsliberal ist sie eher linksradikal. Und sie sorgt für einen wunderbar zielgruppengerchten Titel auf «Nuovo SRF» – dem Kanal der SRG für 18- bis 30-Jährige.

Hier geht es zu den beiden Beiträgen:

NZZ
Nuovo SRF

Make America Dumb Again

«Morgengrauen – neu definiert», twitterte einer in den frühen Stunden des 9. Novembers. Er brachte es auf den Punkt. Europa erwachte und traute den Augen nicht. Auf der anderen Seit des Atlantiks wurde wahr, war hier niemand für möglich halten wollte: Donald Trump schickte sich an, Präsident der USA zu werden.

Jetzt ist es Fakt. Die Tolle zieht ins Weisse Haus und wir staunen. Weil das ganze dermassen surreal ist, kann man darüber eigentlich bloss lachen. Das wollen wir hier tun. Mit einigen gelungen Reminiszenzen zur Wahl des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

bildschirmfoto-2016-11-10-um-10-37-44-2

bush

bildschirmfoto-2016-11-10-um-10-36-54-2

Hier einige Reaktionen aus dem Ausland. Freundliche und weniger freundliche…

topelement

1478718915876

In unserer «Kleinen Medienschelte» vom 6. September hielten wir fest, wir wollten nichts mehr von Donald Trump lesen, nichts mehr von Christoph Blocher und auch nichts mehr aus der «Weltwoche». Nun, wenn schon, dann richtig. Als logische Konsequenz folgt hier auch noch der Köppel. Einmal mehr treffend auf den Punkt gebracht vom grossartigen Ruedi Widmer.

trump_koppel
Für lesbare Version auf Bild klicken.

Vom Aussterben bedroht

Schlecht gelaunt? Einfach nur müde? Dann empfehlen wir Ihnen: Lokalfernsehen einschalten!

Besonders geeignet für den gelungenen Ausklang eines strengen Tages ist Tele M1, das Lokalfernsehen im Aargauer und Solothurner Mittelland. Der Sender der AZ-Mediengruppe zeichnet sich aus durch trashige Boulevard-Beiträge auf unterstem Niveau – man ist sich nicht zu blöde, im Treppenhaus auf einen Autofahrer zu warten, der tags zuvor ein Schulkind überfahren hat –, tendenziöse und unausgewogene Berichterstattungen sowie Nachrichtensendungen mit bis zu drei verschiedenen Beiträgen mit der selben Auskunftsperson – der Mediensprecherin der Staatsanwaltschaft Aargau.

Tele M1 ist toll. Auch wegen kultigen Anmoderationen wie dieser hier:

Der afrikanische Graupapagei ist die beliebteste Vogelart bei Haustierhaltern. Vor allem, weil er die menschliche Sprache so gut imitieren kann. Der Vogel ist deswegen vom Aussterben bedroht.

bildschirmfoto-2016-10-04-um-21-34-56

Mit Verlaub! Wir fragen uns, wo der Zusammenhang zwischen dem Imitieren der menschlichen Sprache und dem Aussterben der Vogelart liegt? Wird den Tieren allenfalls zum Verhängnis, dass sie einfach einen zu frechen Schnabel führen? Wir sind überfordert.

Doch wir werden es herausfinden. Tele M1 – wir bleiben am Ball.

Kleine Medienschelte

Nachdem wir in letzter Zeit vor allem gelobt haben – insbesondere gute Bücher –, wollen wir nun endlich wieder einmal stänkern. Das tun wir mit einer Liste von zehn Dingen, auf die wir in den Medien gerne verzichten würden:

  1. Donald Trump
  2. Alles aus der «Weltwoche»
  3. Artikel, die mit dem Pronomen Ich beginnen
  4. Berichte über «Schweizer Promis», sprich Angestellte von SRF
  5. Artikel, die auf Vermutungen und unbestätigten Gerüchten aufbauen publiziert mit dem alleinigen Ziel, als erste über ein Ereignis zu berichten
  6. Mamis oder Papis, die nach der Geburt des ersten Kindes einen Wir-Eltern-Ratgeber-Blog aufschalten
  7. Zeitungsberichte über TV-Sendungen (Besonders beliebt: «Donnschtig-Jass» in lokalen Blättern, «Arena» in nationalen Medien)
  8. Undifferenzierte online-Kommentare selbsternannter «Islamexperten»  (Grundtenor: Muslim = Terrorist)
  9. Push-Nachrichten über irrelevante Ereignisse in der Stadt Zürich, zum Beispiel einen Stromausfall im Kreis 4
  10. Sämtliche Berichte über Kim Kardashian, Irina Beller, Gianni Infantino, Chris von Rohr oder Christoph Blocher. Wer sind die überhaupt?

Der Tunnel und die Teufel

AC/DC waren in Bern und die halbe Schweiz ging hin, so auch Verkehrsministerin Doris Leuthard, wie das folgende Foto beweist:

CjpaDXGUgAA9pX0

Die NZZ hat sich dem Bild sowie der Empörung einiger Ewiggestrigen darüber angenommen und das Ganze göttlich mit der Eröffnung des Gotthardbasistunnels kombiniert:

Railway to Hell

Simon Hehli – Weit ist es mit den einst gottesfürchtigen Christlichdemokraten schon gekommen: Nicht nur pilgert CVP-Bundesrätin Doris Leuthard an ein Konzert der australischen Hardrockband AC/DC und begibt sich damit auf den «Highway to Hell» – sie posiert auch noch diabolisch grinsend mit roten Teufelshörnern aus Plastic! Ein Sakrileg für die frommen Gemüter von der EDU: «Sich mit einer Satan-verherrlichenden Band derart zu identifizieren, ist als Bundesrätin nicht angebracht Frau Leuthard», twitterte Erich Vontobel, Zürcher Kantonsrat der Minipartei. Dass auf der Foto auch Ex-FDP-Chef Philipp Müller mit ebenso teuflischem Kopfschmuck zu sehen ist, tut wenig zur Sache – erwartet man doch von einem Freisinnigen mit Hang zu Höllenritten nichts anderes. Doch Leuthard solle als Bundesrätin der christlichen Volkspartei gefälligst Gott verteidigen – «und nicht seinen Widersacher», legte Vontobel im «Blick» nach. So viel Ungemach, und das ausgerechnet kurz bevor Verkehrsministerin Leuthard den neuen Gotthardbasistunnel eröffnen darf. Wobei da ein schrecklicher Verdacht aufkommt: Hat etwa der Leibhaftige nicht nur vor langer Zeit die nach ihm benannte Brücke in der Schöllenenschlucht gebaut – sondern via seine Jüngerin Doris auch ein 57 Kilometer langes Loch in den Fels gebohrt? Die Sage berichtet: Luzifer forderte für den Bau seiner Brücke die Seele des Ersten, der sie überquere. Die Urner, gerissen, wie sie sind, schickten einen Geissbock. Nun wissen wir auch, warum die vereinigte Politprominenz von Leuthard bis Merkel und Hollande erst im zweiten Zug durch den Tunnel fahren wird. Die Jungfernfahrt ist dem gemeinen Volk vorbehalten.

NZZ, 01.06.16, S. 15

Fussnote
Obwohl wir auf Stromgitarren und harte Musik stehen, finden wir: So viel (Polit)Prominenz am Konzert sind leider deutliches Indiz dafür, dass AC/DC eine lauwarme Spiesserband geworden sind.