Das Jahr 2013 aus unserer Sicht

Auch wir von igosana.ch wollen auf das verflossene Jahr zurückblicken. Das war 2013 unserer Meinung nach wichtig:

Januar
– Alt-Nationalrat Bruno Zuppiger wird wegen mehrfacher Veruntreuung verurteilt.
– Zar Putin ist böse.

Februar
Annette Schavan tritt zurück, wegen «Flüchtigkeitsfehler» in ihrer Dissertation.
– Zar Putin ist böse.

März

– Professor Mörgeli thematisiert beissende Affen.
– Zar Putin ist böse.

April

– Serbien und Kosovo unterzeichnen Abkommen zur Normalisierung der Beziehungen.
– Zar Putin ist böse.

Mai

– Keine Lösung im Steuerkonflikt der Schweiz mit den USA.
– Zar Putin ist böse.

Juni

– Der Luzerner Polizeikommandant Hensler hat ein Problem.
– Zar Putin ist böse.

Juli

– Kroatien wird Mitglied der Europäischen Union.
– Zar Putin ist böse.

August

– Silvio Berlusconi wird letztinstanzlich zu einer Haftstrafe verurteilt. Selbstverständlich handelt es sich hierbei um einen Komplott linker Richter.
– Zar Putin ist böse.

September

– Der Luzerner Regierungsrat will die Steuern erhöhen.
– Zar Putin ist böse.

Oktober

– Absturz einer F/A 18 der Schweizer Luftwaffe.
– Zar Putin ist böse.

November

– Auch Viktor Jaunkowitsch weiss immer noch nicht, was Demokratie bedeutet.
– Zar Putin ist böse.

Dezember

– Kim Jong-un will kein Bubi mehr sein: Er entmachtet seinen Onkel und lässt ihn hinrichten.
– Zar Putin versucht lieb zu sein.

Steiner und die politische Matrix

In der aktuellen «Carte Blanche» im «Willisauer Bote» wird David Koller zum Verschwörungstheoretiker.

Staatskinder statt Bürgerkrieg

Vergangene Woche hat im US-Gliedstaat Massachusetts ein Zehnjähriger die Polizei gerufen, weil er nicht zu Bett gehen wollte. So berichtete eine Nachrichtenagentur. Kurz nach 20 Uhr meldete der Junge, er wolle seine Mutter anzeigen. Denn er habe nicht vor, bereits schlafen zu gehen. Ein Polizist suchte ihn daraufhin auf und erklärte ihm, dies sei kein Grund, die Gesetzeshüter zu rufen. Der Kleine war wohl ein waschechtes Staatskind. Genau das also, wovor Gegner des am Wochenende zur Abstimmung kommenden Familienartikels warnen: ein Sprössling, der statt von den Eltern von der Obrigkeit erzogen wird.

In den USA ist immer alles ein bisschen extremer als bei uns. Dennoch bin ich skeptisch. Haben wir es bei dieser Meldung mit einer genialen Verschwörung zu tun, einem cleveren Schachzug der Gegner des Familienartikels? Bin ich gar dem neuesten Streich von Regisseur Michael Steiner auf den Leim gegangen? Dessen Kurzfilm über die Auswirkungen der Abzockerinitiative war selbst dem Wirtschaftsverband Economiesuisse zu viel. Darin erzählt Steiner von der Schweiz im Jahr 2026. Sie liegt darnieder. In Bern stehen nach heftigen Kämpfen UNO-Friedenstruppen; in Luzern haben Bewohner die Kapellbrücke zerlegt und sie als Brennholz verheizt. Ein heftiger Plot. Wem dermassen Abstruses in den Sinn kommt, dem ist auch die Geschichte des amerikanischen Knaben zuzutrauen – dem Prototyp der vermeintlichen Horrorvision des Staatskindes.

In Italien schafft es Viagra-Gerontokrat Berlusconi abermals, den Staat in die Krise zu stürzen. In Tschetschenien kuschelt Neo-Russe Depardieu mit dem zwielichtigen Präsidenten Kadyrow, in Nordkorea spielt Bubi-Diktator Kim Jong Un mit Atombomben. Ist letzten Endes all das gar nicht wahr und nichts anderes als das Storyboard weiterer Visionen? Leben wir in einer gewaltigen Matrix, so wie es 1999 der gleichnamige Science-Fiction-Film erzählte? Sind wir Opfer einer riesigen, politisch motivierten Scheinwelt? Ach was! Ich nehme Züge einer steinerschen Paranoia an und sehe vor lauter Horrorszenarien das Wirkliche nicht mehr. Vasella, Berlusconi, M13, Kim Jong Un, der Zehnjährige aus Massachusetts: alles real. Unser Denkvermögen funktioniert einwandfrei. Nur haben das Angstkampagnen produzierende Politstrategen noch nicht begriffen.

Willisauer Bote (WB), 1. März 2013
© David Koller, 2013

Toygirls, Tränen und TV-Trash

Heuer kam David Koller die Ehre zu, die letzte «Carte Blanche» des Jahres zu schreiben. Vielleicht ist sie etwas wild und gar verspielt geraten, aber grundschlecht ist sie nicht – finden zumindest wir.

Bachelors und Berlusconis

2012 war ein teures Jahr. Den Startschuss setzte vor Giglio ein von Testosteron gelenkter Gigolo, indem er einen schwimmenden Konsumtempel auf Grund setzte und damit eine halbe Milliarde Euro. Bei einer einst angesehenen Schweizer Institution wiederum manipulierte ein von Gier gelenkter Mitarbeiter den Leitzins. Seinen ehemaligen Arbeitgeber kostete das 1,4 Milliarden Franken. In Russland mussten drei vom Freiheitsstreben gelenkte Frauen feststellen, wie teuer es ist, sich mit dem neuen alten  Zaren anzulegen. In Zürich realisierte ein von Herrliberg aus gelenkter Professor, dass Staub eauf Museumsexponaten sehr hohe Kosten verursachen kann.

Doch wieso nur von Geld reden? Die Liebe! In England haben die Fortpflanzungsversuche einer vom Aussterben bedrohten Spezies endlich gefruchtet: die Duchess of Cambridge ist schwanger. Hingegen zeigt sich in Italien abermals, wie fatal die Mischung aus Viagra und viel Geld sein kann. Berlusconi und sein um Jahrzehnte jüngeres Toygirl. Für einen weiteren Tiefpunkt sorgte ein Zürcher Spielzeug, der Bachelor. Die von ihm und seinen Herzensdamen verbreitete Nachricht: Im TV ist die Talsohle noch nicht erreicht – öffentliche Prostitution unter dem Deckmantel der Liebe. Wie grausam Letztgenannte sein kann, musste ein Schätzeli der Nation feststellen. Früher gemeinsam besungene Tränen sind besonders bitter. Ach Flöru, hoffentlich wirst du nie Seefahrer!

Und im WB-Land: Was hat uns 2012 gelehrt? Dass es Liebe eben doch gibt. Schötz und Ohmstal habens gezeigt – auch wenn Geld bei dieser Heirat nicht ganz unentscheidend war. Nicht eben Feuer und Flamme war man hingegen in Ufhusen zur geplanten Fusion der Brandbekämpfer. Auch Asylbewerbern schlägt nach wie vor erschreckend wenig Liebe entgegen. Ebersecken und der Natelempfang: Kommts wenigstens hier zum Happy End? Noch steht es in den Sternen. Klar ist indes, dass der Kanton sparen muss. Auch das Hinterland bekommt dies zu spüren. Verantwortlich hierfür ist nicht Testosteron, allenfalls aber Gier.

Gefragt sind nun Steuerleute mit Weitsicht, die den Kahn nicht auf Grund setzen. In dem Sinn: Auf dass das neue Jahr ein billigeres wird – ohne Budgetüberschreitungen; aber auch ohne Bankenskandale, Börsencrashs, Bachelors und Berlusconis.

Willisauer Bote (WB), 28. Dezember 2012
© David Koller, 2012

Politbüro 2.0

Nein, einen Tee trinken gehen mit Vladimir Putin möchten wir von igosana.ch nicht unbedingt. Fans des russischen Präsidenten und seiner Demokratur sind wir nicht – um es diplomatisch auszudrücken. Neben seinem Busenfreund Silvio Berlusconi ist er der Politiker, der hier am öftesten sein Fett weggekriegt hat.

Doch nicht nur bei uns: Presse hat der Neo-Zar im Westen derzeit nicht sonderlich schmeichelhafte. Auf dem Internet kursieren diverse Bilder, die seinen harschen Umgang mit den drei Politaktivistinnen von Pussy Riot dokumentieren. Etwa jenes rechts.

Wir aber wollen die Sache unaufgeregter angehen. Nachfolgend eine kleine und unvollständige Presseschau über den straken Mann im Kreml.

Erwähnenswert erscheint uns ein Artikel der NZZ (24. August 2012, S. 6), der auf eine Studie zweier Russischer Politologen aufmerksam macht. Evgenij Mintschenko und Kirill Petrov stellen die These auf, um Putin sammle sich heute eine Machtclique, die jenem des Politbüros in sowjetischer Zeit ähnle. Die beiden nennen es denn auch plakativ «Politbüro 2.0».

Die Rede ist von einem «Konglomerat aus Clans und Gruppen, die miteinander um die Ressourcen des Landes konkurrieren». Vladimir Putin wiederum agiere als eine Art Schiedsrichter und Moderator.

Was passiert, wenn dieser Schiedsrichter die Rote Karte zieht, hat der Prozess um Pussy Riot abermals erschreckend eindrücklich gezeigt. So viel steht fest: Einer, der seine Macht dermassen kaltblütig ausspielt, ist nicht eben eine Pussy. Leider!

Doch nicht alle Kommentatoren stimmen in das pauschale Putin-Bashing ein. Thomas Fasbender von der Online-Plattform russland-news.de wählt einen kontroversen, aber durchaus beachtenswerten Ansatz. Über das Strafmass des Prozesses lasse sich streiten, schreibt er. Doch willkürlich sei das Verfahren keinesfalls. Denn «Russland macht den Schutz sakraler Räume mittels Strafrecht zum staatlichen Anliegen».

Im «genuin multireligiösen» Staat sei der Respekt vor dem Glauben des anderen unabdingbar, betont Fasbedner. Das solle der Westen akzeptieren. «Moskau ist nicht Düsseldorf, und in Russland gelten russische Gesetze. Besserwissern jenseits seiner Grenzen hat Russland noch immer die kalte Schulter gezeigt.»

Das mag sein. Wir indessen würden dennoch eine etwas weniger eingeschränkte Sichtweise des starken Manns im Kreml vorziehen; und etwas mehr Kritikfähigkeit. Doch das Gegenteil ist der Fall. «Kurz vor der Sommerpause peitschten Putin und seine Regierungspartei Einiges Russland zahlreiche Massnahmen durch das Parlament, die vom Repressionsapparat gegen jedwede Opposition und zivilgesellschaftliche Gruppierungen benutzt werden könnten», fasst der Aargauer Osteuropahistoriker und Slavist Thomas Bürgisser in der WOZ (9. August 2012, S. 9) die neusten bedenklichen Entwicklungen zusammen.

Russland ist ein multireligiöser Staat. Das ist unbestritten. Unbestritten ist aber auch die immer enger werdende Bindung zwischen Staat und Russisch-Orthodoxer Kirche. In der WOZ vom 23. August 2012 (S. 9) schreibt abermals Thomas Bürgisser, die Kirche gelte in Russland längst als «Fanclub des Präsidenten».

Gerade dies zeigt auf, was Thomas Fasbedner in seinem reichlich slavophilen Kommentar verkennt. Die von ihm betonte Multireligiosität taugt als Argument nur bedingt. Denn einzig der orthodoxen Kirche kommt in Russland eine dermassen grosse Bedeutung zu.

Diese Liebe zwischen Kirche und Staat ist ein Novum des «Politbüros 2.0». In der atheistischen Sowjetunion hatten Geistliche nichts zu sagen. Stattdessem wurden sie verfolgt, ihre Kirchen gesprengt, zu Lagerhäusern, Hallenbädern oder ähnlichem umgestaltet.

Sonst aber scheint sich der Geist der Sowjets wieder stärker auszuweiten, zumindest im Kreml. Wer nicht spurt, wird weggesperrt – immerhin nicht mehr erschossen. Ein Fünkchen Modernisierungswille scheint demnach im Kopf des Ex-KGB-Manns Putin doch noch vorhanden zu sein.

Jetzt halt oben ohne

Heureka! Die Prüfungen sind abgelegt und das letzte Referat als Bachelor-Student ist gehalten. Da sind wir wieder und stellen erstaunt fest, dass in den letzten drei Wochen einiges vorgefallen ist:

  • Ratko Mladić wurde endlich verhaftet
  • Silvio Berlusconi musste eine herbe Schlappe einstecken
  • Francine Jordi und Florian Ast sind ein Paar
  • Sepp Blatter und die FIFA sind ihrem Ruf einmal mehr gerecht geworden
  • Dominque Strauss-Kahn hat ein Problem, Jörg Kachelmann derzeit eines weniger
  • Carla Bruni ist schwanger – Strauss-Kahn bestreitet, der Vater zu sein
  • Die Luzerner Regierung bleibt SVP-frei
  • David Koller hat sich immer noch nicht beim Coiffeur angemeldet
  • Renzo Blumenthal findet es nicht lustig, wenn im Schweizer Fernsehen über die Inzucht bei Rätoromanen gelästert wird

Was uns aber in den letzten Wochen neben dem Bachelor-Abschluss wirklich beschäftigte, ist das kurze Leben von Herr Kollers Migros-Budget Uhr (Neupreis 30 Franken). Sie hatte das Zeug, neben dem Militärvelo Rosty zum trashigsten Utensil in der Sammlung des Studalisten zu werden. Doch mitnichten: ein nicht eben heftiger Zusammenprall mit einem Türrahmen reichte und das überaus hässliche aber liebenswerte Stück muss nach wenigen Wochen an Kollers Handgelenk vereinsamt und ohne Glas weiterleben. Glas ist indesssen massiv übertrieben, denn es ist lediglich eine Plastikscheibe – und eine offenbar nicht sonderlich gut verklebte dazu.

Funktioniert noch, jetzt halt oben ohne: Kollers M-Budget Uhr.

Was lehrt uns diese traurige Episode? Günstig ist gut, mitunter aber eben doch ein bisschen zu billig.