Perlen des Online-Journalismus

Eine Online-Redaktion ist nicht eben das, was wir uns als Arbeitsort von Edelfedern vorstellen. Die Schweizer Boulevard-Schleuder Blick hat das am 7. September auf ihrer Webseite mal wieder eindrücklich bestätigt.

Stein des Anstosses: In Baden verursacht ein 82-jähriger Rentner mit seinem VW einen spektakulären Unfall. Abgesehen von hohem Sachschaden verlief der Vorfall relativ glimpflich. In Anbetracht ähnlicher Ereignisse ist davon auszugehen, dass der Mann Gas- und Bremspedal verwechselt hat.  

Ein solcher Vorfall ist durchaus eine Meldung wert, zumal in einem Boulevard-Medium. Bedenklich aber ist die Schludrigkeit, mit welcher der Artikel verfasst und aufgeschaltet wurde. Kein Thema: Wo gearbeitet wird, passieren Fehler. Dass diese aber während Stunden – wenn nicht gar für immer – so im Netz bleiben, ist haarsträubend. Offenbar ist nicht einmal ein Mindestmass an Berufsstolz vorhanden.

Worüber wir uns so ereifern? Über diese Textstelle:

So viel Sprach-(In)Kompetenz auf so wenig Raum. Das muss man zuerst fertig bringen.

Im Sinne einer Klammerbemerkung stellen wir zudem fest, dass VW offenbar nicht nur schmutzige Motoren baut (war sicher ein Diesel), sondern auch sehr alte.

Hat «Blick» den Fehler mittlerweile korrigiert? Interessierte Leser mögen es selber überprüfen.

Alles sehr schlimm

Eine Gruppe Schweizer Politiker reiste jüngst nach Eritrea. Unter ihnen war SVP-Nationalrat Thomas Aeschi. Von einem Unrechtsstaat will er nichts mitbekommen haben.

Alles gar nicht so schlimm: «Zu jeder Tages- und Nachtzeit konnten wir uns frei bewegen, Fotos schiessen und Gespräche mit Eritreerinnen und Eritreern über politische und andere Fragen führen.» So ist es im «exklusiven Reisetagebuch» von Nationalrat Thomas Aeschi (SVP, ZG) im «Blick» zu lesen. Mit einer Gruppe von Politikern reiste der unterlegene Bundesratskandidat durch Eritrea. Sein Fazit: «Von Überwachungsstaat keine Spur. Nur ein einziges Mal in der gesamten Woche wurden wir kontrolliert.»

Himmelschreiende Naivität oder zynisches Kalkül?

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Nationalrat Thomas Aeschi. (parlament.ch)

Alles gar nicht so schlimm? Mit Verlaub, der Parlamentarier, der von seiner Partei im Vorfeld der Bundesratswahlen gerne als «weltoffen» gepriesen wurde – da viel herumgekommen –, ist entweder himmelschreiend naiv. Oder er ist ein eiskalter Zyniker. Denn was ist davon zu halten, dass die Regierung des Landes die Reise für die Schweizer Politiker wunderbar vorbereitet und orchestriert hat? In einem Überwachungsstaat hängen die Spitzel nicht wie Kletten an den Menschen, die sie im Auge behalten. Gleichwohl hört das System, was es hören will. Überdies werden Kritiker schon gar nicht erst an Gäste aus dem Ausland herangelassen. Zudem macht es nun wirklich keinen Sinn, Besucher – offensichtlich – zu kontrollieren. Vor allem dann nicht, wenn diese mitbekommen sollen, wie frei das von ihnen besuchte Volk doch ist.

Das alles weiss der gebildete Nationalrat sehr wohl. Dass Vertreter von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, der UNO oder dem Internationalen Roten Kreuz gar nicht erst ins Land eingelassen werden, blendet er indes geflissentlich aus. Obwohl dies ein deutliches Indiz dafür ist, dass die Regierung etwas zu verbergen hat.

Und genau hier liegt das Hinterhältige an den in verständnisvollen Worten verpackten und mit hübschen Reisefotos versehenen Aussagen: Nichts anderes als zynisches Kalkül ist das. Zumal es herrlich in die aktuelle Debatte um «Flüchtlingsströme» und die Durchsetzungsinitiative passt. Nun hat die SVP einen Augenzeugenbericht. Einer aus den eigenen Reihen, einer der an der HSG, in Harvard, Malaysia und Tel Aviv studiert hat, einer der sich nun wirklich auskennt, der hats selber gesehen: Alles gar nicht so schlimm.

Wirtschaftsflüchtlinge? Na und!

Alles sehr schlimm! Schon vor Aeschis Aufbruch ans Rote Meer war davon auszugehen, dass er ein schönfärberisches Bild malen wird. Immerhin konstatiert der Parlamentarier: «Eritrea ist nicht das Paradies auf Erden – es ist arm und bietet jungen Menschen, die den westlichen Lebensstandard aus dem Fernsehen oder durch das Internet kennen, wenig Perspektiven. Aber es ist auch nicht die Hölle, als die es manchmal beschrieben wird.» Unter den Personen, mit denen er gesprochen habe, scheine «ein grosser Konsens zu herrschen, dass die überwiegende Mehrheit der neu in Europa ankommenden Eritreer als Wirtschaftsflüchtlinge zu bezeichnen ist.»

Sie kommen also, um von unserem Wohlstand zu profitieren. Wirtschaftsflüchtlinge sind etwas Schlechtes, könnte man ob der hitzigen Ausländer-Debatten dieser Tage meinen. Doch wer dies behauptet, übersieht einen wichtigen Aspekt: Migration geschieht und geschah meistens aus wirtschaftlichen Gründen. So beantwortete der Globalhistoriker Jürgen Osterhammel jüngst in einem Interview in «NZZ Geschichte» eine entsprechende Frage wie folgt:

Warum ist der Begriff der Wirtschaftsflüchtlinge heute so negativ besetzt?
Dass er es ist, lässt sich historisch nicht rechtfertigen. Migration war meist ökonomisch motiviert.

Darum sagen wir, werter Herr Nationalrat: Selbst wenn es alles Wirtschaftsflüchtlinge sein sollten – gar nicht so schlimm!

Wenigstens reiste er nicht nach Syrien

Nun soll eine Fact-Finding-Mission seine Befunde untermauern, verlangt Thomas Aeschi. Immerhin: Einen Lichtblick gibt es. Wenigstens war er nicht so dreist, nach Syrien zu reisen, dort beispielsweise die Stadt Aleppo zu besuchen und danach zu verkünden: «Alles gar nicht so schlimm».

Ein wahrlich grosses Wort!

Immer wieder sind die Damen und Herren von blick.ch für allerhand Dumm-Meldungen zu haben. Heute (21.05.15) hat sich in der Online-Redaktionsstube mal wieder jemand selber übertroffen:

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Wahrlich, explodieren ist für das Vorgefallene ein grosses Wort. Und ein falsches obendrein. Wie wenig das Ganze mit einer Explosion zu tun hat, würde nur schon ein Blick auf – pardon! – Wikipedia klären.

Doch so funktioniert der Boulevard: Der Titel muss knallen – wie die Scheibe in der Tür des Postautos. Und wenn die sogenannten «Leserreporter» schon mal Material schicken, wird es verwertet. Da kann der Müll-Faktor noch so gross sein.

Doppelseite des Grauens

In seiner neusten «Carte Blanche» lästert David Koller über die Jet-Set-Lady Vera Dillier und ihren jungen Freund, vor allem aber über die Boulevardzeitung, die der Nation Artikel mit solchen Inhalten zumutet:

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Doppeladler, Mist und Frauenquote

Direkt über meinem Bildschirm hängen die beiden. Er, ein blonder Adonis mit muskulösen Armen und viel Haar auf Brust und Kopf. Sein Aussehen gemahnt an jenes von Titelhelden billiger Groschenromane, wie sie an Kiosken feil geboten werden. Sie steht vor ihm, auch ihr Oberkörper komplett entblöst. Die Hände des Jünglings bedecken ihre bare Brust. Auf ihrem Gesicht eine Art Lächeln – es kann auch als drohendes Fletschen interpretiert werden. Die Jet-Set-Lady Vera Dillier und ihr Liebhaber, das Ex-Model Josef (29) aus Tschechien. «Mein Alter wird er nie erfahren!», steht in dicken Lettern über dem zweiseitigen Artikel, mit dem das Boulevardblatt der Nation vor gut einem Monat an einem Sonntag die Schweiz erschreckte – inklusive Details aus dem Schlafzimmer. Auch wir von der WB-Redaktion waren belustigt und angewidert zugleich.

Längst haben die meisten die Geschichte vergessen. Ich nicht. Denn mich traf das Los der Teilzeitarbeitenden: Als ich eines Morgens ins Büro kam, hing sie dort, die Doppelseite des Grauens. Ein «Geschenk» der Arbeitskollegen. Wieder und wieder bleibt mein Blick seither daran hängen. Ich versuche, das Bild vor dem inneren Auge zu verschönern, indem ich die Dillier in ein mit Edelweissen verziertes Hemd stecke; ihren um Jahrzehnte jüngeren Toyboy in eine Doppelkopf-Adler-Flagge hülle. Immerhin gehörte seine Heimat einst zur Habsburgermonarchie, deren Wappen ein solches Tier schmückte. Dann wieder lenke ich mich mit der Frage ab, was denn das für eine Berufsbezeichnung ist – Jet-Set-Lady. Auch überlege ich mir, ob diese Profession in Zeiten wieder zur ernsthaften Option wird, in denen Frauenorganisationen gewisser Parteien eine Regierung ohne weibliche Beteiligung als annehmbar betrachten.

Ferner sinniere ich, warum es solcher Schwachsinn in den «Blick» schafft – genauso wie Tierfäkalien vor Willisauer Geschäftseingängen oder kindische Streitereien von hiesigen Schülern. Fürwahr, der Boulevard tickt anders. Uns Lokaljournalisten – mit Mist an den Schuhen, nicht im Blatt – wird er ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Letztlich entscheide ich mich zum längst überfälligen Schritt. Ob geschenkt oder nicht: Das Presseerzeugnis wandert dorthin, wo es hingehört. In den Papierkorb.

Willisauer Bote (WB), 17. April 2015
© David Koller, 2015

Türen raus!

Im Beitrag vom 10. Oktober haben wir uns über die simplen, teils hochgradig xenophobischen Weltanschauungen gewisser Kommentar-Schreiber auf der Webseite des «Blick» enerviert.

Doch warum immer schimpfen? Nun wollen wir uns bedanken. Denn ein Kommentar hat uns das Leben versüsst.

Folgendes: Der Privatjet, in dem «U2»-Sänger Bono unterwegs war, verlor während des Flugs die Tür des Frachtraums. Diese stürzte samt des Gepäcks – allenfalls eine Ladung geschenkter iPhones? – in die Tiefe.

«Blick» berichtete am 13. November darüber und wusste gar die Immatrikulation der Maschine: D-CGEO*. Freude bereitete uns der einzige Kommentar, den ein Leser zu diesem semi-dramatischen Vorfall verfasst hat.

Blick-Tuer

Fraglich ist, ob diese Zeilen ernst gemeint sind, oder ob deren Verfasser allenfalls Anhänger einer neo-dadaistischen Strömung ist. Interessant erscheint uns überdies, dass eine deutliche Mehrheit der Leser den Kommentar mit erhobenen Daumen bewertet hat. Offenbar gibt es in der Schweiz fast so viele Gegner von Türen, wie Gegner von Asylbewerbern.

«Türen raus!», ist man darob versucht zu skandieren.

Uns indes stellt sich eine schwerwiegende Frage: Türen verbieten – gut und recht. Doch, liebe «Blick»-Leser, wie kommt man dann in etwas rein?

* Die Immatrikulation eines Flugzeugs ist vergleichbar mit einer Autonummer. D-CGEO sagt aus, dass es sich um eine in Deutschland eingetragene Maschine handelt. Dass in der Bildlegende des online-Artikels fälschlicherweise die Immatrikulation als Teil der Typenbezeichnung (Learjet 60) angegeben wird, ist ein Detail, das einzig Aviatik-Geeks wie Herrn Koller stört und über das wir generös hinwegblicken wollen.